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Bauen und Wohnen

Das Haus, das zu 95 Prozent kompostierbar ist – nachhaltig wohnen neu gedacht mit dem „8Haus“

Eichstegen Lesedauer: 7 min

Wie wirkt Lehmputz im Alltag? Im 8Haus Eichstegen zeigt sich, wie Lehmputz und Naturbaustoffe das Raumklima verbessern. Experten-Interview im Video.

Veröffentlicht: Uhr
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Ein Haus, das am Ende seines Lebenszyklus nicht als Sondermüll endet, sondern weitgehend in den natürlichen Kreislauf zurückgeführt werden kann – klingt nach Zukunftsmusik? In Eichstegen steht mit dem „8Haus“ von Egon Frick ein ökologisches Vorbildhaus, das genau diesen Anspruch verfolgt. Von den Holzschindeln über die tragende Konstruktion bis hin zu Putz, Installationen und maßgefertigten Einbauten ist dieses Wohnhaus zu mindestens 95 Prozent kompostierbar.

Was zunächst nach radikalem Öko-Experiment klingt, entpuppt sich beim Betreten als modernes, durchdachtes und hochwertiges Zuhause. Keine sichtbaren Kompromisse, kein Verzicht auf Komfort, keine improvisierte Bastelästhetik. Stattdessen klare Linien, warme Materialien, angenehme Raumluft – und ein Baukonzept, das Nachhaltigkeit konsequent zu Ende denkt.

Modernes Wohnhaus statt Ökoexperiment.
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Modernes Wohnhaus statt Ökoexperiment. (Foto: BAUEN & WOHNEN)

Die Vision hinter dem „8Haus“: Ein Haus ohne Kunststoffe und Schadstoffe

Der gelernte Zimmermann Egon Frick hatte bereits 2014 eine klare Vorstellung: ein konsequentes Haus aus Naturbaustoffen. Ein Gebäude, das ohne Kunststoffe, ohne Schadstoffe und ohne unnötige Verbundstoffe auskommt. Ein Haus, das reparierbar, recyclingfähig und im Idealfall sogar kompostierbar ist.

„Ich wollte ein Haus bauen, das ohne Kunststoffe und ohne Schadstoffe auskommt“, beschreibt Egon Frick seine Motivation. Dieser Satz ist im 8Haus kein Marketingversprechen,   sondern Leitlinie für jede einzelne Entscheidung – vom Fundament bis zur letzten Fuge.

Der Name „8Haus“ steht dabei für Achtsamkeit ebenso wie für das Unendlichkeitssymbol .Was verbaut wird, soll nicht zu Abfall werden, sondern Teil eines ewigen Kreislauf der Materialien werden.

95 Prozent kompostierbar: Was bedeutet das konkret?

Wenn von 95 Prozent Kompostierbarkeit die Rede ist, geht es nicht um ein symbolisches Recyclingkonzept, sondern um reale Materialentscheidungen. Das „8Haus“ besteht überwiegend aus:

  • Holz in Konstruktion, Dach, Möbeln und Einbauten
  • Lehm in Form von Lehmbauplatten und Lehmputz
  • Ton und mineralischen Bestandteilen
  • Papier als Dicht- und Dampfbremse

Konsequent verzichtet wird auf Kunststoffrohre, Acrylfugen, silikonbasierte Dichtstoffe oder komplexe Verbundplatten, die später kaum zu trennen sind. USB-Platten, synthetische Kleber oder typische Bauchemie sucht man hier vergeblich. Stattdessen lautet die Devise: sortenrein, rückbaubar, natürlich.

Modernes Wohnen ohne Kompromisse

Wer beim Stichwort Naturbaustoffe an rustikale Lehmhütten oder dunkle Holzräume denkt, wird im „8Haus“ überrascht. Auf den ersten Blick wirkt alles modern, reduziert und funktional. Einbauschränke im Flur, präzise gearbeitete Massivholzmöbel, hochwertige Bodenbeläge – das Design ist zeitgemäß und klar. Nichts wirkt provisorisch oder improvisiert. Die Architektur zeigt, dass nachhaltiges Bauen längst aus der Öko-Nische herausgetreten ist. Das Haus verbindet Ästhetik, Funktion und ökologische Verantwortung in einem ganzheitlichen Konzept.

Holzschindelverkleidung: Natürlicher Schutz mit Charakter

Die Fassade ist mit Holzschindeln verkleidet – ein traditionelles Handwerk, das hier modern interpretiert wird. Die Schindeln schützen das Gebäude zuverlässig vor Witterung, sind langlebig, austauschbar und vollständig natürlich. Mit der Zeit entwickelt das Holz eine charakteristische Patina und fügt sich immer stärker in die Umgebung ein. Gleichzeitig unterstreicht die Holzschindelverkleidung den Anspruch des „8Haus“: ein Haus im Einklang mit der Natur – robust, nachhaltig und zeitlos zugleich.

