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Städtetouren

München kann mehr als Schicki-Micki

Simone F. Lucas Lesedauer: 5 min

Streifzug durch die eher unbekannten Seiten der bayerischen Landeshauptstadt: Auf der Rundtour in München begegnet man sozialen Projekten, alternativen Szenevierteln, nachhaltigen Genüssen.
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Von Simone F. Lucas

Mit dem Rosewood hat in München gerade erst das elfte Luxushotel eröffnet. Passt scho, sagen da viele Münchner. Gilt die bayerische Landeshauptstadt doch als Mekka der Reichen und Schönen, als Laufsteg der Adabeis, derjenigen, die unbedingt dazugehören wollen, zur Schicki-Micki-Szene. Doch München kann auch anders. Anarchisch, bunt, alternativ, vegan, nachhaltig. Da kann man in einem Hotel übernachten, in dem auch Großfamilien willkommen sind oder Jugendgruppen. Gleich neben der Wiesn und das noch günstig. Die U-Bahn ist nah, auch eine Bushaltestelle. Das Auto kann also getrost zu Hause bleiben.

Noch viel schöner ist es, sich mit einer Fahrrad-Rikscha durch die Altstadt kutschieren zu lassen. Ganz ohne schlechtes Gewissen und ohne Mitleid mit dem Fahrer haben zu müssen. Das E-Bike macht's möglich. 170 angemeldete Fahrrad-Rikschas gibt es in München, sagt Falk Hilber - schwarzes Käppi, dunkler Bart - der schon seit 2007 München-Touren mit der Rikscha anbietet. Zehn Jahre später hat er zur problemlosen Vermittlung von Rikscha-Touren die Plattform rikschaguide.com gegründet und eine Ausbildung zum Rikschaguide initiiert. Drei feste Standplätze für die Fahrrad-Rikschas gibt es schon, zum Beispiel am Marienplatz.

Ein Café im Sozialprojekt

Jetzt steht das Gefährt vor einem hohen Eckhaus in der Müllerstraße. Der Schriftzug „Bellevue Monaco“ leuchtet einladend. Im gut besuchten Café sitzen vor allem junge Leute. Christian (Grisi) Ganzer - graumelierter Bart, Brille, gestreifte Mütze - freut sich über den Andrang, auch wenn viele der Gäste wohl nicht wüssten, dass sie in einem sozialen Projekt ihren Latte Macchiato trinken. Der 54-Jährige hat das Wohn- und Kulturzentrum für Geflüchtete und Bedürftige mit gegründet. Nur mit viel Engagement konnte die Stadt davon abgehalten werden, die lange vernachlässigten Häuser abzureißen. Dabei half, dass 2015 Platz für Geflüchtete gesucht wurde. Geboten wird so einiges - von der Jugendlichen-WG und Kulturveranstaltungen über Sprachunterricht und offene Werkstätten bis hin zu Sport. Dafür hat das Bellevue buchstäblich einen Höhepunkt. Über 112 Stufen gelangt man hinauf aufs Dach zum wohl spektakulärsten Bolzplatz der Stadt.

Rein in die U-Bahn bis zur Haltestelle Poccistraße. Ein kurzer Fußweg und schon ist man in einer anderen Welt. Auf dem Gelände des alten Viehhofs hat sich eine bunte Szene breit gemacht. Seit sieben Jahren lädt das Gelände unter dem Namen Bahnwärter Thiel zu Partys, Konzerten, Lesungen, Flohmärkten und Workshops. Es gibt einen Atelierpark, ein Fotostudio und Platz für urban gardening, wo Familien Gemüsebeete pflegen. Eigentlich sollte diese alternative Oase mit den bemalten Bahnwaggons und den bunten Containern  bis Ende des Jahres geräumt werden. Aber inzwischen wurde der Mietvertrag bis 2027 verlängert.

