Wider den Herbstblues
Schon 11 Minuten am Tag haben einen großen Einfluss darauf, wann Sie sterben
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„Ein Spaziergang ist in seiner Idealform völlig absichtslos. Wer spazieren geht, verfolgt kein konkretes Ziel.“ Das sagte Martin Schmitz in einem Interview mit „Zeit Online“ im Jahr 2022. Schmitz ist - kein Scherz - Professor für Promenadologie oder, anders ausgedrückt, für Spaziergangwissenschaft an der Kunsthochschule in Kassel.
Der Ort seines Lehrstuhls lässt schon erahnen, dass sich Schmitz bei seiner Forschung dem Spazierengehen nicht aus medizinischer Sicht nähert. Ihm geht es darum, wie ein Spazierender Stadträume, Architektur und Urbanisierung wahrnimmt.

Entgegen seiner These vom „absichtslosen Spazieren“ verfolgt das Spazierengehen aus medizinischer Sicht sehr wohl ein Ziel. Nämlich die körperliche Fitness im Allgemeinen und die Gesundheitsvorsorge zu forcieren. Und das mitnichten nur an Tagen voll Sonnenschein im Frühling oder Sommer.
Ein geflügeltes Wort besagt: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Das gilt zwar das ganze Jahr über, aber im Besonderen auch jetzt im Herbst. Die Tage werden kürzer und häufig genug auch trüber. Grund genug für viele Menschen, sich eher dem neudeutschen „Cocooning“, also der Gemütlichkeit und Geborgenheit in den eigenen vier Wänden zu widmen.
Herbstwind um die Nase wehen lassen
Gegen dieses „Einigeln“ ist auch nichts einzuwenden. Und doch tut es dem eigenen Körper gut, regelmäßig gerade auch bei Wind und Wetter die eigene Komfortzone zu verlassen und sich den Herbstwind um die Nase wehen zu lassen.
Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt, sich der Gesundheitsvorsorge und des eigenen Wohlbefindens wegen pro Woche 150 Minuten „moderat zu bewegen“. Dazu zählen eben auch regelmäßige Spaziergänge. Zweieinhalb Stunden in der Woche, oder im Schnitt etwas mehr als 21 Minuten pro Tag.
Doch keine Sorge: Gemäß einer sportmedizinischen Untersuchung der Universität Cambridge vor wenigen Jahren haben auch schon 11 Minuten Bewegung am Tag gesundheitsfördernde Wirkung. Galten bis vor einiger Zeit 10.000 Schritte pro Tag aus gesundheitlicher Sicht als erstrebenswert, hat sich inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt, dass auch schon 7000 Schritte positive Auswirkungen zeitigen. Und ganz gleich, welche Studie auch zu Rate gezogen wird. Es wird stets darauf verwiesen, dass auch Menschen, die sich täglich weit weniger Minuten oder Schritte auf den eigenen Beinen fortbewegen, dies als Ansporn sehen sollen, ihre Spazierdauer oder die Anzahl ihrer Schritte langsam zu steigern.
Den inneren Schweinehund überwinden
Aber wie gesagt, dies alles nicht nur an sonnigen Tagen und im Frühling oder Sommer, sondern gerade auch dann, wenn der innere Schweinehund nicht einsehen will, warum man sich jetzt wind- und wetterfest anziehen und nach draußen gehen soll.
Vielleicht hilft zur Überwindung des eigenen „Herbstblues“ ein kurzer Blick auf eine weitere Studie der Uni in Cambridge. In diesem Fall eine Langzeitstudie über 12 Jahre, auf die im AOK-Gesundheitsmagazin verwiesen wird, um die Wirkung von regelmäßiger Bewegung zu verdeutlichen. An der Studie haben über 300.000 Menschen teilgenommen. „Unter jenen, die leicht körperlich aktiv waren – etwa mit einem täglichen, kurzen Spaziergang –, war die Gesamtsterblichkeit um 20 bis 30 Prozent niedriger als bei Menschen, die körperlich inaktiv waren (also beispielsweise viel im Büro saßen und sich auch privat kaum bewegten)“, heißt es im AOK-Bericht.
Generell gilt wissenschaftlich belegt: Bewegung gerade auch im Herbst und Winter stärkt das eigene Immunsystem, wirkt sich positiv auf die Psyche aus und sorgt - wenn die Sonne denn scheint - auch für ausreichend natürliche Aufnahme des lebenswichtigen Vitamins D. Also, worauf warten Sie noch? Raus und zu Fuß in die Stadt, in die Natur, in den herbstlichen Wald!
