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Wohnen im Alter

Trotz erster Bedenken: Rentnerin zieht mit Mitte 80 freiwillig ins Heim

Tannhausen Lesedauer: 6 min

Mit Mitte 80 zieht Gertrud Hammer freiwillig ins Heim und findet neue Nähe statt Einsamkeit. Ein Blick in ihren neuen Alltag im „Sonnengarten“.

Veröffentlicht: Uhr
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„Es war wirklich ein schwerer Schritt. Aber ich habe mir immer gesagt: Wenn ich nicht mehr kann, gehe ich ins Altersheim“, erinnert sich Gertrud Hammer an die ersten Tage nach ihrem Einzug ins Alten- und Pflegeheim „Im Sonnengarten“ in Tannhausen. In Gedanken schaut sie für einen kurzen Moment aus dem Fenster des kleinen Aufenthaltsraumes in den winterlichen Garten hinaus. Dann zeichnet sich ein Schmunzeln auf ihren Lippen ab und mit ihrem leicht fränkischen Akzent ergänzt sie: „Man muss sich anfangs schon sehr umstellen, wenn man zuvor lange allein gelebt hat und dann auf einmal mit vielen fremden Leuten zusammenkommt. Aber man findet schnell Anschluss.“

Nur wenige Menschen ziehen aus freien Stücken in ein Seniorenheim

Im Gegensatz zu den meisten Seniorinnen und Senioren ihres Alters hat sie die Entscheidung, in ein Altenheim zu ziehen, mitnichten aufgrund eines gesundheitlichen Leidens getroffen. „Überwiegend kommen pflegebedürftige Menschen zu uns. Es sind vielleicht zehn Prozent, die wie Gertrud Hammer proaktiv und von sich aus zu uns kommen, weil sie merken, dass ihnen der Alltag zu viel wird“, bestätigt in diesem Zusammenhang auch der Geschäftsführer des Tannhäuser Alten- und Pflegeheims, Jürgen Köpfer.

Nach ein paar Sekunden in Gedanken, wendet die 91-Jährige ihren Blick wieder vom Fenster ab und sieht den neben ihr sitzenden Herr Stürzel an, der ebenfalls im „Im Sonnengarten“ wohnt und zu den Bewohnern gehört, mit denen Gertrud Hammer am liebsten ihre Zeit verbringt – weil er „so offen und ehrlich“ ist, wie sie verrät. „Gell? Alle sind hier sehr nett und freundlich“, fragt sie ihn daher auch, auf eine Bestätigung hoffend. Er nickt, sie lächelt.

Oft allein und dann noch die Verantwortung für das Haus und den Garten – das ging irgendwann einfach nicht mehr.

Gertrud Hammer, 91-jährige Bewohnerin des Altenheims „Im Sonnengarten“

Fast 60 Jahre ihres Lebens hatte Gertrud Hammer zuvor in einem Einfamilienhaus in Ellwangen gelebt. Zusammen mit ihrem Mann hatte sich die gebürtige Stödtlenerin in den 1960er-Jahren im Stadtteil  „Klosterfeld“ ein Zuhause geschaffen, in dem sie ihre beiden Töchter großzogen. Nach dem Tod ihres Mannes vor rund 20 Jahren und dem Auszug ihrer Töchter wurde es in dem großen Haus zwar ruhiger, aber regelmäßig erfüllten immer noch ihre vier Enkel das Haus mit Leben.

Bis auch diese immer älter wurden und Hammer im Alltag immer öfter ein Gefühl der Einsamkeit beschlich. „Meine Töchter und ihre Familien sind natürlich zu Besuch gekommen, aber ich war trotzdem viel Zeit auf mich gestellt. Oft allein und dann noch die Verantwortung für das Haus und den Garten – das ging irgendwann einfach nicht mehr.“

Beschwerden im Knie belasteten ihre Situation zusätzlich. „Ich konnte die vielen, vielen Treppen im Haus zuletzt nicht mehr steigen und so auch nicht mehr richtig nach draußen gehen“, erzählt sie. Nach der Operation des schmerzenden Knies beschloss sie, dass sich etwas ändern müsse. Es sei Zeit gewesen, das langjährige Zuhause zu verlassen und in ein Seniorenheim zu ziehen.

Ein Umzug unter erschwerten Bedingungen

Ihr Umzug fiel allerdings mitten in die Corona-Pandemie. Zum ohnehin ungewohnten, neuen Lebensumfeld kommen Menschen, die trotz aller Schutz- und Hygienemaßnahmen potenziell ein Virus in sich tragen könnten, dessen gesundheitliche Auswirkungen zum damaligen, frühen Zeitpunkt der Pandemie noch recht unklar waren. Besuch von der Familie ist nur eingeschränkt möglich, Gruppenaktivitäten können nur bedingt stattfinden, viel Zeit verbringen die Bewohner auf ihren Zimmern.

