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„Wir haben es mit einem Echtzeitexperiment zu tun!“
Wangen im AllgÄu • Lesedauer: 6 min.

Dominik Harzheim sitzt in einem Büro. Draußen fällt Laub. Als Facharzt für Pneumologie hat er täglich mit den Folgen erkrankter Lungen zu tun – und in den letzten Jahren zunehmend mit einer neuen Patientengruppe, die glaubt, beim Dampfen Harmloses zu inhalieren.
Harzheim beginnt nicht mit einer Bewertung, sondern mit einem einzigen Wort: „Aerosol“. Dann hebt er die Hand, als würde er etwas in die Luft zeichnen. „Bereits in den ersten Sekunden gelangen feinste Partikel tief in die Atemwege“, sagt er. „Bis in die kleinsten Bronchien und Lungenbläschen. Dort treffen sie auf Gewebe, das für Gasaustausch gebaut ist – nicht für chemische Belastung.“ Der Körper reagiere sofort: Reizung. Oxidativer Stress. Entzündung.
Der Begriff „Wasserdampf“, sagt er, sei falsch. „Das ist kein Dampf wie aus einem Wasserkocher. Das ist ein Aerosol aus ultrafeinen Partikeln. Mit Nikotin, Trägerstoffen, Aromachemikalien, thermischen Abbauprodukten – alles tief in der Lunge.“
Was genau gelangt dort hinein?
Harzheim zählt auf: „Propylenglykol. Glycerin. Aromastoffe. Ultrafeine Partikel. Schwermetallspuren aus den Heizsystemen – Nickel, Chrom, Blei.“ Dazu kämen chemische Verbindungen, die überhaupt erst beim Erhitzen entstehen. „Formaldehyd. Acetaldehyd. Acrolein.“ Einige dieser Stoffe kennt man auch aus klassischem Zigarettenrauch.
Für viele Substanzen fehlten die Langzeitdaten zur Inhalation vollständig. „Aus pneumologischer Sicht haben wir es teilweise mit einem großangelegten Echtzeitexperiment zu tun.“
„Große Unsicherheit gibt es bei den Langzeitfolgen nach 20, 30 Jahren“, fährt er fort. „Die heute jungen Konsumenten sind die erste große Generation mit langjähriger Exposition. Wir wissen derzeit nicht, was Jahrzehnte der Inhalation bedeuten.“
Was wir heute schon wissen
Dennoch gibt es gesicherte Erkenntnisse. „Gut belegt sind Reizwirkungen, Entzündungen, Nikotinabhängigkeit und kardiovaskuläre Effekte“, sagt Harzheim. Im Lungengewebe zeigten sich chronische Reizungen, Veränderungen der Immunabwehr und möglicherweise strukturelle Schäden. „Flimmerhärchen werden geschädigt, die Schleimproduktion verändert sich, Immunzellen reagieren anders. Die Folge: höhere Infektanfälligkeit und eine Begünstigung chronischer Lungenerkrankungen.“
Klinische Warnsignale gibt es bereits. „Wir sehen zunehmend junge Menschen mit chronischem Husten, mit Belastungsdyspnoe – das heißt Luftnot bei Anstrengung – und mit bronchialer Hyperreagibilität.“ Internationale Berichte über schwere Vape-assoziierte Lungenschäden seien selten, sagt er. „Aber sie zeigen: Diese Aerosole können massiv schaden.“
Nikotin im Dauerfluss
„Viele Einweggeräte enthalten extrem hohe Nikotinmengen“, sagt Harzheim. „Mit Nikotinsalzen, die besonders leicht inhalierbar sind. Die Aufnahme erfolgt schnell und effizient. Physiologisch bedeutet das: Der Puls steigt, der Blutdruck steigt, das Belohnungssystem wird massiv aktiviert.“
Der entscheidende Punkt liege jedoch nicht nur in der Substanz, sondern im Verhalten. „Aus meiner Sicht ist besonders der dauerhafte, niedrigschwellige Konsum problematisch. Viele Menschen ziehen wesentlich häufiger an einer Vape, als sie früher eine Zigarette geraucht hätten.“
Die Bushaltestelle wird so zu einem typischen Bild: kurze, wiederholte Züge, eingebettet in andere Tätigkeiten, ohne Pause, ohne Ritual. „Der Konsum wird automatisiert. Und die Dosis summiert sich – ohne dass es der Nutzer merkt.“
Und das Suchtpotenzial? Ist es höher als bei Zigaretten?
„Ja“, sagt Harzheim. „Moderne Vapes sind diskret, technisch attraktiv, geschmacklich angenehm und jederzeit verfügbar. Diese Kombination erzeugt ein sehr hohes Suchtpotenzial, besonders bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen.“
Warum die Forschung im Dunkeln tappt
Warum ist das alles so schwer zu erforschen?
