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Mit dem Fahrrad ins Moor

Eine Entdeckungsreise rund ums Wurzacher Ried – durch eine Landschaft, die seit Jahrtausenden wächst und bis heute das Leben einer ganzen Region prägt

Bad Wurzach • Lesedauer: 7 min.


Veröffentlicht: Uhr
(Aktualisiert: Uhr)

Der Wind streicht kühl über den Kurpark von Bad Wurzach, bewegt die Kronen der alten Bäume und trägt den Duft frisch gemähter Wiesen bis hinüber zum Kurhaus. Ein letzter Blick zurück. Dann setzt sich das Fahrrad in Bewegung. Die ersten Kilometer verlaufen unspektakulär. Asphalt. Ein Radweg entlang der Straße. Felder. Wiesen. Einzelne Bauernhöfe, deren Dächer rot zwischen Obstbäumen aufleuchten. Es ist eine Landschaft, die Verlässlichkeit ausstrahlt – offen, freundlich, vertraut.

Wer zum ersten Mal die Radtour „Rund ums Wurzacher Ried“ fährt, wartet vielleicht auf einen Übergang. Auf einen markanten Punkt, an dem die Landschaft plötzlich ihr Gesicht verändert. Ein Schild. Einen Aussichtsturm. Einen Holzsteg, der signalisiert: Hier beginnt das Moor.

Doch das passiert nicht. Das Wurzacher Ried kündigt sich nicht an. Es schiebt sich leise in die Landschaft, beinahe unmerklich. Die Felder werden kleiner. Birken stehen dichter am Weg. Zwischen den Gräsern glitzern Wassergräben, die das Licht des Vormittags spiegeln. Hier und da leuchten die weißen Köpfe des Wollgrases auf, als hätte jemand Watte über die Wiesen verstreut. Man fährt weiter. Und irgendwann merkt man, dass sich etwas verändert hat. Nicht die Straße. Nicht das Tempo. Sondern der Blick. Es ist erstaunlich, wie schnell die üblichen Maßstäbe verschwinden: Kilometer. Durchschnittsgeschwindigkeit. Ankunftszeit. All das verliert hier an Bedeutung.

Die Rundtour ist knapp 22 Kilometer lang, lässt sich auf 34 Kilometer verlängern und stellt selbst Freizeitradler kaum vor Schwierigkeiten. Die Wege sind gut ausgebaut, die Steigungen moderat.

Bei Wengen erlaubt die Route einen Umweg. Wer ihm folgt, wird belohnt, denn die Grabener Höhe ist einer dieser Orte, die man nicht vergisst. Der Anstieg ist kurz. Oben angekommen, öffnet sich die Sicht über das Wurzacher Becken. Das Moor liegt wie ein riesiges Mosaik vor einem: dunkle Wasserflächen, offene Torfflächen, lichte Moorwälder. Bei klarer Herbstluft zeichnen sich am Horizont die Gipfel der Allgäuer Alpen ab. An besonders guten Tagen reicht der Blick bis zur Zugspitze.

Wer weiterfährt, kommt zwischen Ziegolz und den Riedhöfen an einen Punkt, an dem sich der Charakter des Moores besonders deutlich zeigt: Weite. Wasser. Stille. Doch der eigentliche Reiz dieses Ausblicks liegt in dem, was man nicht sieht.

Eine Landschaft, die Zeit sammelt

Unter den Reifen des Fahrrads befinden sich Schichten einer Geschichte, die weit vor der menschlichen Besiedlung dieser Region begonnen hat. Vor rund 12.000 Jahren endete die letzte Eiszeit. Die gewaltigen Gletscher, die das Alpenvorland geprägt hatten, zogen sich zurück. Wo zuvor Eis lag, blieben Senken und Wasserflächen zurück. Eine davon befand sich dort, wo heute das Ried liegt. Aus einem flachen See entstand eine Moorlandschaft. Der Prozess klingt einfach und dauert doch unvorstellbar lange: Pflanzen wachsen. Sie sterben ab. Sie sinken in das Wasser. Doch weil im dauerhaft nassen Boden Sauerstoff fehlt, werden sie nicht vollständig zersetzt. Stattdessen lagern sich ihre Überreste ab. Schicht um Schicht entsteht Torf.

