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Sexarbeit in Mecklenburg-Vorpommern

„Ziehen sich aus der Affäre“: Darum zahlt diese Stadt die Anlaufstelle für Prostituierte ganz allein

Deutschlands Prostituiertenschutz zeigt noch immer Lücken. In Rostock stemmt SeLA mit zwei Teilzeitkräften die einzige Beratungsstelle ihrer Art in ganz MV.

Rostock Lesedauer: 4 min


Veröffentlicht: Uhr

In Rostock befindet sich die einzige Beratungsstelle für Menschen in der Sexarbeit in ganz Mecklenburg-Vorpommern ihrer Art: SeLA, Beratungsstelle für Menschen in der Sexarbeit. Hier arbeiten zwei Beraterinnen in Teilzeit. Sie organisieren gynäkologische Sprechstunden, leisten Präventionsarbeit, suchen die Modellwohnungen auf und beraten in juristischen, gewerblichen und persönlichen Fragen. Finanziert wird die Anlaufstelle derzeit ausschließlich aus städtischen Mitteln – dabei ist sie Ankerpunkt für Prostituierte aus ganz MV und sogar darüber hinaus.

Anmeldung und teilweise Sichtbarkeit von „Huren“

Seit Einführung des Prostituiertenschutzgesetzes 2017, sind Menschen in der Sexarbeit verpflichtet, sich behördlich „anzumelden“, stets einen „Huren-Ausweis“ bei sich zu führen und regelmäßige Gesundheitsberatungen nachzuweisen.

Die Beraterinnen Nadine Herrmann (l.) und Sandra Kamitz (r.) vor dem Eingang zur Beratungsstelle von SeLA. Die Beratungsstelle ist die einzige in ganz MV und wird rein städtisch gefördert.
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Die Beraterinnen Nadine Herrmann (l.) und Sandra Kamitz (r.) vor dem Eingang zur Beratungsstelle von SeLA. Die Beratungsstelle ist die einzige in ganz MV und wird rein städtisch gefördert. (Foto: Stefanie Auer)

„Seit der Einführung des Gesetzes haben sich Personen aus 28 Ländern angemeldet“, informiert Teresa Dalm, Sprecherin des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LAGuS). „Der Großteil ist weiblich, zwischen 26 und 35 Jahre alt.“ Sie kämen aus Ungarn, Rumänien, Deutschland, Bulgarien und Polen – in dieser Reihenfolge.

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Sexarbeiterinnen fordern gleiche Arbeitsrechte und weniger Stigma.

Es gebe „zu über 90 Prozent“ Sexarbeiterinnen, weitere „rund fünf Prozent“ seien transgeschlechtlich und ein geringer Teil der Sexarbeiter männlich. Allerdings: „Viele Männer“, erklärt Nadine Herrmann von SeLA, „bieten ihre Dienste über Grindr oder andere Portale an und definieren ihre Tätigkeit gar nicht als Prostitution.“

Kaum genaue Zahlen zur Prostitution seitens der Ämter

Grundsätzlich seien Menschen, die sich in Rostock angemeldet haben, nicht verpflichtet, die Tätigkeit nur in Rostock auszuüben, erklärt Ulrich Kunze, Sprecher der Hansestadt Rostock. „Vielmehr reisen die Prostituierten in der Regel im wöchentlichen Wechsel von Stadt zu Stadt“. Und das deutschlandweit.

Das macht es schwer, genaue Zahlen für eine Region zu ermitteln. Dem LAGuS, so Dalm, lägen aktuell 210 Anmeldungen für ganz MV vor. Herrmann und Kamitz von SeLA in Rostock schätzen, dass sich zurzeit etwa 250 Menschen in der Hansestadt in der Sexarbeit befinden. Diese würden größtenteils in sogenannten Modellwohnungen arbeiten, eine Sonderform der Prostitutionsstätte und die häufigste in MV. Circa 50 der von SeLA genannten 250 Menschen in der Sexarbeit in Rostock arbeiten in den Modellwohnungen und sind nicht-Deutsch. Die anderen der geschätzten 200 Menschen sind laut den SeLA-Beraterinnen Escorts, Gelegenheits-Sexarbeiterinnen, Hausfrauen, Studierende, Taschengeldprostituierte etc. Diese sind häufig ortsansässig und deutsch.

Nichtbefassung erschwert Organisation

In Rostock sind nach Stadtangaben derzeit 30 Modellwohnungen gemeldet. „Örtlich verteilen sich die entsprechenden Objekte grundsätzlich beinahe auf das gesamte Stadtgebiet“, so Kunze. Die Mehrheit der Betriebsstätten befinde sich dabei zentral in Rostock, der KTV (Kröpeliner-Tor-Vorstadt) und der Stadtmitte/Altstadt.