Die Holzschindelverkleidung schützt das Gebäude natürlich und traditionell.
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Die Holzschindelverkleidung schützt das Gebäude natürlich und traditionell. (Foto: BAUEN & WOHNEN)

Lehm als Schlüsselmaterial im „8Haus“

Eine zentrale Rolle im „8Haus“ spielt der Lehm. Als natürlicher Baustoff ist er seit Jahrtausenden bewährt – und gleichzeitig hochaktuell. Lehm reguliert Feuchtigkeit, speichert Wärme, bindet Gerüche und sorgt für ein ausgeglichenes Raumklima. Doch wie kommt der Lehm an die Wand? Und was steckt eigentlich im Lehmputz? Naturbaustoff-Experte Tim Wiethaler erklärt: „Lehm ist einer der ursprünglichsten Baustoffe überhaupt – und gleichzeitig hochaktuell.“

Lehm ist einer der ursprünglichsten Baustoffe überhaupt – und gleichzeitig hochaktuell.

Naturbaustoff-Experte Tim Wiethaler

Im „8Haus“ wurden gezielt Lehmbauplatten eingesetzt, die industriell vorgefertigt und präzise   montiert werden können. Sie kombinieren die Vorteile traditioneller Lehmbauweise mit moderner Verarbeitungstechnik.

Der Lehmputz besteht aus natürlichen Bestandteilen wie Ton, Sand und Pflanzenfasern. Auf chemische Zusätze wird bewusst verzichtet. Das Ergebnis: eine diffusionsoffene Wand, die Feuchtigkeit aufnehmen und wieder abgeben kann – ganz ohne synthetische Dampfsperren.

Ist Lehm nicht anfällig für Feuchtigkeit?

Eine häufige Frage lautet: Ist Lehm nicht empfindlich gegenüber Wasser? Im „8Haus“ wird dieser Aspekt durch konstruktiven Holzschutz, sorgfältige Planung und geeignete Oberflächenbehandlungen berücksichtigt. Lehm soll Feuchtigkeit regulieren, statt sie einzuschließen. Dadurch entsteht ein ausgeglichenes Raumklima, das Schimmelbildung sogar vorbeugen kann. In Nassbereichen kommen ergänzende Lösungen zum Einsatz, die ebenfalls auf natürliche Materialien setzen. Das Ziel ist nicht romantische Rückbesinnung, sondern technisch durchdachte Bauphysik auf Basis natürlicher Rohstoffe.

Lehmputz in Feuchträumen soll regulierend wirken.
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Lehmputz in Feuchträumen soll regulierend wirken. (Foto: BAUEN & WOHNEN)

Installationen ohne Kunststoff: Edelstahl, Kupfer und Kork

Besonders konsequent zeigt sich das 8Haus bei den Installationen. Unterputzliegende Rohre und Leitungen bestehen aus Edelstahl und Kupfer statt aus Kunststoff. Dehnfugen werden mit Kork ausgeführt statt mit Silikon. Dampfsperren und Dichtbänder bestehen aus Papier.

Diese Entscheidungen mögen im Detail unspektakulär wirken – in der Summe ergeben sie jedoch ein radikal anderes Gebäude. Jedes Material wird hinterfragt: Ist es notwendig? Ist es trennbar? Ist es recyclingfähig oder kompostierbar? Genau diese Haltung macht das „8Haus“ zu einem Pionierprojekt.

Leitungen bestehen aus Edelstahl und Kupfer statt aus Kunststoff.
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Leitungen bestehen aus Edelstahl und Kupfer statt aus Kunststoff. (Foto: BAUEN & WOHNEN)

Durchdachter Stauraum: Einbaumöbel ohne Lösemittel

Schon beim Betreten des Hauses wird klar, wie konsequent hier geplant wurde. Der gesamte Flurbereich ist mit maßgefertigten Einbauschränken ausgestattet, die sich harmonisch in die Architektur einfügen. Statt einzelner Möbelstücke entsteht eine ruhige, klare Wandflächen, die auch als statische Zwecke erfüllen. Jacken, Schuhe, Alltagsgegenstände und Technik verschwinden unsichtbar in durchdacht gegliedertem Stauraum Auch hier kommen ausschließlich Massivholz und natürliche Materialien zum Einsatz. Das Ergebnis: maximale Ordnung und ein Eingangsbereich, der Funktionalität und Design perfekt verbindet.

Flurbereich mit durchdachten Einbaumöbeln.
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Flurbereich mit durchdachten Einbaumöbeln. (Foto: BAUEN & WOHNEN)

Die Küche im „8Haus“ folgt ebenfalls dem Prinzip der Schadstofffreiheit. Statt industriell gefertigter Module mit unbekannten Klebstoffen entstand sie im eigenen Betrieb. Ziel war es, die Hölzer lösemittelfrei zu verbinden und ausschließlich natürliche Materialien einzusetzen.