„Das ist ein strukturelles Problem“, sagt er. Der Markt entwickelt sich schneller, als die Wissenschaft hinterherkommt. „Die Forschung läuft den Produkten ständig hinterher, weil sich diese laufend verändern – neue Liquids, neue Heizsysteme, neue Aromen.“ Durch diesen permanenten Wandel sei es kaum möglich, in klassischen Langzeitstudien eindeutige Rückschlüsse auf einzelne Produkte oder konkrete Schäden zu ziehen. „Was heute untersucht wird, kann morgen schon technisch überholt sein.“
Hinzu kommt ein weiterer entscheidender Punkt: Hersteller müssen die Unbedenklichkeit ihrer Produkte nicht in dem Umfang nachweisen, wie es etwa bei Medikamenten vorgeschrieben ist. Belastbare Zulassungsstudien, die gesundheitliche Sicherheit eindeutig belegen, gibt es daher nur eingeschränkt – entsprechend bleiben Lücken in der Risikobewertung.
Zudem ist die Datenlage schwer eindeutig zuzuordnen, weil viele Nutzer zuvor geraucht haben oder beides parallel konsumieren. Kausalitäten verschwimmen. „Dann weiß ich oft nicht: Kommt der Lungenschaden von der Zigarette von früher, von der Vape von heute – oder von beidem?“ Er macht eine kurze Pause. „Das macht klare Aussagen in vielen Fällen extrem schwierig.“
Die öffentliche Wahrnehmung
Könnte es sein, dass genau diese fehlenden Langzeitstudien dazu führen, dass viele in der Öffentlichkeit glauben, Vapes seien harmlos? Dass Unsicherheit mit Harmlosigkeit verwechselt wird?
„Ja“, sagt Harzheim. „Unsicherheit wird häufig mit Harmlosigkeit verwechselt. Aus medizinischer Sicht bedeutet fehlende Langzeitbeobachtung aber nicht automatisch fehlendes Risiko. Das ist der entscheidende Punkt.“ Die häufigste Fehleinschätzung, die ihm begegnet, sei dann: „Es ist nur Wasserdampf.“ Dabei handele es sich um ein komplexes chemisches Aerosol, dessen Langzeitwirkungen man keineswegs vollständig kenne.
Was sieht er kritisch am aktuellen Markt?
„Hochkonzentrierte Einwegprodukte. Aggressive Aromatisierung. Die starke Attraktivität für Jugendliche“, zählt er auf. „Und die Geschwindigkeit. Neue Produkte kommen schneller auf den Markt, als sie geprüft werden können. Das ist kein Versagen der Forschung. Das ist ein Versagen der Regulierung.“
Die letzte Frage
Zum Ende des Gesprächs kehrt die Unterhaltung noch einmal zum Anfang zurück. Zu der Vorstellung, beim Dampfen lediglich Wasserdampf zu inhalieren. Harzheim schüttelt leicht den Kopf. „Die Lunge unterscheidet sehr genau zwischen sauberer Atemluft und einem chemischen Aerosol“, sagt er. Auch wenn E-Zigaretten wahrscheinlich weniger Schadstoffe enthielten als klassische Zigaretten, bedeute das nicht automatisch, dass sie harmlos seien.
Die Frau an der Bushaltestelle ist längst weg und mit ihr die süße Wolke. Doch die Fragen, die sie zurücklässt, bleiben in der Luft hängen.
Was viele über Vapes nicht wissen
- „Dampf“ ist kein Wasserdampf.
E-Zigaretten erzeugen ein Aerosol aus feinsten Flüssigkeitströpfchen – kein reiner Dampf wie bei heißem Wasser. - Die meisten Aromen sind nie zum Inhalieren getestet worden.
Viele Stoffe sind als Lebensmittelzusatzstoffe erlaubt – aber nicht für die Aufnahme über die Lunge geprüft. - Beim Erhitzen entstehen neue chemische Stoffe.
Ein Teil der Substanzen bildet sich erst im Moment des Verdampfens – nicht im Ausgangsliquid. - Einweg-Vapes liefern extrem viele Züge.
Ein Gerät kann je nach Modell mehrere hundert bis mehrere tausend Inhalationen enthalten – oft mehr als eine klassische Zigarettenschachtel. - Nikotin gelangt schneller und konstanter in den Körper als früher.
Vor allem durch sogenannte Nikotinsalze, die eine schnellere Aufnahme ermöglichen. - Einstiegsdroge Vape: Eine große Übersichtsstudie aus dem Jahr 2025 zeigt: Jugendliche, die vapen, greifen später etwa dreimal häufiger zu Tabakzigaretten als Gleichaltrige ohne Vape-Erfahrung. Zudem ist bei Vapern die Wahrscheinlichkeit für exzessiven Alkoholkonsum bis zu sechsmal und für Cannabiskonsum bis zu fünffach höher.