Urban Street-Art in Lissabon
Ein Künstler sprengt Löcher in Hauswände – und schafft so Unglaubliches
Lissabon • Lesedauer: 5 min

Die Abendsonne spiegelt sich auf der Oberfläche des Tejo. Immer wieder bringen ihre Strahlen das Wasser zum Glitzern. Der längste Fluss der iberischen Halbinsel fließt an diesem Abend ruhig dahin.
Auf den Straßen Lissabons sieht es anders aus. Autos fahren die in Sonnenlicht getauchte Straße entlang. Es ist 17 Uhr – Feierabend. Immer wieder wird gehupt. Die Fahrerin des weißen Tuk-Tuks aber lässt sich von dem abendlichen Trubel nicht aus der Ruhe bringen.
Im Gegenteil: Catarina Rodrigues (35) lacht, während die Straßenführerin mit ihren Gästen durch das Marvila-Viertel fährt. Auch sie ist Künstlerin, malt am liebsten mit einem schwarzen Stift, den Händen oder dem ganzen Körper.
Auf Spurensuche in Lissabon – Bordalo II
Rechts und links reihen sich Industriegebäude aneinander. Das Tuk-Tuk ruckelt über den holperigen Asphalt. Das weiße Auto mit den acht Sitzen hat keine Türen. Der Wind bläst über die Köpfe der Gäste. Wer sich nicht anschnallt, wird ordentlich durchgerüttelt.

Gerade geht es vorbei an der Unicorn Factory – zu Deutsch: Einhorn Fabrik –, als Catarina plötzlich bremst und mit dem ausgestreckten Arm auf eine Hauswand zeigt. Dort sitzt ein riesiger Frosch.
Kunstszene prangert Missstände an
Die Einzelteile seines Körpers sind bunt und ungleichmäßig. Sie heben sich deutlich von der grauen Gebäudewand ab. Manche Teile sehen aus wie alte Straßenabsperrungen, zerschnittene Rohre oder Container.
„Bordalo II - Das ist einer meiner Lieblingskünstler. Meistens formt er Tiere“, sagt Catarina. Die Urban-Street-Artists Lissabons haben ein bestimmtes Ziel: Mit ihren Werken wollen sie soziale, kulturelle oder politische Missstände anprangern.

Das Besondere an Bordalos Kunstwerken: Die Einzelteile bestehen ausschließlich aus Plastikmüll, das aus dem Ozean gefischt wurde.
Zehn Meter hohes Kunstwerk aus Müll
Der Frosch an der Hauswand ist eines der ersten Werke Bordalos, sein Iberischer Luchs eines der neusten. Er steht auf dem ehemaligen Expo-Gelände im Parque das Nações und ist über zehn Meter groß.
„Wenn man sich die Größe seiner Werke anschaut, wird einem erst richtig bewusst, wie viel Müll eigentlich im Meer landet“, sagt Catarina.
Überall im Lissabonner Marvila-Viertel sind solche Street-Art-Werke zu sehen. „Es sind so viele, dass es unmöglich ist, die Namen all der Künstler zu kennen“, sagt Catarina. Auch viele internationale Künstler haben sich hier verewigt.

Die Stadt fördert diese Kreativität. Es ist eine Win-Win-Situation. Indem sie den Künstlern solche Plattformen bereitstellt, vermeidet sie, dass wahllos Hauswände beschmiert werden. Der Deal mit den Künstlern: Sie schaffen richtige Kunstwerke und tragen damit zur Verschönerung des Stadtbildes bei.
Dieser Künstler sprengt sogar Hauswände
So wie der Portugiese Alexandre Farto, der vor allem unter seinem Pseudonym Vhils bekannt ist. Um seine Kunstwerke in den Hauswänden zu verewigen, greift er zu radikalen Mitteln.
Anstatt zu zeichnen, fräst und sprengt er Löcher in die Mauern Lissabons – und schafft somit Portraits von überdimensionaler Größe. „Mit den Löchern erzeugt er die Schatten in seinen Bildern“, erklärt Catarina.

Für ein Projekt haben Lissabons bekannteste Straßenkünstler sogar bereits zusammengearbeitet. Die linke Seite dieses Gemäldes zeigt einen alten Mann mit Bart, dicken Augenbrauen und dünnem Haar. Über sein Gesicht ziehen sich unzählige Falten. Auch sie wurden von Vhils in die Oberfläche der Mauer gesprengt.
Die rechte Hälfte zeigt das Gesicht eines Primaten - bestehend aus dem gesammelten Plastik Brodalos. „Ich glaube, die beiden wollen uns mit diesem Bild vor Augen führen, dass Mensch und Primat sehr eng miteinander verwandt sind und wir die Welt um uns herum schützen müssen“, sagt Catarina.
Zeit für Inspiration
Wenn die junge Frau über Kunst spricht, ist ihre Begeisterung spürbar.„Kunst ist etwas, das aus dem Herzen direkt aufs Papier fließt“, sagt sie.
Ein Ort, der ihr Herz besonders berührt, ist der Aussichtspunkt Miradouro da Senhora do Monte. Der Blick reicht über die Dächer Lissabons bis hin zum Tejo. „Ich finde es hier besonders inspirierend“, sagt sie. Ihr Augen schauen in die Ferne. Dort geht gerade die Sonne unter.

Saudade – Ein einzigartiges Wort
Ein Wort, das in vielen portugiesischen Kunstformen zu finden ist, lautet „Saudade“. Laut den Portugiesen lässt sich das Wort in keine andere Sprache der Welt übersetzen. Davon ist auch Catarina überzeugt.
Der Künstler Mario Belem hat es während des ersten Corona-Lockdowns 2021 an eine Hauswand geschrieben. Es bildet das Zentrum seines Murals. Er selbst erklärt das Bild so: Damals habe man die meiste Zeit mit dem Rücken zu restlichen Welt in Abgeschiedenheit verbracht und sich nach der vergangenen Freiheit gesehnt.

Inzwischen habe das Bild eine weitere Bedeutung bekommen: Man könne nun mit der Gewissheit vorangehen, dass auf herausfordernde Umstände auch wieder farbenfrohe und positive Tage kommen. Mit dieser Gewissheit könne man lächeln, auch, wenn es einem gerade nicht so gut geht.
„Saudade vereint Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“, sagt Catarina. Wenn sie es anderen erklären möchte, erzählt sie oft von ihrer Großmutter, die schon lange nicht mehr lebt.
„Alles, was mir bleibt, sind Erinnerungen an sie.“ Das mache sie sehr traurig, oft müsse sie weinen. Der Gedanke an ihre Oma mache sie aber auch sehr glücklich. „Saudade ist das Gefühl einer traurigen Erinnerung, die dich am Ende trotzdem lächeln lässt.“

Hier gibt's noch mehr tolle Sehenswürdigkeiten
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