Alb-Hospiz in Münsingen und Palliativversorgung in der Region
An der letzten Station aufblühen
Münsingen • Lesedauer: 5 min

Sie strahlt, das breite Lächeln dominiert ihr mageres Gesicht. Am Tisch des lichtdurchfluteten Gemeinschaftsraums im Alb-Hospiz in Münsingen sitzend, plaudert sie unverstellt. Auch wenn sie ihren Namen nicht preisgeben will, erzählt die 65-Jährige, was sich bei ihr verändert hat. „Ich bin viel offener und aufgeschlossener geworden. Seit Oktober 2025 wohne ich hier im Alb-Hospiz und bin richtig aufgeblüht.“
Viel Zeit bleibt ihr allerdings nicht mehr. Sie leidet unheilbar an Eierstock-Krebs. Nach einem Aufenthalt in einer Klinik kam sie im vergangenen Jahr wieder nach Hause. Ein ambulanter Pflegedienst sollte sich um sie kümmern. „Ich war aber viel allein zu Hause. Irgendwann sagte mein Bruder, ich könne in ein Hospiz ziehen. Zuerst bin ich widerwillig hierher gekommen“, erzählt sie.
Doch dann hat sich ihr Bild von diesem Ort komplett verändert, an dem Sterbende auf den Tod warten. „Ich bin hier sehr gut aufgenommen worden. Und jetzt will ich nicht mehr zurück. Es ist richtig familiär, die menschlichen Begegnungen und die Fürsorge durch die Mitarbeiterinnen sind toll“, schwärmt sie.
Menschliche und warmherzige Begegnungen
Dass sich für die Münsingerin ausgerechnet im letzten Lebenskapitel eine Tür zu einer besseren, freudvollen Existenz eröffnet, ist aus Sicht der Leiterin des Alb-Hospizes Sabine Schelkle kein Paradoxon. „Das ist kein trauriger Ort. Unsere Gäste erleben Freude. Hier wird gelacht“, berichtet sie. Das gilt sowohl für die Erkrankten sowie deren Angehörigen als auch für die Mitarbeiter.
Seit der Eröffnung des Alb-Hospizes vor dreieinhalb Jahren arbeitet das Team stetig daran, den Gästen einen bestmöglichen Aufenthalt zu ermöglichen. Acht Betten bietet das Hospiz an. Die Wartezeit, um einen Platz zu erhalten, beträgt mitunter einige Tage und manchmal bis zu vier Wochen. „Es gibt eine Warteliste. Die Plätze werden nach Dringlichkeit vergeben“, erklärt Schelkle. Inzwischen habe sich das kleine Haus in Münsingen zu einem Anlaufpunkt für die gesamte Albregion zwischen Riedlingen und Gruibingen sowie Reutlingen und Ehingen etabliert. „Erkrankte und Angehörige nehmen bis zu 45 Minuten Anfahrzeiten in Kauf, um eine gute Hospiz- und Palliativversorgung zu bekommen.“ Denn hier steht der Kranke im Mittelpunkt. An seinen Bedürfnissen richten sich die Mitarbeiter aus.
In Münsingen steht für die außerordentliche Betreuung viel Personal bereit: 16 auf Palliativversorgung spezialisierte Pflegekräfte mit der Zusatzausbildung Palliative Care kümmern sich individuell rund um die Uhr um die Patienten, die im Alb-Hospiz liebevoll „Gäste“ genannt werden. Denn sie bleiben zwischen drei Wochen und einem dreiviertel Jahr - bis der Tod anklopft.
Zudem kochen drei Hauswirtschaftskräfte frische Mahlzeiten - aber nicht zu festgelegten Uhrzeiten, sondern ganz nach Wunsch der jeweils acht Gäste. Lokale Hausärzte und das Reutlinger Palliativteam SAPV der Reutlinger Kreiskliniken begleiten das Hospiz medizinisch. Zudem kümmert sich ein Sozialdienst um Sterbende und Angehörige, berät psychosozial und koordiniert die 35 Ehrenamtlichen.
Das Team des Hospizes kümmert sich darüber hinaus darum, die Einrichtung in der Region bekannter zu machen. Akzeptanz ist wichtig, denn ein Haus wie dieses ist auf Spenden und ehrenamtliche Arbeit angewiesen.
