Zum Inhalt springen
VG Wort tracking pixel
  1. Startseite
  2. Ratgeber
  3. Gesundheit
  4. Medizin
  5. THEMA Frauengesundheit

Interview

Weiblichen Blick auf männlich geprägte Medizin wagen

Ehingen/Ulm Lesedauer: 5 min

Gleiche Krankheit, unterschiedliche Symptome: Ärzte brauchen bei Frauen und Männern einen differenzierten Blick, sagt die Expertin für geschlechtersensible Medizin Dr. Mirjam Wild.

Veröffentlicht: Uhr
Artikel teilen:

Körperliche Beschwerden lassen sich bei Frauen und Männern nicht einfach über einen Kamm scheren. Deshalb kann ein andere Behandlungsmethode entscheidend sein - für die richtige Diagnose und eine passende Behandlung. Dr. Mirjam Wild erklärt, warum sich die Medizin lange zu stark am männlichen Standard orientiert hat. Die Funktionsoberärztin für Innere Medizin und Interventionelle Kardiologin am Uniklinikum Freiburg plädiert für ein geschlechtersensibles Umdenken bei der Erhebung von Studien, Therapien und Medikamentenvergabe.

Frau Dr. Wild, bei welchen Erkrankungen spielt der Unterschied zwischen Frauen und Männern medizinisch eine besonders wichtige Rolle?

Beim Herzinfarkt gibt es zwischen Frauen und Männern wichtige Unterschiede, sowohl bei den möglichen Ursachen als auch bei den Symptomen. Viele Menschen denken beim Herzinfarkt vor allem an den klassischen starken Brustdruck. Bei Frauen kann sich dieser aber auch anders äußern, zum Beispiel mit Oberbauchschmerzen, Übelkeit, Luftnot, starker Müdigkeit oder Kaltschweißigkeit. Eine Erkrankung der Herzkrankgefäße und eine Herzattacke treten bei Frauen im Durchschnitt einige Jahre später auf als bei Männern. Das wird unter anderem durch den protektiven Effekt des Östrogens vor der Menopause erklärt. Auch bei Frauen ist die Atherosklerose eine wichtige Ursache. Daneben gibt es aber auch spontane Koronardissektionen, also Spaltungen der Adern-Wandschichten, oder Verengungen der kleinen Herzgefäße. Beides kommt bei Frauen deutlich häufiger vor und sollte berücksichtigt werden.

Dr. Mirjam Wild
Expertin

Dr. Mirjam Wild

Dr. Mirjam Wild ist Funktionsoberärztin für Interventionelle Kardiologie am Universitäts-Herzzentrum Freiburg/Bad Krozingen. Sie beschäftigt sich klinisch und wissenschaftlich insbesondere mit strukturellen Herzerkrankungen sowie mit geschlechtersensibler Medizin. Nach Stationen in Deutschland und der Schweiz war sie unter anderem in Bern und München tätig und engagiert sich in internationalen Fachgesellschaften und Forschungsnetzwerken. Neben ihrer klinischen Arbeit setzt sie sich für eine stärkere Berücksichtigung von Geschlechterunterschieden in Forschung und Patientenversorgung ein.

Welche Folgen kann das haben?

Durch die teilweise andere klinische Präsentation kann es vorkommen, dass ein Herzinfarkt bei Frauen weniger schnell erkannt und behandelt wird. Zudem werden die Beschwerden auch von Frauen selbst nicht im Sinne eines möglichen Herzinfarktes interpretiert, sodass es zu einer verzögerten Vorstellung beim Arzt kommen kann. In vielen Studien zeigen Frauen nach einem Herzinfarkt ungünstigere Verläufe, unter anderem durch die spätere Diagnostik und Therapie, aber auch durch höhere Komplikationsraten der Behandlung. Auch bei Medikamenten gibt es Hinweise auf geschlechtsspezifische Unterschiede bei Wirkung und Nebenwirkungen. Beispielsweise hat die Verschreibung des Entzündungshemmers Colchicin bei Frauen oft stärkere Nebenwirkungen, was zu einem Therapieabbruch führen kann. Deshalb ist es wichtig, dass Frauen in klinischen Studien ausreichend vertreten sind, und zwar idealerweise in Relation zur Häufigkeit der Erkrankung.

In vielen Studien zeigen Frauen nach einem Herzinfarkt ungünstigere Verläufe, unter anderem durch die spätere Diagnostik und Therapie, aber auch durch höhere Komplikationsraten der Behandlung.

Ist also der Blick auf erkrankte Frauen zu männlich?

