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Gesundheit

Emotionale Nähe entscheidet: Bin ich nur allein oder einsam?

Einsamkeit ist kein Makel, sondern ein Signal. Wie kleine alltägliche Entscheidungen helfen können, echte Nähe zu schaffen – und warum Geduld dabei so wichtig ist.

Bad Saulgau Lesedauer: 3 min.


Veröffentlicht: Uhr

Einsamkeit kann Menschen in jedem Alter treffen - selbst wenn sie ständig in Gesellschaft sind. Aber es gibt Menschen in bestimmten Lebenssituationen, die häufiger gefährdet sind. „Besonders verletzlich sind Menschen in Übergängen“, sagt Petra Beschoner, Fachärztin für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin.

Die Professorin und Ärztliche Leiterin der Akutklinik Bad Saulgau hat diesen Gefühlszustand der Einsamkeit bei Menschen in speziellen Lebenssituationen ausgemacht: 

  • Jugendliche beim Aufbau sozialer Identität
  • junge Erwachsene nach Umzügen oder Trennungen
  • ältere Menschen nach Verlusten 
  • Menschen nach dem Ausstieg aus dem Berufsleben

„In solchen Lebenssituationen müssen sie ihre sozialen Netzwerke neu aufbauen oder sich an veränderte Rollen anpassen. Dadurch kann das Gefühl entstehen, weniger verbunden oder unterstützt zu sein“, erklärt Beschoner. Zudem betreffe Einsamkeit sehr häufig Menschen mit sozialer Unsicherheit oder belastenden Bindungserfahrungen. Ihnen fallen Aufbau und Pflege enger Beziehungen besonders schwer.

Auch in der Gruppe kann man sich isoliert fühlen

Die Psychiaterin macht Einsamkeit dabei nicht an der Anzahl der Kontakte fest, sondern an der empfundenen Qualität von Beziehungen. „Menschen können sich in Gruppen aufhalten und sich dennoch isoliert fühlen - oder umgekehrt ganz für sich sein und trotzdem eine Verbindung zu anderen spüren“, so Beschoner. Das läge daran, dass soziale Nähe mehr ist als die bloße Anwesenheit von Personen. 

„Wir Menschen brauchen emotionale Resonanz, das wärmende Gefühl, gesehen und verstanden zu werden. Wenn diese Erfahrung fehlt, schlägt die Psyche Alarm“, sagt die Fachärztin. Was dann konkret passiert, beschreibt sie so: „Unser System meldet einen Mangel an Verbundenheit, ähnlich wie Hunger uns körperlichen Bedarf signalisiert.“ 

Dieses Signal sei zunächst eine völlig gesunde, sogar sinnvolle Reaktion und könne ein wertvoller Wegweiser sein. Problematisch werde es erst, wenn dieser Zustand über längere Zeit anhält und sich verselbstständigt - also nicht in positiver Veränderung mündet, sondern zu Stress, Selbstzweifel und Rückzug führt. „Viele Betroffene beginnen irgendwann zu glauben: "Mit mir stimmt etwas nicht" oder „Ich passe nicht zu anderen". Solche destruktiven Gedanken verstärken die Isolation“, erklärt die Expertin. 

Doch wie entkommt man dem Gefühlszustand der Einsamkeit? 

„Zunächst hilft es, das Gefühl überhaupt als Signal zu verstehen und nicht als Defekt. Schließlich ist es kein persönlicher Makel, sondern ein menschliches Grundgefühl. Einsamkeit sagt nichts über den Wert von jemandem aus“, schickt Petra Beschoner vorweg. Sie hält den Zustand für veränderbar. Oft seien es schon kleine Entscheidungen im Alltag, die Raum für mehr Nähe schaffen. Ihre Tipps: 

  • Nicht nur auf Einladungen anderer warten, sondern selbst gezielt Leute, die man um sich haben möchte, nach einem Treffen fragen. 
  • Sich verstärkt auf einzelne Menschen fokussieren, die einem wirklich guttun, anstatt bloß möglichst viele oberflächliche Kontakte zu pflegen. 
  • Nicht zu glauben, man ist nicht richtig oder gehört nicht dazu. 
  • Es hilft, mit sich selbst in Kontakt zu treten und Selbstmitgefühl zu entwickeln. Denn Verbindung beginnt nicht nur im Außen, sondern schon im inneren Dialog. 

Auf dem Weg dahin ist Geduld ein entscheidender Faktor, sagt die Psychiaterin. Denn: „Wer sich nach mehr emotionaler Nähe sehnt, sollte sich dem Ziel Schritt für Schritt annähern, anstatt sich mit großen, überfordernden Veränderungen unter Druck zu setzen“