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Sommerzeit

Paradies vor der Haustür: Diese Ecken am Bodensee neu entdecken

Ravensburg Lesedauer: 4 min

Am Bodensee gibt es so manche schönen Ecken, die auch Einheimische neu entdecken können. Weinliebhaber kommen ebenfalls auf ihre Kosten.
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Der Prophet gilt nichts im eigenen Land, sagt der Volksmund – eine Erkenntnis, die sich auch auf das heimische Land ausweiten lässt. Es gibt eine Menge Zeitgenossen, die die halbe Welt gesehen haben, jedoch erstaunliche Kenntnislücken aufweisen, was das Paradies vor der Haustür angeht.

Vielen Anrainern des Hinterlands am nördlichen Bodenseeufer ist beispielsweise der Arenenberg auf der Schweizer Seeseite kein Begriff, obwohl er nur wenige Kilometer westlich von Konstanz am Untersee liegt. Auf diesem Hügel thront, hoch über der Insel Reichenau, das „schönste Schloss am Bodensee“. In der Tat ist der zauberhafte Ausblick vom Garten des Napoleonschlösschens auf den See kaum zu übertreffen.

Der Weinbau ist schon lange zu Hause

Dass heute am See französische Geschichte in einem prächtig ausgestatteten Museum zu bewundern ist, ist der Königin Hortense de Beauharnais zu verdanken. Die Tochter Josephines, der Frau Napoleon Bonapartes, lebte mit ihrem Sohn Louis, dem späteren Kaiser Napoleon III., von 1815 bis 1837 auf dem Arenenberg, nachdem die beiden aus Frankreich hatten fliehen müssen.

Schon viel früher als der französische Adel war auf dem Arenenberg der Weinbau zu Hause. Vor exakt hundert Jahren erwies sich das als Segen für den deutschen Bodenseewein, der unter Missernten und der mangelnden Qualität des hauptsächlich angebauten Säuerlings namens Elbling litt.

Geschmuggelte Reben führen zum Erfolg

Abhilfe kam in einer Aprilnacht des Jahres 1925 per Ruderboot aus Arenenberg. Von dort schmuggelten zwei junge Burschen im Auftrag des Gutsverwalters auf Schloss Kirchberg, Johann Baptist Röhrenbach, 400 Setzlinge Müller-Thurgau ans deutsche Ufer. Die 1882 von Professor Hermann Müller aus Tägerwilen im Kanton Thurgau gezüchtete Kreuzung aus Riesling und – wie er glaubte – Silvaner erwies sich als Glücksfall für die deutschen Winzer am See.

Philipp Haug, Winzersohn aus Lindau und Ehemann von Gräfin Bettina ist zuständig für den Weinanbau auf der Mainau.
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Philipp Haug, Winzersohn aus Lindau und Ehemann von Gräfin Bettina ist zuständig für den Weinanbau auf der Mainau. (Foto: Bernd Hüttenhofer)

Heute weiß man, dass es sich bei der Kreuzung um Riesling und Madeleine Royale handelte und dass der Müller-Thurgau, zwischenzeitlich als Massenwein in Misskredit geraten, ungeahntes Qualitätsniveau erreichen kann. Besucher können etwa in der Spitalkellerei Konstanz, einem der größeren Weingüter am See, einen bemerkenswert guten 2024er Lagen-Müller-Thurgau von der Konstanzer Sonnenhalde verkosten.

Feine Müller-Weine werden auch vom Weingut Kress präsentiert. Die Konstanzer Spitalkellerei, die in diesem Jahr ihr 800-jähriges Bestehen feiert, produziert auf 18 Hektar, elf davon in der Meersburger Haltnau, 135 000 Flaschen Wein pro Jahr. Deutlich weniger als in früheren Jahren.

Von 5000 Hektar bleiben nicht mal 600

Rund 5000 Hektar deutsche Rebfläche gab es einst am See. Geblieben sind davon keine 600, wie Stephan Düringer, der Geschäftsführer der Spitalkellerei, erzählt. Und es werden bald noch weniger werden, denn das Salemer Weingut Markgraf von Baden, mit rund einer Million Flaschen jährlich der größte Weinerzeuger am See, hat die Rodung von rund 60 Hektar am Nordufer beschlossen. Die Weinwirtschaft hat’s nicht leicht im Moment, der Trend geht weg vom Alkohol, der Absatz sinkt. „Weinproduktion kostet sehr viel Geld“, sagt Düringer, „das muss sich auch tragen. Wenn das so weitergeht, wird sich auch die Landschaft verändern. Winzer sind ja auch Gartenpfleger.“

In der Tat spielen Gärtner und Weinbauer in einem Team, wie Gartendirektor Markus Zeller und Philipp Haug beim Rundgang über die Blumeninsel Mainau demonstrieren. Haug ist der Ehemann der Ex-Mainau-Geschäftsführerin Bettina Gräfin Bernadotte und als diplomierter Agraringenieur für den Versuchsweinberg zuständig. Nicht weit von den berühmten Rosengärten wurden 2006 wieder 800 Weinstöcke angepflanzt. Haug setzt auf pilzwiderstandsfähige (Piwi) Sorten wie Johanniter, Solaris und Monarch, die „helfen, den Pflanzenschutz auf ein gewisses Maß zu reduzieren.“

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Auch im Weingut der Kartause Ittingen in Warth bei Frauenfeld kann man Piwi-Weine probieren. Im Gegensatz zur Mainau steht dem ehemaligen Kloster mehr als genug Wein für den Verkauf zur Verfügung: Die geschäftsführende Stiftung trägt sich mit dem Gedanken, die Anbaufläche von zehn auf sieben Hektar zu reduzieren. Wie Schloss Salem, das ehemalige Zisterzienserkloster auf der gegenüberliegenden deutschen Seite, hat die besterhaltene Kartause Europas weit mehr zu bieten als Wein, darunter eine weitläufige Gartenanlage, die alleine den Besuch lohnt.

Salem und Ittingen gehören zum Netzwerk von rund 50 unterschiedlichsten Bodenseegärten. Und dann gibt es da noch verträumte Privatgärten wie etwa den von Adolf Röösli. Der 87-Jährige hat vor 33 Jahren das heruntergekommene Schloss Hahnberg in Berg bei Arbon erstanden und samt dem 8000 -Quadratmeter-Garten wieder hergerichtet. Das Tor zu der traumhaften Anlage steht täglich offen, Besuch erwünscht – ein Angebot, das man keinesfalls ausschlagen sollte.