„Ehrenamtliche Mitarbeit ist ein Grundbaustein der Hospizarbeit“, erklärt Schelkle. Die freiwilligen Mitarbeiter kommen einige Stunden pro Woche und gehen beispielsweise mit den Sterbenden spazieren, suchen das Gespräch oder trinken mit ihnen Kaffee. Überdies kommen Seelsorger, suchen das Gespräch, musizieren mitunter mit der Gitarre oder singen mit den Gästen, sofern diese das wollen.

Im europäischen Mittelfeld
Auch wenn sich die Zahl der stationären Hospize und Palliativzentren deutschlandweit laut Deutschem Hospiz- und Palliativ-Verband in den vergangenen 30 Jahren verdreifacht hat, gelten Hospizplätze hierzulande eher als knapp.
Obwohl es hierzulande seit 2015 das Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung gilt, hat sich das entsprechende Angebot pro 100.000 Einwohner in den vergangenen Jahren kaum verändert. In einer 2025 veröffentlichten Rangliste der European Association für Palliative Care bewegt sich Deutschland in Europa und Teilen der vormaligen Sowjetunion im Mittelfeld. Demnach hat Deutschland 1,13 palliative Dienstleister pro 100.000 Einwohner. Das liegt knapp über dem Durchschnittswert von 0,96 der insgesamt 50 aufgeführten Staaten. Die Bundesrepublik belegt demnach Rang 17. Zum Vergleich: Österreich kann einen Wert von 3,68 aufweisen und ist europäischer Spitzenreiter vor Litauen (2,31) und der Schweiz (2,10).
In Deutschland gibt es nach Angaben des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands rund 1500 ambulante Hospizdienste, etwa 270 stationäre Hospize für Erwachsene sowie 21 stationäre Hospize für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene (Stand 2025). In Krankenhäusern existieren zudem 330 Palliativstationen, vier davon für Kinder und Jugendliche.
Der hohe Personalaufwand ist gleichwohl kostenträchtig, aber nicht profitorientiert: Der Betrieb in Münsingen - das Haus ist in Trägerschaft der Samariterstiftung in Nürtingen - wird zu 95 Prozent von den Krankenkassen bezahlt. Fünf Prozent müssen über Spenden finanziert werden. „Wir brauchen jährlich 70.000 Euro“, sagt Sabine Schelkle. Deshalb sucht das Alb-Hospiz auch die Öffentlichkeit und will erklären, dass Hospize keine abgeschiedenen Plätze für Sterbende sind, sondern im Leben stehen. „Wir sind kein lang etabliertes Haus, müssen aber im Gespräch bleiben“, meint Lea Geiselhart, Sozialdienst-Leiterin im Alb-Hospiz.
Offener Umgang mit dem Tod
Die Offenheit spiegelt sich auch im Umgang mit den Angehörigen der Gäste wider: Geiselhart sagt, immer wieder kämen Familienmitglieder der Sterbenden zunächst verunsichert ins Hospiz. „Wenn sie einmal hier sind und wir auf sie zugekommen sind, spüren sie die gute Atmosphäre im Alb-Hospiz.“ Angehörige dürfen zudem jederzeit ihre Liebe oder Lieben besuchen oder im Haus übernachten. Kinder sind als Gäste ausdrücklich willkommen. „Sie sollen erleben, dass hier gelacht werden darf. Zudem können wir ihnen erklären, was es mit dem Tod auf sich hat und dass er zum Leben gehört“, merkt Geiselhart an. Gleichwohl betont sie, für unheilbar erkrankte Kinder gebe es eigens Kinderhospize. In der Münsinger Einrichtung dürften ausschließlich Erwachsene als Patienten aufgenommen werden.
Die 65-jährige Münsingerin, die ihre letzten Wochen und Monate nun im Alb-Hospiz verbringt, hat sich im Angesicht des Todes wieder stärker dem Leben zugewandt. Sie sagt sogar, ihre körperliche Verfassung habe sich über Monate hinweg verbessert - auch dank der Schmerzbehandlung und der guten physischen und psychischen Betreuung. „Hier gibt es auch viel zu lachen, wenngleich es insgesamt eine traurige Sache ist“, meint sie. Und dank des Projekts „Glücksmomente“ hätten ihr Ehrenamtliche einen letzten Wunsch erfüllt. „Mit Schwester, Bruder und Schwägerin habe ich einen Ausflug zum Flughafen Stuttgart gemacht“, erzählt sie. Projektmitarbeiter, ehrenamtlich engagierte Sanitäter, hätten sie dorthin gebracht. Bei einer Führung habe sie einen Blick hinter die Kulissen des Airports werfen dürfen. So hat sie einen bislang unentdeckten Ort der Welt erblickt.
