Biosphärengebiet Schwäbische Alb
Die wolligen Albschafe haben auch eine Taxi-Lizenz
Münsingen • Lesedauer: 5 min

Es ist eine Szene purer ländlicher Idylle: Die Sonne strahlt vom Himmel herab, vereinzelt ziehen Schönwetterwolken vorüber. Auf einer saftig grünen Wiese weiden Schafe mit ihren Lämmchen. Zwischen den weißen Fellknäueln heben sich vereinzelt Rücken mit dichten braunen Löckchen ab. Der kühle Herbstwind trägt immer wieder ein lang gezogenes „Määäh“ über das Land.

In Münsingen, mitten auf der Schwäbischen Alb, steht Gerhard Stotz vor seinen Merinolandschafen. 2000 Mutterschafe nennt der Schäfer sein Eigen. Während das Fleisch der Böcke irgendwann verarbeitet wird, dienen die Mutterschafe nicht nur zur Aufzucht ihrer Lämmer. Von ihnen bekommt Schäfer Stotz seine Merinowolle – einmal im Jahr, vier Kilogramm pro Schaf. Die Schäferei hat in der Familie Stotz Tradition: Er ist Schäfer in vierter Generation, seine Frau Bärbel sogar schon in der fünften. Mit Sohn Christian ist auch die nächste Generation bereits in den Betrieb eingestiegen.
Ein Abfallprodukt wird zum natürlichen Pflanzendünger
Im 18. Jahrhundert wurden Merinoschafe aus Spanien mit feiner Wollqualität mit robusten Landschafrassen der Schwäbischen Alb gekreuzt. Seitdem sind die Merinolandschafe dort heimisch. Ein großer Teil der Schafwolle von Familie Stotz wird zu Textilien weiterverarbeitet.
Laut Südwest-Agrarminister Peter Hauk (CDU) standen im Jahr 2021 rund 210.000 Schafe bei etwa 1200 Schafhaltern in Baden-Württemberg. Davon seien 110 hauptberufliche Schafhalter. Aber: Das Geschäft mit der Merinowolle ist schon lange nicht mehr so ertragreich, wie noch vor einigen Jahrzehnten. „1986/87 gab es in Ulm eine Wollverwertung. Dort kam die ganze Wolle aus Baden-Württemberg hin. Pro Kilo haben mein Vater und ich zwischen fünf und vier Deutsche Mark bekommen“, erinnert sich Schäfer Stotz. Heute seien es noch 25 Cent pro Kilo, was auch daran liege, dass China mittlerweile den Wollmarkt übernommen habe.
Regionale Betriebe profitieren von Partnerschaften
„Von dem Geld kann man nicht leben“, sagt der Schäfer. Aufgeben sei aber auch keine Option gewesen. Dann kam das Schicksal ins Spiel. Vor etwa zehn Jahren befreundete sich das Paar mit Veronika und Volkert Kraiser aus dem nur wenige Minuten entfernten Gächingen. Ein Glücksfall für beide Familien. Die Kraisers sind Eigentümer der Naturmoden-Manufaktur Flomax. Dort wird aus der Schurwolle der Schäferei Stotz Oberkleidung hergestellt. „Seitdem bekommen wir wieder was für unsere Wolle“, sagt Stotz.
Um auch die brüchigen und zu kurz geratenen Wollfasern nutzen zu können, werden diese von einem Pellethersteller aus der Region zu Schafwollpellets weiterverarbeitet. Als natürlicher Pflanzendünger versorgt das einstige Abfallprodukt Gemüsepflanzen, Zierpflanzen oder Gehölze mit zusätzlichen Nährstoffen wie Stickstoff, Kalium, Schwefel, Phosphat und Magnesium.
Dass die braunen Stückchen tatsächlich von Schafen stammen, ist spätestens beim Öffnen der Verpackung klar, aus der ein strenger Geruch entweicht. Werden die gepressten Wollreste mit Wasser übergossen, quellen sie fast augenblicklich auf. Um nicht zurück an die Oberfläche geschwemmt zu werden, sollten sie ein gutes Stück unter der Erde platziert werden. Ein positiver Nebeneffekt: Der Geruch verschwindet mit dem Pellet außer Riechweite.

