Elbsandsteingebirge
Wo Caspar David Friedrich seine ideale Landschaft fand
Dresden • Lesedauer: 5 min

Die Romantik scheint im Zeitalter der KI und einer steten digitalen Erreichbarkeit eine Renaissance zu erleben. Viele Menschen suchen einen Gegenpol zur täglichen Hektik und so ist es kaum verwunderlich, dass sie sich gerade von Friedrichs Werken zu emotionaler Ruhe und zur Rückbesinnung auf die Schönheit der Natur inspirieren lassen. „75 000 Eintrittskarten für die Dresdener Ausstellungen wurden bereits im Vorverkauf gebucht“, berichten die Kuratoren Petra Kuhlmann Hodick und Holger Birkholz. Die Expositionen sind didaktisch so angelegt, dass der Betrachter den Schaffensprozess von der ersten Skizze bis zum Meisterwerk förmlich mitempfinden kann.
Kaum ein Einwohner Dresdens verbirgt seine Begeisterung, kommt man auf den großen Maler zu sprechen, der rund 40 Jahre in der Stadt verbrachte und hier nahezu alle Gemälde schuf, die ihm zu Weltenruhm verhalfen. 1816 wurde er zum außerordentlichen Professor an der Kunstakademie ernannt, die sich nur einen Steinwurf von seiner Wohnung entfernt befand. Leider fiel das Wohnhaus dem 2. Weltkrieg zum Opfer, doch das Kügelgenhaus in der Hauptstraße 13, in dem der Maler enge Kontakte zu Künstlerkollegen pflegte, ist für Besucher in renovierter Pracht geöffnet. Maler, Musiker und Autoren trafen sich hier an Salonabenden, um gemeinsam zu musizieren, zu philosophieren und Freundschaften zu schließen. Schließlich endet eine Spurensuche in Dresden auf dem Trinitatisfriedhof, auf dem der Künstler seine letzte Ruhestätte fand.
Friedrich verstand es in meisterhafter Weise, den Betrachter in sein Bild hineinzuziehen. Steht man vor so herausragenden Werken, wie der „Wanderer über dem Nebelmeer“, „Felsenlandschaft im Elbsandsteingebirge“ oder „Felsentor im Uttewalder Grund“, spürt man bald das Verlangen, die gemalten Orte selbst aufzusuchen. Doch die Malpraxis des Künstlers, Objektfragmente von unterschiedlichen Orten in einem Werk zu vereinen, macht diese Suche nicht einfach. Wanderführer-Autor Frank Richter stellte sich über viele Jahre dieser Herausforderung. „Es ist belegt, dass Caspar David Friedrich 22 Mal zu Fuß das Elbsandsteingebirge besuchte“, resümiert Richter und ergänzt: „Die einfachste Art, den Spuren Friedrichs zu folgen, ist eine Wanderung entlang des gekennzeichneten, 116 Kilometer langen Malerweges durch das Elbsandsteingebirge.“

Eine Karte des Tourismusverbandes Sächsische Schweiz erleichtert jetzt die Suche nach den schönsten Orten, die Friedrich als Motive dienten. Die Wegstrecken kann man sich selbst zusammenstellen, wobei fünf Wanderungen besonders empfehlenswert sind.
1. Die Tour von Ort zu Ort beginnt in Krippen, dem Startpunkt des in diesem Jahr neu gekennzeichneten, 15 Kilometer langen Caspar-David-Friedrich-Weges. Von der Gedenkstele inmitten des Ortes geht es mit Gästeführerin Hanka Oswian hinauf in die Bergwelt. Dabei erfahren ihre Gäste, dass der Maler im Jahr 1813 auf der Flucht vor den napoleonischen Truppen mehrere Monate in Krippen verbrachte und sich von der umgebenden Felsenwelt inspirieren ließ. Am Fuße der Kaiserkrone im nahen Reinhardtsdorf-Schöna angelangt, lässt sich die felsige Kuppe besteigen, auf den Friedrich seinen Wanderer im Nebelmeer positionierte. Scheut man den Aufstieg zum Gipfel der Kaiserkrone nicht, eröffnet sich ein Panoramablick auf den ebenfalls im Bild festgehaltenen Zirkelstein und den Rosenberg.
2. Einer der schönsten Wanderabschnitte führt vom kleinen Ort Porschdorf nahe Bad Schandau durch das oft von Friedrich besuchte und skizzierte Polenztal. Nahe der Gaststätte gleichen Namens startet Gästeführerin Anke Dürkoop mit Wanderfreunden den Aufstieg zur Burg Hohnstein. Unterwegs bietet sich das von Friedrich gemalte Schinderloch als Fotomotiv an – ein gemauertes Sandsteintor, hinter dem sich einst ein Bärengehege verbarg.
3. Verlässt man auf der Westseite das Polenztal in Richtung Gamrig, einer markanten Felsgruppe, auf die Friedrich seinen Wanderer blicken lässt, wird es noch abwechslungsreicher. Von dort steigt man in den Amselgrund bei Rathen hinab, den Friedrich in Skizzen und Aquarellen festhielt. Vom Amselsee bietet sich eine besonders beeindruckende Perspektive auf den hoch oben thronenden Sandsteinfelsen der steinernen Lokomotive. Nur wenige Meter weiter beginnt vor dem Eingang zur Felsenbühne Rathen der anstrengendste Abschnitt der Strecke, hinauf zur Bastei. Bevor der Wanderer mit einem imposanten Blick auf die Basteibrücke und die tief unten vorbeifließende Elbe belohnt wird, passiert er das Neurathener Felsentor, die Vorlage für Friedrichs „Felsenlandschaft“.

4. Während wilde, tiefe Schluchten vielen Menschen Furcht einflößten, suchte und fand Friedrich bei einer Wanderung durch den dunklen, feuchtnassen Uttewalder Grund wohltuende Einsamkeit. Eine ganze Woche soll er hier zwischen Felsen, Tannen und einem plätschernden Bach verbracht haben, „ohne einer Menschenseele zu begegnen“, wie er schrieb. Hier offenbart sich die Sächsische Schweiz noch heute von einer Seite, die sich völlig von den gewohnten luftigen Höhenwegen unterscheidet. Wahrscheinlich war dieser Ort für Friedrich gerade deshalb so anziehend. „Ich muss allein bleiben und wissen, dass ich allein bin, um die Natur vollständig zu schauen und zu fühlen. Ich muss mich dem hingeben, was mich umgibt, mich vereinigen mit meinen Wolken und Felsen, um das zu sein, was ich bin“, schrieb er im Jahr 1821.
5. Die wohl gemütlichste Wanderung auf den Spuren des großen Malers führt rund um die Burg Stolpen. Als glühender Patriot war Friedrich entsetzt über die Schäden, die französische Truppen an der Burg hinterließen und hielt diese in einer Zeichnung aus dem Jahr 1820 fest, die heute im Nationalmuseum in Oslo zu sehen ist. Ebenfalls auf der Zeichnung befindet sich der Coselturm, der Friedrich aufgrund seiner Höhe Kopfzerbrechen bereitete. „Turm zu lang“, notierte er auf seiner Skizze. Wandert man vom Marktplatz der Stadt über den Promenadenweg zum Schlosspark unterhalb der Burg, erreicht man den Standort des Malers.
Weitere Informationen: Dresden Marketing GmbH (visit-dresden-elbland.de), Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen mbH (sachsen-tourismus.de), Tourismusverband Sächsische Schweiz e.V. (www.saechsische-schweiz.de)
Ausstellungen im Albertinum (24.08.2024–05.01.2025) und im Kupferstich-Kabinett (24.08.–17.11.2024).