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Schutz vor Wetterextremen

Darum raten Experte Hausbesitzern nach Hochwasser dringend von Heimwerken ab

Starkregen und Hochwasser können mitunter schwerste Schäden an Gebäuden verursachen, die nur Profis beseitigen sollten. Diese Kardinallösung verhindert jedoch die Vollkatastrophe.

Ellwangen Lesedauer: 6 min


Veröffentlicht: Uhr
(Aktualisiert: Uhr)

Meist beginnt es mit einem schweren Wolkenbruch. Innerhalb von Minuten oder wenigen Stunden fällt so viel Regen, dass ihn weder Flussbetten noch Kanäle aufnehmen können. Das Wasser bahnt sich ohne Rücksicht auf Verluste seinen Weg – im Falle auch durch Lichtschächte und Kellerzugänge ins Haus. Mehr als 400.000 Gebäude in Deutschland sind – beispielsweise wegen ihrer Nähe zu einem Gewässer – von einem solchen Szenario bedroht.

Hochwasser und Starkregen nehmen auch im Ostalb- und Rems-Murr-Kreis zu

Aus seiner beruflichen Erfahrung bestätigt Michael Panzer von „Rainbow Sanierungen“, einem Unternehmen für die Sanierung von Gebäudeschäden mit einem Standort in Ellwangen, dass die Zeiträume zwischen schweren Hochwasserereignissen in den vergangenen Jahren deutlich kürzer geworden sind. „Früher ist man davon ausgegangen, dass es alle sieben bis zehn Jahre einmal ordentlich scheppert. Inzwischen sind wir eher bei einem Drei-Jahres-Schnitt“, so der studierte Betriebswirt, der als Mitglied der Geschäftsführung (Chief Operating Officer) bei „Rainbow Sanierungen“ für das operative Tagesgeschäft zuständig ist.

Insbesondere im westlichen Ostalbkreis und im benachbarten Rems-Murr-Kreis haben für die Gemeinden und die darin lebenden Menschen heftige Gewitter, Starkregen und Hochwasser keinen Seltenheitswert mehr. Schwer getroffen hat es dabei in den vergangenen zehn Jahren immer wieder Schwäbisch Gmünd, wie das Resilienzzentrum Ostalbkreis mit einer Zusammenfassung der jüngsten Hochwasserereignisse zeigt.

So beispielsweise im Mai 2015 mit einem 100- bis 200-jährlichen Hochwasser, fast genau ein Jahr später erneut mit sintflutartigen Regenfällen, 2021 bedeckten Wasser und Geröll nach einem heftigen Unwetter die Straßen oder zuletzt im Juni 2024, als infolge des Starkregens ein Hang massiv ins Rutschen geriet und ein ICE entgleiste. Weitere Brennpunkte der vergangenen Jahre waren immer wieder Lorch, Aalen, Heubach oder auch Waldstetten.

Hochwasserschäden sind keine Baustellen für Heimwerker

Das viele Wasser, das dabei unkontrolliert in den Keller eindringt, ist allerdings oftmals nur die Spitze des Bergs an Problemen, die sich infolge eines überfluteten Kellers ergeben. Unterschätzte Gesundheitsrisiken, versteckte Schäden, mangelndes Know-how und unerwartet explodierende Kosten sind nur ein paar der Gründe, warum Hochwasserschäden keine Baustellen für Heimwerker sind.

Ventilator aufstellen und auf trockene Wände warten, ist nicht (mehr) zu empfehlen

Denn: Es ist nicht damit getan, nach einem Hochwasser zum Trocknen der Wände ein paar Ventilatoren oder Heizstrahler aufzustellen oder nur die Dämmung auszutauschen, betont Steffen Altmannsberger, Geschäftsführer (Managing Director) der „Neighbourly Brands GmbH“. Das weltweit agierende Franchiseunternehmen für haushaltsnahe Dienstleistungen hat sich mit seinen Untermarken unter anderem auf Reparatur, Wartung und Instandhaltung von Immobilien spezialisiert. „Rainbow Sanierungen“ ist eine dieser Marken.

Wie Altmannsberger im Gespräch mit der Redaktion erklärt, seien Wände heutzutage aus sieben, acht oder neun unterschiedlich durchlässigen Schichten aufgebaut. Erst im Zusammenspiel entfalten sie ihre Funktion, beispielsweise als Stabilisator, als Wärmespeicher oder zur Regulierung von Feuchtigkeit.

„Dieses System mit seinen verschiedenen Funktionen herzustellen, ist die eigentliche Herausforderung beim Sanieren“, so der „Neighbourly“-Geschäftsführer. Wer eine Wand gründlich sanieren wolle, müsse sich im besten Fall in den verschiedenen Gewerken vom Maurerhandwerk über Zimmerei und Stuckatur hin zu Elektro- und Heizungsinstallation auskennen, um den Aufbau einer Wand nicht nur bauphysikalisch nachvollziehen, sondern dann auch fachgerecht wiederherstellen zu können. „Grundsätzlich kann man deshalb sagen: Je komplexer die Wände, desto mehr Schichten und desto größer ist in der Regel auch der Aufwand, einen Schaden zu beheben“, fasst Altmannsberger zusammen. Hinzu kommen Hunderte von DIN-Normen, die es beim Wandbau zu berücksichtigen gelte.