Schaftaxi – Aufspringen erwünscht
Die Naturlandschaft der Schwäbischen Alb verdankt ihr Erscheinungsbild vor allem den Wanderschäfern, die im 15. Jahrhundert die brachliegenden Äcker und Wiesen bewirtschafteten. Heute sind es Wacholderheiden und Kalkmagerrasen, die die Schwäbische Alb zieren – und die erst durch die Schafhaltung entstanden sind. Indem sich die Schafe an den Pflanzen und Kräutern laben, halten sie die Landschaft offen und schaffen somit optimale Lichtverhältnisse für Flora und Fauna. Und das Beste dabei: Geschützte Gewächse wie Katzenpfötchen und Silberdisteln verschmähen die Vierbeiner.
Wir sind dankbar dafür, dass die beiden Ministerien unsere Arbeit so schätzen.
Gerhard Stotz
Bei der Verbreitung der Pflanzen spielt das Fell der Schafe eine wichtige Rolle: Während die Tiere in der Wiese grasen, verfangen sich Pflanzensamen im krausen Pelz und werden von einem Ort zum anderen getragen. Auch kleinere Tiere wie Heuschrecken springen auf und nutzen das Schaftaxi, um nach einem gemächlichen Ritt irgendwo wieder abzuspringen. „Das ist ein toller Kreislauf der Natur“, sagt Stotz. Seine Schafherden bewegen sich in einem Umkreis von 20 Kilometern. In diesem werden auch die mitreisenden Samen und Tiere verteilt.
Biosphärengebiet – immer mehr Gemeinden ziehen mit
Um diese einzigartige Kulturlandschaft zu erhalten, wurde die Region 2008 als erstes Biosphärengebiet in Baden-Württemberg ausgewiesen. Getragen wird es von den Südwest-Ministerien Umwelt und Landwirtschaft. Diese honorieren die Landschaftspflege der Schäfer mit Fördermitteln. „Wir sind dankbar dafür, dass die beiden Ministerien unsere Arbeit so schätzen“, sagt Stotz. Ohne diese Unterstützung könnten sich viele Schäfer nicht mehr über Wasser halten.
Im Jahr 2009 wurde die Schwäbische Alb von der Unesco als Biosphärengebiet anerkannt. Südlich von Stuttgart gelegen, erstreckt es sich von Reutlingen bis Schelklingen und von Weilheim an der Teck bis Zwiefalten. 29 Gemeinden gehören zum Gebiet – Tendenz steigend.

Nach den internationalen Leitlinien für Unesco-Biosphärenreservate erfüllt das Gebiet eine besondere Schutzfunktion und leistet seinen Beitrag zur Erhaltung von Landschaften, Ökosystemen und Artenvielfalt. Außerdem dient es der wirtschaftlichen und menschlichen Entwicklung, die soziokulturell und ökologisch nachhaltig ist, heißt es dazu auf der Homepage des Biosphärengebiets Alb.
Biosphärengebiet soll erweitert werden
„Wir sind gerade in einem Erweiterungsprozess“, sagt Tobias Brammer, stellvertretender Referatsleiter des Biosphärengebiets Schwäbische Alb. Sechs neue Gemeinden haben sich dazu entschlossen, beizutreten. 16 Mitgliedskommunen wollten weitere Flächen einbringen.

Um die regionalen Schafprodukte wieder hervorzuheben, hat das Team des Biosphärengebiets Schwäbische Alb das Projekt „Ökonomische Stärkung der Hüte- und Wanderschäferei“ ins Leben gerufen. Ziel sei es, „die traditionellen Standbeine der Schäfereien wieder zu stärken“, betont Projektmanagerin Anna-Naemi Krauß. So entstanden die Schafwollpellets, die inzwischen auf Grünflächen in verschiedenen Biosphärengebietsgemeinden eingesetzt werden und den mineralischen Dünger ersetzen.
Indem die Menschen regionale Fleisch- und Wollprodukte kaufen, unterstützen sie nicht nur die Existenz der Schäfer. Sie tragen auch dazu bei, „dass diese einzigartige Landschaft auf der Schwäbischen Alb erhalten bleibt“, sagt Krauß.