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Sommerzeit

Mit dem Dorfpolizisten durchs Freilichtmuseum

Eine Frau muss „schaffig“ sein und Verbrecher gehören weggesperrt. Das ist für Johannes Georg Storz selbstverständlich. Er entführt die Besucher in den Alltag im Jahr 1906.

Neuhausen ob Eck Lesedauer: 5 min


Veröffentlicht: Uhr
(Aktualisiert: Uhr)

„Ich bin der Johannes Georg Storz, bin 59 Jahre alt, verwitwet, neu verheiratet, aktuell habe ich acht lebende Kinder.“ Mit diesen Worten stellt sich der in blauer Uniform gekleidete Dorfpolizist vor und erntet erste Lacher. Es ist nicht der starke schwäbische Dialekt, weswegen sich die Gäste an diesem Nachmittag im Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck amüsieren - es ist wohl die Selbstverständlichkeit, mit der dieser Mann sich vorstellt. Es ist klar: Er stammt aus einer anderen Zeit.

Die Besucherinnen und Besucher sind gekommen für eine sogenannte Erlebnisführung mit einem Dorfpolizisten, wie er im Jahre 1906 gelebt haben könnte. Der Polizist, der eigentlich Rainer Liehner heißt, zeigt den Gästen in anderthalb Stunden mit Humor und historischer Kenntnis sein Dorf, sein Zuhause und seine Weltanschauung.

Armut und Erbe

Los geht es mit dem Haus des Tagelöhners. Auf 30 Quadratmetern wohnen hier neun Personen, berichtet der Dorfpolizist. Die Familie des Tagelöhners besitzt fast nichts. Dorfpolizist Storz liest aus einer historischen Postkarte vor, in der es um einen Todesfall geht. „Ihr wisst ja, welches Erbrecht wir haben“, sagt der Polizist. Die Gäste schweigen. Dann verrät Storz es ihnen: Nach der sogenannten Realverteilung bekommen alle Erben gleich viel.

Mit einem historischen Fahrrad kommt der Dorfpolizist zur Führung. Dieses muss ein Mann aus dem Publikum übernehmen.
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Mit einem historischen Fahrrad kommt der Dorfpolizist zur Führung. Dieses muss ein Mann aus dem Publikum übernehmen. (Foto: Simon Federer)

Ein Beispiel: „Der Schwiegersohn bekommt von einem halben Haus die Hälfte und davon den achten Teil. Das ist doch nichts, oder?“ Auch bei Ackerland sei es so, dass es verteilt werde, „bis nur noch ein Handtuch übrig bleibt“. Bei dem auf der Postkarte erwähnten Sterbefall sei es so gewesen, dass ein Kehrbesen mit Schaufel vererbt wurde - „das einzige Hygienische im Haus“.

Errungenschaften im Haushalt

Aber nicht jeder im Dorf lebte derart ärmlich. Stolz präsentiert der Dorfpolizist sein eigenes großzügiges Fachwerkhaus, in dem einst tatsächlich ein Mann mit dem Namen Johannes Georg Storz wohnte. „Hier bin ich mit meinen sieben Geschwistern aufgewachsen. Und keiner davon ist gestorben. Das ist was Seltenes.“

Storz ist neben seiner Tätigkeit als Dorfpolizist zwar kein reicher Großbauer, dafür aber ein „halber Bauer“ mit eigenen Kühen und - ganz wichtig - zwei Misthaufen. „Ich sage immer, an d'Mischde erkennst du den Bauern.“

Der Höhepunkt des Hauses, den der Dorfpolizist den Besuchern unbedingt zeigen möchte, befindet sich in der Küche: fließend kaltes Wasser aus dem Hahn und elektrisches Licht. Der Polizist kann sich kaum halten vor Begeisterung.„ Geht es meinem Weib nicht gut?“, fragt Storz in die Runde.