Eine komplexe Angelegenheit, die die Fähigkeiten der meisten Heimwerker übersteigt. Um die Krux an der Wandsanierung bildlich auf den Punkt zu bringen, ergänzt er: „Wenn Sie die Sanierung einer Wand mit der Reparatur eines Autos vergleichen: Einen Formel-1-Motor reparieren Sie auch nicht so einfach wie den Motor eines Käfers.“

Lieber mehr zahlen, als später böse überrascht werden

Und wie bei der Reparatur eines Rennwagenmotors kostet eben zum Beispiel auch die Sanierung einer komplex gebauten Passivhauswand deutlich mehr als bei einer konventionellen Wand.

Der Klassiker ist: einfach den Schaden übertapezieren oder streichen, sodass man ihn nicht mehr sieht. Ganz nach dem Motto ‚Aus den Augen, aus dem Sinn‛.

Philipp Leuck, LOCATEC Ortungstechnik GmbH

Wer jedoch nicht gründlich saniert, riskiert, den Schaden um ein Vielfaches zu verschlimmern, kann auch Philipp Leuck von der „LOCATEC Ortungstechnik GmbH“, einem Ellwanger Unternehmen für Wasserschadensanierung und ebenfalls eine Marke der „Neighbourly Brands GmbH“, bestätigen. „Der Klassiker ist: einfach den Schaden übertapezieren oder streichen, sodass man ihn nicht mehr sieht. Ganz nach dem Motto ‚Aus den Augen, aus dem Sinn‛. Die Feuchtigkeit gärt darunter allerdings weiter, die Wände weichen auf, und einige Jahre später hat man dann ein komplett verschimmeltes Haus“, so der Chief Operating Officer. Eine Schadensumme, die anfänglich im mittleren vierstelligen Bereich liegt, kann sich so laut Leuck locker bis in die Hunderttausende potenzieren.

Eine hohe Schadensumme bleibt nicht das einzige Problem

Zu explodierenden Kosten infolge von verschleppten Schäden kommt ein nicht zu unterschätzendes Gesundheitsrisiko. „Das ist ja kein sauberes, klares Wasser, das da im Keller stand, sondern auf gut Deutsch eine Plörre, von der Sie nicht wissen, woraus sie besteht“, so Panzer. Das Hochwasser trägt Erde, Sand oder Schnee und Wasser ins Haus, unter Umständen kontaminiert mit Öl, Diesel und Fäkalien aus überlaufenden Abwasserkanälen. Ein Gemisch, mit dem Haut und Atemwege nicht in Kontakt kommen sollten – vor allem dann nicht mehr, wenn durch nicht fachgerechte Trocknung oder Beheizen der Räume Schimmelbildung einsetzt.

Eine weitere Gefahr beim Sanieren steckt in der Wand selbst. In Gebäuden, die zwischen den 1960er-Jahren und 1993 errichtet oder renoviert wurden, könnten asbesthaltige Materialien wie Kleber oder Leichtbauplatten verbaut worden sein. „Und dann gelten für unsere Sanierungsexperten zum Schutz ihrer Gesundheit deutlich verschärfte Richtlinien“, betont Steffen Altmannsberger.

Bis zu acht Wochen kann eine Sanierung dauern

Denn eine umfangreiche Sanierung kann von der ersten Begutachtung des Schadens über die Reinigung und die Trocknung des Raumes bis hin zur Wiederherstellung des Wandsystems durchaus bis zu acht Wochen dauern.

Auf Nummer Sicher geht, wer versichert ist

Um sich Ärger mit verschimmelten Wänden oder horrenden Kosten zu ersparen, gibt es laut Panzer eine Kardinallösung: das Eigenheim gegen Elementarschäden versichern lassen. Das ist bei Gebäudeversicherungen kein Standard und viele Leute verzichten auf diesen Zusatz, um sich 100 bis 200 Euro pro Jahr zu sparen. Die Schäden sind im Ernstfall aber so brachial, dass sich eine Versicherung auch dann lohnt, wenn Sie sie nur alle zehn bis 20 Jahre mal brauchen.

Nach Angaben des Gesamtverbands der Versicherer sind in Deutschland allerdings lediglich 57 Prozent der Gebäude gegen Naturgefahren wie Hochwasser und Überschwemmung versichert. Für Steffen Altsmannsberger ist das nicht nachvollziehbar: „Die Immobilie ist in den meisten Fällen der wertvollste Besitz eines Menschen. Und da diskutieren wir ernsthaft über ein paar Hundert Euro im Jahr, die eine Vollkatastrophe kompensieren würden. Das ist aus meiner Sicht am falschen Fleck gespart.“