Küche - schadstofffreie Verbindung der Bauteile.
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Küche - schadstofffreie Verbindung der Bauteile. (Foto: BAUEN & WOHNEN)

Massivholz statt Spanplatte, mechanische Verbindungen statt synthetischer Kleber – das Ergebnis ist eine langlebige, robuste Küche mit individueller Handschrift. Hier zeigt sich ein weiterer Vorteil des Konzepts: Reparierbarkeit. Einzelne Elemente können ausgetauscht oder angepasst werden, ohne dass das gesamte System entsorgt werden muss.

Holz und Lehm: Tradition neu gedacht

Holz bildet die konstruktive Basis des 8Haus. Als nachwachsender Rohstoff speichert es CO₂ und lässt sich am Ende seines Lebenszyklus wiederverwenden oder kompostieren. In Kombination mit Lehm entsteht ein diffusionsoffener Wandaufbau, der sowohl ökologisch als auch bauphysikalisch überzeugt.

Lehm als Baustoff erlebt seit einigen Jahren eine Renaissance. Er ist regional verfügbar, wiederverwendbar und verfügt über hervorragende raumklimatische Eigenschaften. Im 8Haus wird er konstruktiv geschützt und dauerhaft eingesetzt. Holz und Lehm sind damit nicht nostalgische Relikte, sondern moderne Baustoffe mit Zukunftspotenzial.

Wandaufbau der Holtbauweise mit Lehmbauplatte.
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Wandaufbau der Holtbauweise mit Lehmbauplatte. (Foto: BAUEN & WOHNEN)

Kompostierbar, recyclingfähig, wiederverwendbar

Das „8Haus“ verfolgt ein klares Ziel: Materialien sollen entweder kompostierbar, recyclingfähig oder wiederverwendbar sein. Statt komplexer Verbundstoffe setzt das Konzept auf möglichst sortenreine Bauteile.

Das bedeutet auch: Rückbau wird mitgedacht. Wenn ein Gebäude eines Tages verändert oder zurückgebaut wird, sollen die Materialien getrennt und erneut genutzt werden können. Dieser Ansatz steht im starken Kontrast zu vielen konventionellen Bauweisen, bei denen verklebte Schichten und Verbundmaterialien spätere Wiederverwertung erschweren oder unmöglich machen.

Nachhaltiges Bauen ohne Verzicht

Oft wird nachhaltiges Bauen mit Einschränkungen verbunden: weniger Komfort, weniger Technik, weniger Design. Das „8Haus“ beweist das Gegenteil. Es verbindet natürliche Baustoffe mit moderner Haustechnik und funktionalen Einbauten.

Komfort, Energieeffizienz und Wohngesundheit schließen sich nicht aus – sie ergänzen sich. Das Raumklima profitiert von Lehm und Holz, während zeitgemäße Technik den Alltag erleichtert. Gerade diese Verbindung aus Tradition und Innovation macht das „8Haus“ so spannend.

Ein Haus als Kreislaufsystem

Die Acht im Namen steht für den Kreislaufgedanken und Achtsamkeit. Materialien sollen nicht linear von der Herstellung über die Nutzung in den Abfall führen, sondern in einem geschlossenen System zirkulieren.

Das 8Haus versteht sich als Teil dieses Systems. Holz wächst nach. Lehm kann wiederverwendet oder dem Boden zurückgeführt werden. Papier ist biologisch abbaubar. Diese Philosophie stellt nicht nur das einzelne Gebäude, sondern das gesamte Bauwesen infrage.

Neue Maßstäbe für ökologisches Wohnen

Das 8Haus in Eichstegen zeigt eindrucksvoll, dass nachhaltiges Bauen kein Nischenthema mehr sein muss. Es ist architektonisch anspruchsvoll, technisch durchdacht und alltagstauglich.

Die Kombination aus:

  • Naturbaustoffen wie Holz und Lehm
  • konsequentem Verzicht auf Kunststoffe
  • recyclingfähigen Installationen
  • lösemittelfreien Einbauten
  • modernem Design

macht das Gebäude zu einem echten Pionierprojekt. Es setzt neue Maßstäbe für wohngesundes, schadstofffreies und kompostierbares Bauen – und zeigt, dass ökologische Verantwortung und zeitgemäße Architektur Hand in Hand gehen können.

Das „8Haus“ als Vorbild für die Zukunft

Das 8Haus ist mehr als ein Einfamilienhaus. Es ist ein Statement. Ein Beweis dafür, dass nachhaltiges Bauen konsequent, ästhetisch und technisch anspruchsvoll umgesetzt werden kann.

Holz, Lehm, Ton und Papier bilden hier kein romantisches Öko-Experiment, sondern die Grundlage eines durchdachten Wohnkonzepts. Ein Haus, das zu 95 Prozent kompostierbar ist, ohne auf Komfort oder Design zu verzichten.

In einer Zeit, in der Ressourcenknappheit, Klimawandel und Müllproblematik immer drängender werden, liefert das 8Haus eine konkrete Antwort: bauen im Kreislauf, wohnen ohne Schadstoffe, leben mit Verantwortung.