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Sommerzeit

Wo Kanonen für eine gute Ernte sorgen sollten

Im Freilichtmuseum Illerbeuren reist man auf authentische Weise zu den Wurzeln schwäbischen Landlebens und erfährt, was Kanonen auf den Feldern der Landwirte zu suchen hatten.

Illerbeuren Lesedauer: 4 min


Veröffentlicht: Uhr
(Aktualisiert: Uhr)

Es riecht nach Holz, Hobelspäne wirbelt durch die Luft und ein monotones Surren übertönt die Rufe der Grillen auf den umliegenden Feldern. Das Surren stammt von Mike Tigneys Drechselmaschine. Sie lässt das eingespannte Ahornholz in Sekundenschnelle rotieren. Mit Hobel und Schleifwerkzeugen bearbeitet Tigney das helle Hartholz. In wenigen Minuten wird er daraus ein Nudelholz gedrechselt haben. Tigney ist Drechsler im schwäbischen Freilichtmuseum Illerbeuren. 1955 ins Leben gerufen, ist es heute das älteste Freilichtmuseum Deutschlands.

Mike Tingey bei drechseln eines Nudelholzes aus Ahorn.
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Mike Tingey bei drechseln eines Nudelholzes aus Ahorn. (Foto: Niklas Martin)

Vor über 40 Jahren kam Tigney aus Großbritannien in die Gegend um München. Ein Verwandter lehrte ihm das Drechslerhandwerk in der Jugend. Stets war es seine heimliche Leidenschaft gewesen. Für Freunde und Bekannte hatte er schon länger alle möglichen Holzgegenstände geschaffen. Vor einigen Jahren bot ihm das Illerbeurer Freilichtmuseum die Drechslerwerkstatt auf dem Museumsgelände an. Seither drechselt Tingey Nudelhölzer, Werkzeuggriffe und viele weitere Alltagsgegenstände. Besucher können ihm dabei über die Schulter schauen und so ein jahrhundertealtes und früher hoch angesehenes Handwerk erleben. „Für mich ist es die schönste Arbeit, die es gibt“, so Tigney Vor allem die Vielfalt an Hölzern mitsamt ihren unterschiedlichen Eigenschaften fasziniert ihn Tag für Tag.

Vielfalt ist auch das Stichwort mit Blick auf das Museum selbst. Unweit von Tigney Drechslerwerkstatt können Besucher Mähdrescher, Melkmaschinen und mittelalterlich anmutende Pflugmaschinen bestaunen. Die Landmaschinenausstellung entführt Interessierte auf eine Zeitreise durch die landwirtschaftliche Technik: „Hier arbeitet eine Miele Melkmaschine“, steht stolz in weisen Lettern auf einem dunkelgrünen Blechschild. Ein Weiteres warnt: „Ihnen bleibt keine Wahl! Wenn Sie überleben wollen, müssen Sie fortwährend modernisieren, investieren, rationalisieren und expandieren.“ Der Markt gebiete es, stets auf dem neuesten Stand der Technik zu produzieren.

Auch auf dem Land zeigt man offenbar, was man hat. In diesem Fall eine Melkmaschine des Haushaltstechnikherstellers Miele.
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Auch auf dem Land zeigt man offenbar, was man hat. In diesem Fall eine Melkmaschine des Haushaltstechnikherstellers Miele. (Foto: Niklas Martin)

Was hier beinahe wie eine Drohung klingt, war offenbar zielgerichtetes Marketing der Landmaschinenindustrie in den 1950er- und 1960er-Jahren.

Schützenhaus: Vom Kriegsgeschoss bis zur Gewitterkanone

Wenige Meter entfernt steht seit kurzem das neu gebaute Haus zur Schützenkultur. Auf rund 500 Jahre süddeutscher Schützenkultur blickt die Ausstellung. Von den großen Schützenfesten der frühen Neuzeit über die Bundesschießen des 19. Jahrhunderts, bis zu den Olympischen Spielen 1972 in München bietet das Haus, vielfach auch multimedial, Einblicke in ein früher weit verbreitetes und bedeutsames Kulturphänomen, das heute nur noch ein Nischendasein fristet. Gleichzeitig widmet sich die Ausstellung auch der Waffentechnik und dem dahinterstehenden Handwerk. Aber auch die Fragen nach Waffenmissbrauch und staatlicher Kontrolle werden im dreistöckigen Schützenkulturhaus beantwortet. Und wer möchte, kann unter Anleitung sogar selbst Hand anlegen, zielen und abdrücken.

Dabei ging es beim Schießen nicht immer nur darum, das Ziel möglichst präzise zu treffen. „Auch die Lautstärke des Knalls war von Bedeutung“, weiß Karl Schiebel. Im Krieg sollte die Lautstärke der Kanonenschüsse dem Gegner Angst machen. Gleiches gilt für das sogenannte Gewitterschießen. „Mit lauten Schüssen hofften die Leute früher das Gewitter vertreiben zu können. Man signalisierte dem Donner quasi, dass er nicht mehr kommen brauche, weil es hier schon donnert“, so Schiebel. So hätten die Bauern versucht, ihre Ernte vor Gewitterschäden zu schützen. Denn, so Schiebel: „Ein Gewitter konnte darüber entscheiden, ob man im Winter hungern musste oder nicht.“

Häuser werden teilweise in einem Stück dem Museum angeliefert

34 Häuser umfasst der gesamte Museumskomplex. Ausgehend vom alten Museumsdorf wurden in den vergangenen Jahrzehnten immer weitere Flächen erschlossen und Häuser transloziert. So nennt man den Umzug ganzer Häuser in die Museumslandschaft. „Früher wurden jedes Haus an Ort und Stelle in seine Einzelteile zerlegt und im Museum wieder aufgebaut“, erklärt Mathilde Wohlgemuth, Sprecherin des Museums. Heute werden Häuser zum Teil in einem Stück verladen und mit einem Schwerlasttransport zu uns gebracht. „Erst kürzlich haben wir ein Schutzhaus für Flüchtlinge aus den 1930-Jahren in einem Stück bekommen“, so Wohlgemuth. In Kürze werde dieses so weit aufbereitet sein, dass Besucher hier in die Geschichte der Flüchtlinge während und nach dem Zweiten Weltkrieg eintauchen können.

50 Mitarbeiter für 48 000 Besucher pro Jahr

Rund 48.000 Besucher zählte das Illerbeurer Freilichtmuseum im vergangenen Jahr. Allein aus den Einnahmen, acht Euro kostet der Eintritt für Erwachsene, lässt sich der Museumsbetrieb nicht finanzieren. „Wir werden getragen vom Zweckverband Bayrisch-Schwaben, dem Landkreis Unterallgäu, der Gemeinde Kronberg und dem Verein Heimatdienst Illertal e.V.“, so Wohlgemuth. Nur so kann das, zur Hauptsaison 50-köpfige Team, bestehend aus Kulturwissenschaftlern, Bauforschern, Landwirten und Archivaren und die Instandhaltung der Bauten finanzieren und die Besucher auf authentische Weise in die Zeit vor der industriellen Landwirtschaft reisen lassen.

Weitere Informationen: Am 28. und 29. September findet auf dem Gelände des Freilichmuseums der Illerbeurer Herbst statt. Mit zahlreichen traditionellen Handwerkern, Mitmachangeboten und kulinarischen Highlights wird dann die Ernte gefeiert.