Eine Frau muss „schaffig“ sein

Und überhaupt, das weibliche Geschlecht. Für den Dorfpolizisten ist klar, dass Frauen etwa nicht dazu imstande wäre, seinen Beruf auszuüben. Klar ist auch: Wenn sie heiraten wollen, brauchen sie eine Aussteuer, also Vermögen, das sie in die Ehe mitbringen. In seinem Schlafzimmer zeigt er in einem Schrank die Aussteuer, die seine Frau mitgebracht hat - Leintücher fürs Bett, Unterwäsche. Der Polizist fragt eine junge Teilnehmerin, ob sie eine Aussteuer bereithält, was sie verneint. Das kann der Mann aus dem Jahre 1906 gar nicht fassen. „Du machst mir Sorgen, Mädel“, kommentiert Storz.

Erntet viele Lacher für seine historische Führung: Dorfpolizist Rainer Liehner.
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Erntet viele Lacher für seine historische Führung: Dorfpolizist Rainer Liehner. (Foto: Simon Federer)

Klar ist für den Dorfpolizisten schließlich auch, dass eine Ehefrau „schaffig“ sein muss. Das größte Lob, das er seiner schwäbischen Gattin am Ende eines Arbeitstages machen könne, sei: „Heute siehst du wieder richtig abgeschafft aus.“

Apropos Schaffen. Der Beruf als Dorfpolizist beinhaltet, dass Storz für Recht und Ordnung sorgt - und dabei recht viel Freiraum genießt. „Ich darf einsperren, wen ich will - einen Tag lang.“ Neben seinem Wohnhaus befindet sich das Schul- und Rathaus, oben drin ist die karge Arrestzelle. „Verbrecher muss man wegsperren, das ist ja mal klar.“ Die werden mit einer Fußfessel bei Wasser und Brot festgehalten. Der kleine Junge, der bei der Führung mit dabei ist, wirkt beeindruckt.

„Verbrecher muss man wegsperren, das ist ja mal klar“, sagt Dorfpolizist Johannes Georg Storz aus dem Jahre 1906. Die Arrestzelle befindet sich im Obergeschoss des Schul- und Rathauses im Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck.
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„Verbrecher muss man wegsperren, das ist ja mal klar“, sagt Dorfpolizist Johannes Georg Storz aus dem Jahre 1906. Die Arrestzelle befindet sich im Obergeschoss des Schul- und Rathauses im Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck. (Foto: Simon Federer)

Eine andere Zeit

Die Führung ist beendet; Johannes Georg Storz nimmt seine Polizistenmütze ab und vor dem Publikum steht nun Rainer Liehner aus Thalheim. „Es gefällt mir hier. Es ist eine andere Zeit“, erklärt Liehner, warum er die historische Führung gerne gibt. Oft sei die Rede von der „guten alten Zeit“ gewesen. Als er sich genauer eingelesen habe, habe er gemerkt, dass aber nicht alles so rosig war. „Frauen waren wirklich bloß da, um Kinder zu kriegen und zu schaffen.“ Positiv empfindet er hingegen das Gemeinschaftsgefühl, das im Dorf herrschte.

Liehner rät den Gästen, das Freilichtmuseum mit seinen derzeit 25 historischen Gebäuden aus den Regionen Schwäbische Alb, Schwarzwald, Hegau, Baar, Oberer Neckar und Bodensee nach der Führung selbst weiter zu erkunden. „Geht mit allen Sinnen durch die Häuser.“

Führungen im Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck

Sonntag, 25. August, 10.30 Uhr: Vom armen Dorfschulmeister – eine Zeitreise in die 1920er Jahre

Freitag, 6. September, 15 Uhr: Familienführung

Donnerstag, 12. September, 15 Uhr: Die klassische Führung

Sonntag, 15. September, 10.30 Uhr: Der Dorfpolizist – Alltagsleben im historischen Dorf

Außerdem gibt es Kurse für Kinder und Erwachsene, Theatervorführungen und Aktionstage. Mehr Infos gibt es unter www.freilichtmuseum-neuhausen.de. Anmeldungen sind per Mail an [email protected] oder unter Telefon 07461/9263200 möglich.

Das Museum hat von Dienstag bis Sonntag jeweils von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Kinder bis zehn Jahre haben freien Eintritt.