Stadtführer Max Zeidler bietet sozio-ökologische Führungen durch München an.
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Stadtführer Max Zeidler bietet sozio-ökologische Führungen durch München an. (Foto: Simone F. Lucas/srt)

Möglich gemacht haben diese alternative Szene in München die drei Hahn-Brüder Daniel, Julian und Laurin. „Luftschlösser sind ihr Metier“, lobt der Bayerische Rundfunk das kreative Trio, das neben dem Bahnwärter Thiel auch dafür verantwortlich ist, dass gleich in der Nähe ein Schiff auf einer Brücke gelandet ist. Die Alte Utting, ein ehemaliger Ammerseedampfer, wurde von den Brüdern vor dem Verschrotten bewahrt und zu einem Kulturprojekt umgewandelt. Vor fünf Jahren konnte der ehemalige Ausflugsdampfer an seinem neuen Standort andocken. Und wie Bahnwärter Thiel wird er dort noch weitere fünf Jahre stehen dürfen. Was im Restaurant auf den Tisch kommt, ist regional und zum großen Teil auch vegan.

Vegane Weißwürste

Ja, vegan. Das geht auch in der Weißwurstmetropole München. Im Restaurant Herrschaftszeiten im Tal, dem ehemaligen Paulaner, kamen sogar die ersten veganen Weißwürste auf den Tisch. „Eigentlich ein Gag zum Oktoberfest“, sagt Thomas Isermann - blonder Bart, halblange blonde Haare - der Gründer von Greenforce. Der gebürtige Stuttgarter sieht sich als veganer Daniel Düsentrieb, der eine für den Planeten notwendige Entwicklung anschiebt. Weg vom Billigfleisch hin zu gesunden Produkten aus weitgehend regionalen Grundstoffen. Isermann definiert sich als Genussmensch, will keine Verbote, sondern setzt auf Verführung. Schmecken sollen die veganen Alternativen auch Flexitariern. Aber Fleisch sollte nichts Alltägliches sein. „Zurück zum Sonntagsbraten“ fordert der umtriebige Greenforce-Gründer, der sich als Sportmanager schon einen Unterstützerkreis erarbeitet hat. Unterstützt wird Isermann von Promis wie dem FC-Bayern-Torjäger Thomas Müller, aber auch von Feinkost Käfer, der die Greenforce-Frikadellen als „das beste Fleischersatzprodukt auf dem Markt“ auch in seinen Läden führt. „Wir sind ein Wachstumsmarkt“, ist der Unternehmer überzeugt. Trotzdem sieht er sich noch „ein bisschen wie David gegen Goliath“. Seine Produkte auf der Grundlage von Erbsen und Sonnenblumenproteinen, die unter anderem mit Metzgern und Köchen entwickelt wurden, versteht er als Gamechanger, als etwas, das den Markt verändern wird. Die Grundrezeptur wird denn auch wie ein Schatz gehütet „im Tresor wie das Rezept für Coca-Cola“.

Wie wäre es jetzt noch mit einem Verdauungsspaziergang? Der Archivar Max Zeidler - schwarzer Dufflecoat, Brille - steht schon bereit für eine öko-soziale Führung. „München wird besser“, diesen Slogan hat er sich für seine Stadtführungen zu eigen gemacht, bei denen er sich mit Interessierten „durch dieses verrückte München hangelt“. Besonders am Herzen liegt ihm die soziale Nachhaltigkeit, „eine der größten Herausforderungen unserer Zeit“. Aber wir sind ja in München, und da ist man von Haus aus optimistisch. „A bisserl was geht immer“, tröstet sich auch der Stadtführer und verweist auf den Kiosk „Fräulein Grüneis“ bei der Eisbachwelle. Dass das gastfreundliche Häuschen in grün-weiß einmal ein Toilettenhäuschen war, wissen nur Eingeweihte. Aber die Verwandlung passt ins Konzept der Tour. Wie sagte Zeidler am Anfang: „Für die Nachhaltigkeit sind ein langer Atem und viel Humor nötig.“

Weitere Informationen zu den Führungen: www.einfach-muenchen.de/fuehrung-viertel, sozio-ökologische Stadtführung: www.stadtfuehrer-max.de (srt)