Sexarbeit in Mecklenburg-Vorpommern

In Mecklenburg-Vorpommern ist Prostitution in Gemeinden mit weniger als 15.000 Einwohnern grundsätzlich verboten. Zusätzlich gelten örtliche Verbote, wie in Ribnitz-Damgarten und Stralsund, wo Straßenprostitution und Tätigkeiten in einsehbaren Orten untersagt sind.

Das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGuS) ist darüber hinaus nicht für das Prostitutionsgewerbe zuständig, sondern übernimmt Aufgaben wie die Anmeldung und Beratung von Prostituierten sowie die Ahndung bestimmter Ordnungswidrigkeiten nach dem Prostituiertenschutzgesetz. Für weitere Regelungen und die Überwachung des Prostitutionsgewerbes sind die jeweiligen Oberbürgermeister und Landräte zuständig.

Und: Auch wenn es so genannt wird, bei der Prostitution handelt es sich nicht um ein „Gewerbe“ im klassischen Sinne, da andere rechtliche Grundlagen im Rahmen der „Sonderrechte“ greifen. Ein Umstand, der immer wieder für Kritik seitens der Menschen in der Sexarbeit sorgt, da gleiche Arbeitsrechte auch für mehr Sichtbarkeit und Klarheit sorgen würden, so die Ansicht vieler.

Wie viele Modellwohnungen es in MV gibt, dazu hat das LAGuS keine Angaben, da die Städte und Landkreise dafür zuständig seien, so Dalm. Derzeit lägen dem Landesamt auch keine Daten zu den verschiedenen Formen der Prostitution, wie etwa Gelegenheitsprostitution, Taschengeldprostitution oder Menschenhandel vor. Die Themen sind je nach Gemengelage an Polizeiorganisationen, die Städte und Kreise oder andere Institutionen ausgelagert.

SeLA als MV-weit einziges soziales Angebot seiner Art

„SeLA wird als freiwillige kommunale Leistung aus dem Haushalt des Gesundheitsamtes gefördert“, erklärt Kunze. Es handele sich um ein soziales Angebot, unter dem Dach des Trägervereins „Stark Machen“, kein gesundheitliches und werde daher auch nicht vom Land finanziert. Vergleichbare Angebote gebe es MV-weit nicht, meint Dalm. Die SeLA-Beraterinnen Nadine Herrmann und Sandra Kamitz stellen klar, dass die Beratungsstelle sehr wohl auch Gesundheitsberatung und -begleitung anbiete. Die Stelle werde zudem über das Gesundheitsamt der Stadt Rostock finanziert.

„Wir klingeln an den Türen der Modellwohnungen, sagen Hallo, verteilen Kondome, Gleitgel und unsere Visitenkarten“, erklärt Sandra Kamitz. Ziel sei es, neben der Beratung im Büro, auch präsent zu sein. Viele Frauen sprächen wenig Deutsch und hätten große Hemmungen im Kontakt mit Behörden. „Aber ohne Anmeldung wird es teuer und irgendwann auch sogar zur Strafsache“, so Kamitz. Da viele Sexarbeiterinnen zudem keinen festen Wohnsitz haben, aber für die Anmeldung beim Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGuS) erreichbar sein müssen, nutzt SeLA das eigene Büro auch als Zustellanschrift für Behördenbriefe.

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Viele seien zudem nicht – oder: nicht in Deutschland – krankenversichert. „Wenn ein Kondom platzt oder es im Schritt juckt, findet man als Reisende kaum einen regulären Termin beim Gynäkologen“, so Kamitz. SeLA kooperiere deshalb mit zwei Rostocker Ärztinnen. Die öffneten alle zwei Wochen nach Feierabend ihre Praxen auf Honorarbasis für die Klientinnen – anonym und kostenfrei.

Das Land und die Kommunen „ziehen sich aus der Affäre“

2025 wurden für die zwei Teilzeitkräfte von SeLA und Sachkosten 115.100 Euro ausgezahlt. „Es wurde für die Jahre 2026/2027 eine geringfügige Erhöhung eingeplant“, informiert Kunze, „welche die gestiegenen Kosten aber vermutlich nicht abdecken kann.“ Andere Kommunen, meinen die beiden Beraterinnen, würden sich „da völlig aus der Affäre“ ziehen. Sie empfinden es so, dass das Land hier die Last auf die Stadt Rostock abwälzt.