Ja, bei bestimmten Krankheitsbildern ist das tatsächlich so. Am Beispiel des Herzinfarkts kann das in der akuten Behandlung eine große Rolle spielen. Sowohl Ärztinnen und Ärzte als auch Patientinnen und Patienten sollten deshalb sensibel auf mögliche Warnzeichen achten. In den vergangenen Jahren hat sich das Problembewusstsein bei Ärzten mit Blick auf die unterschiedlich ausgeprägten Krankheitsbilder bei Frauen und Männern verbessert. Jedoch fehlen oft noch Erkenntnisse aus Studien und geschlechtsspezifische Handlungsempfehlungen, da schlichtweg die Datengrundlage fehlte: In vielen kardiologischen Studien waren Frauen lange Zeit unterrepräsentiert.

Und was hat sich hierbei bewegt?

Immerhin hat die „European Society of Cardiology“, ein international anerkanntes Gremium von Experten, in den neuen Behandlungsleitlinien bereits darauf reagiert. Dort wird nun darauf verzichtet, Symptome als „typisch“ oder „atypisch“ zu bezeichnen, weil diese Einteilung oft auf männlichen Krankheitsverläufen basiert und bei Frauen unzureichend und irreführend sein kann. Ziel ist es, Symptome breiter zu betrachten und Herzinfarkte bei allen Patientengruppen schneller zu erkennen.

Wie lässt sich also die geschlechtersensible Medizin definieren?

Dieser noch relativ junge Zweig der Medizin ist keine „Frauenmedizin“ und auch  keine Medizin von Frauen für Frauen. Vielmehr geht es darum, biologische und soziokulturelle Unterschiede zwischen Männern und Frauen festzustellen und daraus eine möglichst passende und personalisierte medizinische Versorgung für Frauen, Männer und Menschen mit unterschiedlichen Geschlechtsidentitäten zu übersetzen. Gleichwohl ist unsere Heilkunde in ihren Analysen sowie Behandlungsmethoden noch sehr männlich geprägt. Ziel ist es, Therapien auf das jeweilige Individuum stärker zu personalisieren.

Auf welchen Feldern fallen Männer durch das bisherige Diagnose-Raster, weil Mediziner Krankheiten aufgrund eines undifferenzierten Blicks auf die Symptome gar nicht erkennen?

Die Depression ist hier ein gutes Beispiel. Bei Männern ist sie wahrscheinlich häufiger unterdiagnostiziert, weil sich Symptome oft anders zeigen als im klassischen Lehrbuchbild. Statt Traurigkeit, sozialer Rückzug, häufiges Weinen und Freudlosigkeit stehen bei Männern nicht selten Reizbarkeit, Aggressionen, Suchtverhalten, exzessiver Sport und erhöhte Risikobereitschaft im Vordergrund. Wenn diese geschlechtsspezifischen Unterschiede nicht mitgedacht werden, besteht die Gefahr, dass Betroffene später oder gar keine passende Hilfe erhalten. Gleichzeitig ist bekannt, dass Männer deutlich häufiger durch Selbsttötung sterben als Frauen, wofür es sicher mehrere Ursachen gibt. Eine unerkannte oder zu spät behandelte Depression kann dabei aber ein wichtiger Faktor sein.

Warum hat das Bewusstsein für geschlechtersensible Medizin erst in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen?

Das hat mehrere Gründe. Zum einen lässt sich die lange Vernachlässigung von Frauen in der medizinischen Forschung historisch erklären, weil es dem damaligen Zeitgeist entsprochen hat. Viele Strukturen der Medizin sind in einer Zeit entstanden, in der sie stark männlich geprägt war. Frauen waren sowohl in Forschung als auch in klinischer Praxis deutlich unterrepräsentiert. Gleichzeitig haben engagierte Vorreiterinnen in Medizin und Gesundheitspolitik in den vergangenen Jahrzehnten wesentlich dazu beigetragen, dieses Ungleichgewicht sichtbar zu machen und Veränderungen anzustoßen.

Natürlich bewirken Frauen im Gesundheitswesen auch einen Bewusstseinswandel.

Ja, ein weiterer wichtiger Faktor ist auch der steigende Anteil von Frauen im Medizinstudium und ärztlichen Beruf. Allerdings sind Frauen weiterhin deutlich unterrepräsentiert in leitenden Positionen wie Chefarztstellen oder Professuren. Ein bekanntes Phänomen in der Medizin ist die sogenannte „leaking pipeline“: Zu Beginn eines Medizinstudiums beträgt der Frauenanteil rund zwei Drittel. Doch auf dem Weg über Facharztausbildung und wissenschaftliche Karriere bis hin zu Oberarzt- und Chefarztpositionen sinkt dieser Anteil deutlich und das Geschlechterverhältnis kehrt sich um. Um geschlechtersensible Medizin stärker in Forschung und Lehre zu verankern, braucht es deshalb auch entsprechende Veränderungen an Universitäten und Kliniken. Auch die Schaffung dezidierter interdisziplinärer Lehrstühle für geschlechtersensible Medizin wie es sie bislang schon vereinzelt gibt, ist ein wichtiger Schritt, um geschlechtersensible Medizin dauerhaft zu stärken.