Interview
„Probiotika aus der Apotheke? Meist überflüssig.“ – Chefarzt Dr. Christian Hart im großen Darm-Interview
Kempten • Lesedauer: 4 min

Herr Dr. Hart, Sie halten gemeinsam mit Dr. Nguyen-Tat regelmäßig den Vortrag „Fit im Bauch“. Welche Fragen von Patienten begegnen Ihnen dabei am häufigsten?
Viele unserer Zuhörer haben Fragen zur Darmflora und meinen, durch Präparate aus der Apotheke ihren Darm fitter zu bekommen. Dabei ist es vor allem die breite und ausgewogene Ernährung, die ganz wesentlich zu einem gesunden Darm beiträgt – und weniger probiotische Produkte, wie es uns die Lebensmittel- und Pharmaindustrie immer wieder suggerieren möchte. Zudem werden wir oft gefragt, ob es Alternativen zur Darmspiegelung im Rahmen der Darmkrebsvorsorge gibt, da das Abführen vor einer solchen Untersuchung auf manche abschreckend wirkt. Da diese Untersuchung aber tatsächlich lebensrettend ist und Darmkrebs nachweislich verhindern kann, ist sie letztendlich alternativlos.
Viele Menschen denken beim Darm nur an Verdauung. Warum ist er weit mehr als ein Verdauungsorgan?
Der Darm ist neben seiner Verdauungsfunktion auch eine zentrale Stelle des Immunsystems. Mit 350 Quadratmetern Schleimhautoberfläche muss sich der Körper von unerwünschten Eindringlingen schützen, weshalb circa 70 Prozent der Immunabwehr im Darm lokalisiert sind. Zudem hat die Gesamtheit der im Darm befindlichen Mikroben, auch als Mikrobiom bezeichnet, einen immensen Einfluss auf andere Organsysteme, mit denen es über neuronale Botenstoffe kommuniziert. In der aktuellen Forschung mehren sich die Erkenntnisse, dass auch Erkrankungen wie Morbus Parkinson, Diabetes mellitus, Multiple Sklerose und viele mehr letztendlich mit dem Mikrobiom in Verbindung stehen.
Der Darm wird oft als „zweites Gehirn“ bezeichnet. Wie erleben Sie den Zusammenhang zwischen Darm und Psyche in Ihrer Praxis?
Hippokrates schrieb bereits 400 vor Christus: „Der Darm ist der Vater allen Trübsals“. Das drückt schon genau das aus, was wir Viszeralchirurgen und Gastroenterologen auch in unserem klinischen Alltag erleben. Wenn der Darm erkrankt, ist der ganze Mensch krank, und das schlägt sich unweigerlich auch in der Psyche nieder. Der Ausdruck „zweites Gehirn“ ist aber vor allem auch den Erkenntnissen der Forschung aus den letzten Jahren entnommen, bei der sich zunehmend abzeichnet, dass die neuronalen Netzwerke des Darmes mit dem restlichen Körper kommunizieren und Erkrankungen der Neurologie, wie Alzheimer und Parkinson, auch in der Entstehung von den Mikroorganismen des Darmes beeinflusst werden.
Können Probleme im Darm tatsächlich die Stimmung oder das Energielevel beeinflussen – und umgekehrt, wie wirkt sich Stress auf den Darm aus?
Probleme im Darm, wie Störungen der Verdauungsfunktion, Übelkeit oder Krämpfe, haben einen enormen Einfluss auf unser Wohlbefinden. Die Zahl der Ratsuchenden aufgrund von Verdauungsstörungen hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen, weil damit eben eine erhebliche Einschränkung des körperlichen Wohlbefindens einhergeht. Der Alltagsstress spielt dabei als auslösender Faktor durchaus eine Rolle, weil er Einfluss nimmt auf unser hormonelles Gleichgewicht, aber auch ungesunde Ernährungsweisen fördert. Sich für die Nahrungszubereitung und eine genussvolle Mahlzeit Zeit zu nehmen, ist wesentlich für unsere Darmgesundheit.
Welche einfachen Strategien und Gewohnheiten empfehlen Sie, um den Darm langfristig gesund zu halten?
Im Prinzip sind es drei Säulen, die die Darmgesundheit langfristig erhalten:
- Eine ausgewogene und gesunde Ernährung – mit möglichst wenig hochverarbeiteten Lebensmitteln, einem hohen Anteil an Vollkornprodukten und frischen Lebensmitteln wie Obst und Gemüse. Grundsätzlich gilt: je breiter und vielseitiger, desto besser. Dazu sollte auf eine ausreichende Trinkmenge ungesüßter Getränke geachtet werden.
- Bewegung – zwei bis drei Stunden Sport moderater Intensität pro Woche reichen dafür aus.
- Darmkrebsvorsorge – ab dem 50. Lebensjahr zwingend die Darmspiegelung nutzen, die bei fehlendem Befund alle zehn Jahre reicht.
Wenn der Darm erkrankt, welche Warnsignale sollten Menschen ernst nehmen?
Anhaltende Veränderungen der Verdauungs- und Stuhlgewohnheiten oder wiederholt Blut im Stuhl sollten immer zu einer weiterführenden, ärztlichen Abklärung führen.
Welche häufigen Darmerkrankungen begegnen Ihnen in der Praxis – und wie lassen sie sich vorbeugen?
Wenn Sie drei einfache Tipps für einen gesunden Darm nennen müssten – welche wären das?
Ganz klar: Gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung und die Vorsorgeuntersuchung wahrnehmen.

Experten live erleben
Der Klinikverbund Allgäu bietet regelmäßig Vortragsreihen für Patienten, Angehörige und Interessierte an. Die Themen umfassen verschiedene medizinische Bereiche. Die Veranstaltungen sind kostenfrei und bieten die Gelegenheit, mit den Referentinnen und Referenten ins Gespräch zu kommen.
Ein Highlight der Reihe ist der Vortrag „Fit im Bauch: So bleibt der Darm gesund – Was tun, wenn der Darm erkrankt?“ mit Dr. Christian Hart und Dr. Marc Nguyen-Tat.
Nächster Termin: Donnerstag, 23. April 2026, 19 Uhr
Ort: Haus zum Gugger, Bad Wörishofen
Besonderheit: Inklusive kulinarischer Verköstigung – ein Koch berichtet über darmgesunde Ernährung
Übrigens: Hier geht es zum Hintergrundartikel: „Der Darm – unser stiller Star“