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Bauernhaus-Museum Wolfegg

Von Entenklemmern und Bauersleut'

Wolfegg Lesedauer: 4 min

Tief eintauchen in das bäuerliche Leben vor mehreren Jahrhunderten. Im Bauernhaus-Museum Allgäu-Oberschwaben in Wolfegg ist das sehr anschaulich möglich.
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Puh, bei so einer Hitze auf dem Feld Heu wenden, den stickigen Stall ausmisten oder mehrere Laib Brot backen – unvorstellbar. Die Sonne brennt an diesem Nachmittag gnadenlos vom milchig-blauen Himmel, es weht kein Lüftchen. Kein Wunder also, dass nur wenige Menschen im Bauernhaus-Museum Allgäu Oberschwaben in Wolfegg heute zu Besuch sind, sondern sich lieber an den Badeseen der Region aufhalten. Wobei so ein heißer Tag noch anschaulicher macht, wie sich die Menschen auf dem Land vor 100 oder 200 Jahren abrackern mussten, um das Vieh durchzufüttern und selbst im kommenden Winter genug zu essen zu haben.

Aber es braucht keine Bruthitze, um in den Bauern- und Handwerkeralltag anno dazumal einzutauchen. Bei einer Führung, beim Entdecken der alten Gebäude auf eigene Faust oder dem Besuch einer der Ausstellungen auf dem 15 Hektar großen Gelände wird schnell klar, dass früher nicht wirklich alles besser und das Leben auf so einem Bauernhof in der Regel kein Zuckerschlecken war.

Wo kommen die Redewendungen her?

Wer mit Museumspädagogin Christa Hardtmann unterwegs ist, erfährt viel über den Alltag der Menschen, die einst in diesen 28 historischen Bauernhöfen gelebt und gearbeitet haben. Zum Beispiel, dass im Haus Andrinet aus Urlau ursprünglich gesponnen und gewebt wurde. „Fassen Sie mal an, das ist Flachs“, fordert Hardtmann auf und reicht ein raues, hartes Büschel weiter. „Daraus wurden Kleider gemacht“, erklärt sie, was sich aber erst einmal unglaublich anhört. Erst als Hardtmann demonstriert, wie der Flachs weich geklopft, geschabt und gehechelt, gesponnen und schließlich verwebt wurde, mag man ihr Glauben schenken.

Oben in der Stube – im Winter meist der einzige beheizte Raum im Haus – kamen die Frauen zusammen, um den Flachs zu bearbeiten. Zum Beispiel an der Hechel. Natürlich nicht, ohne dabei kräftig zu schwatzen. „Jetzt wird auch klar, woher der Ausdruck, die ,Nachbarschaft durchhecheln’ kommt, oder?“, fragt die Museumspädagogin. Anschließend führt sie die Besucher in den Keller, in dem einst der Weber saß und arbeitete. Warum aber im dunklen Keller? „Weil es hier feucht war und deshalb das Material nicht gerissen ist“.

Auf Entdeckungstour: Auch Kinder tauchen gerne in alte Zeiten ein.
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Auf Entdeckungstour: Auch Kinder tauchen gerne in alte Zeiten ein. (Foto: Ernst Fesseler)

Christa Hardtmann ist selten um eine Antwort verlegen. So erklärt sie, dass das Allgäu und auch Teile Oberschwabens einst vom Leinenhandel lebten und Städte wie Ravensburg dadurch reich geworden sind. „Erst als Baumwolle aus den USA importiert wurde, war hier Schluss damit. Dann stellten viele Bauern auf Milchwirtschaft um.“ Zu erkennen ist dies auch an der Bauweise der Gebäude, die allesamt aus der Region stammen, an ihrem Ursprungsort ab- und in Wolfegg wieder aufgebaut worden sind. Mit dem Beginn der Milchwirtschaft wurden die Dachstühle höher, weil man dort das Heu gelagert hat.

Der Museumspädagogin macht es nicht nur Spaß, die Häuser, Stuben, Schlafkammern, Küchen, Bauerngärten und Wirtschaftsgebäude stolz zu präsentieren, sie schöpft auch aus einem großen Wissen um die damalige Zeit und vor allem um heute noch gängige Redewendungen. Im Haus Füssinger aus dem Jahr 1705 verweilt sie lange in der elterlichen Schlafkammer und richtet das Augenmerk auf das Himmelbett. Rechts und links waren hier einmal Vorhänge angebracht. „Und wenn die Bäuerin mit ihrem Mann ein ernstes Wort zu reden hatte, wurden die Gardinen zugezogen. Sie hielt ihm sozusagen eine Gardinenpredigt.“ Auf dem oberen Abschluss des Betts habe der Bauer seinen Notgroschen versteckt, das Geld also auf die hohe Kante gelegt.

Auf dem Weg zum Dorfanger watscheln ein paar der museumseigenen Gänse vorbei. Und sofort fällt Christa Hardtmann eine weitere Geschichte ein. „Wenn der Bauer früher eine Gans oder Ente verkaufen wollte, massierte er ihr vorher den Bauch, in der Hoffnung, dass ein Ei herausfällt, das dann noch ihm gehört. Jetzt wissen Sie auch, woher der Ausdruck ,Entenklemmer’ für einen Geizhals kommt.“

Sammeln, erhalten, forschen, vermitteln

Vor allem das Schicksal der Bäuerinnen liegt Hardtmann am Herzen. Sie erzählt von schwerer körperlicher Arbeit und davon, dass das Eiergeld oft das einzige Geld war, über das die Bäuerin alleine verfügen durfte. Den jüngsten Museumsbesuchern zeigt sie unter anderem das wenige, einfache Spielzeug, das den Bauernkindern zur Verfügung stand.

Die vier wichtigsten Aufgaben eines Museums zählt Hardtmann auf: sammeln, erhalten, erforschen, vermitteln. Im Bauernhaus-Museum in Wolfegg werden sie allesamt erfüllt. Eine angelegte Kulturlandschaft, wie sie um 1820 in Oberschwaben zu finden war, liegt zu Füßen des Schlosses, drumherum stehen die Gebäude, das älteste eine Zehntscheuer aus dem Jahr 1430, das jüngste ein Straßenwärtergerätehaus von 1960. Das Leben während dieser Jahrhunderte den Menschen nahezubringen, ist die Aufgabe von 25 Museumspädagogen. Und bestimmt gelingt ihnen allen das so perfekt wie Christa Hardtmann.

Weitere Informationen: Jeweils sonntags um 11.30 Uhr und um 13 Uhr finden Führungen statt. Noch bis zum Ende der Sommerferien gibt es im Bauernhaus-Museum ein Ferienprogramm. Die Highlights der kommenden Wochen: 31. August Danzbodaglüah, 1. September Volksmusiktag, 15. September Käsemarkt und Braunviehschau. www.bauernhaus-museum.de