Dass die Menschen das so empfinden, ist unser Anspruch und unsere Challenge.

„Im Sonnengarten“-Leiter Jürgen Köpfer über die Integration neuer Bewohner

Kein idealer Start in den neuen Lebensabschnitt. „Gute Integration in die Einrichtung ist enorm wichtig und nach dem Einzug eines neuen Bewohners unsere größte Herausforderung – die Person anzunehmen, wahrzunehmen mit all ihren Bedürfnissen und dann zu versuchen, sie mit anderen zu vernetzen. Gott sei Dank gelingt uns das in den allermeisten Fällen“, sagt Köpfer dazu. Und ergänzt: „Wenn wir diese Integrationsleistung nicht vollbringen, schaffen wir es auch nicht, dass sich die Bewohner irgendwann heimisch fühlen.“

Ob diese Integration gelungen ist, zeige sich nach Köpfers Erfahrung meist an Feiertagen wie Weihnachten oder Ostern, wenn die Bewohnerinnen und Bewohner nach einigen Stunden bei ihren Verwandten wieder „nach Hause“ und somit in den „Sonnengarten“ zurückmöchten. „Dass die Menschen das so empfinden, ist unser Anspruch und unsere Challenge“, so der Heimleiter.

Hammers ehemaliges Zuhause bleibt in der Familie

So geht es auch Gertrud Hammer. In ihrem ehemaligen Zuhause im Klosterfeld leben nun zwei ihrer Enkel, die ihr das Haus abgekauft und zu zwei Wohnungen umgebaut haben. „Wenn man sieht, wie schön es seitdem geworden ist, freut einen das wirklich“, betont die 91-Jährige. Doch auch wenn sie so bei Besuchen immer wieder Ausflüge in ihr altes Leben unternehmen kann, hat sie sich in den vergangenen Jahren in der Tannhäuser Einrichtung gut eingelebt. Ihr Zimmer hat sie nach ihrem eigenen Geschmack gemütlich mit Büchern, persönlichen Gegenständen aus ihrem früheren Zuhause und Pflanzen eingerichtet. Auf dem Tisch liegt außerdem ein Malbuch für Erwachsene samt vieler bunter Stifte bereit – neben der täglichen Zeitungslektüre ist das Ausmalen von Tier- und Blumenmotiven eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen. Manchmal leistet ihr Stürzel dabei Gesellschaft, selbst in ein Buch oder die Zeitung vertieft. Ab und zu wechseln sie ein paar Worte über das in der Tagespresse Gelesene. Abwechslung in den Alltag der beiden Senioren bringen zudem Gruppenangebote wie Gymnastik oder Gedächtnistraining.

Das Alten- und Pflegeheim „Im Sonnengarten“ in Tannhausen.
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Das Alten- und Pflegeheim „Im Sonnengarten“ in Tannhausen. (Foto: Larissa Hamann)

Die eigenen Interessen mit anderen zu teilen oder offen zu sein für gemeinschaftliche Aktivitäten, ist aus Hammers Erfahrung der Schlüssel für das eigene Wohlbefinden: „Wenn man ein Hobby hat, das man mit anderen teilen kann, fällt es einem viel leichter, Anschluss zu finden.“

Diese Auffassung teilt auch Heimleiter Jürgen Köpfer, obwohl viele Neuankömmlinge genau davor Angst haben – unter den vielen Bewohnern ihre eigene Privatsphäre zu verlieren, nicht mehr über ihr Leben bestimmen zu dürfen. Diese Vorbehalte entsprechen häufig überhaupt nicht den Tatsachen. Wir versuchen natürlich, möglichst individuell auf die Bewohner einzugehen, aber es ist auch klar, dass es im Zusammenleben von so vielen Personen gewisse Regeln und Abläufe gibt. Und dass das auch nichts Schlechtes sein muss.

Das war die richtige Entscheidung. Ich fühle mich hier sehr wohl.

Gertrud Hammer, wohnt seit mehr als fünf Jahren im Altenheim „Im Sonnengarten“

Trotz Einzug aus freien Schritten trieben auch Gertrud Hammer diese Bedenken um. Zum Glück hat jedoch der Mut obsiegt, denn heute sagt sie ohne Wenn und Aber: „Das war die richtige Entscheidung. Ich fühle mich hier sehr wohl. Vor allem, weil ich nicht mehr allein bin.“