Ein Millimeter pro Jahr – und doch so groß

Ein Hochmoor wächst durchschnittlich kaum einen Millimeter pro Jahr. Ein einziger Millimeter. Heute umfasst das Wurzacher Ried rund 1.800 Hektar. Sein Herzstück ist eine mehr als 500 Hektar große zusammenhängende Hochmoorfläche – eine der größten und wertvollsten erhaltenen Hochmoorlandschaften Mitteleuropas.

Dass diese Landschaft heute noch existiert, ist keineswegs selbstverständlich. Denn das Moor war für die Menschen lange Zeit vor allem eines: ein Rohstoff. Über Generationen wurde Torf gestochen, getrocknet und genutzt. Als Brennmaterial. Als Einstreu für Tiere. Als Grundlage für verschiedene Produkte. Was heute als empfindliches Naturjuwel betrachtet wird, war früher eine Einnahmequelle und für viele Familien ein Teil des täglichen Lebens. Tiefe Gräben wurden gezogen, um Wasser abzuleiten und den Abbau zu ermöglichen – Spuren, die heute noch als alte Entwässerungsgräben und Dämme sichtbar sind.

Seit den 1980er-Jahren wird versucht, der Landschaft einen Teil dessen zurückzugeben, was ihr genommen wurde. Entwässerungsgräben werden verschlossen, Wasserstände wieder angehoben, Flächen renaturiert. Das Moor soll wieder nass werden. Denn nur ein nasses Moor kann ein lebendiges Moor bleiben. Und Moore gehören heute zu den wichtigsten natürlichen Klimaschützern. Sie speichern Kohlenstoff, der über Jahrtausende im Boden gebunden bleibt. Werden sie entwässert, gelangt dieser Kohlenstoff als Kohlendioxid in die Atmosphäre. Bleiben sie intakt, arbeiten sie weiter.

Mit diesem Wissen sieht man im Ried nicht mehr einfach eine flache Ebene zwischen Bad Wurzach und den umliegenden Dörfern. Doch wer das Moor wirklich kennenlernen will, braucht jemanden, der weiß, wohin man schauen muss. Thomas Hoppe ist so jemand.

Er ist einer der ehrenamtlichen Moorführer des Naturschutzzentrums Wurzacher Ried. Seit vielen Jahren begleitet er Menschen durch diese Landschaft. Nicht als Vortragender, der Fakten von einem Zettel abliest. Sondern als jemand, der das Moor kennt wie seine Westentasche.

„Das Moor erklärt sich am Ende selbst“

„Viele kommen wegen der Landschaft“, sagt er. „Am Ende einer Führung sagen die Teilnehmer oft: ‚Wir haben wieder etwas dazugelernt. Jetzt wissen wir, wie dieses Naturjuwel entstanden ist, was darin lebt und warum Moorschutz gleich Klimaschutz ist.‛“ Seine Führungen folgen keinem starren Plan. Mal zeigt er, wie ein Hochmoor entsteht. Mal erklärt er, warum Torfmoose so wichtig sind. Dann wieder spricht er über die Zeit des Torfabbaus, über Renaturierung, über den Einfluss von Mooren auf das Klima. Aber das ist nicht der Kern. Der Kern sind die Momente, in denen er einfach stehen bleibt.

Er zeigt auf eine hellgrüne Pflanze zwischen Wollgras und Heidekraut. „Das hier ist der eigentliche Baumeister des Moores.“ Torfmoos. Keine Blüte, kein Stamm, nichts, was einen ungeübten Blick festhalten würde.

Dann zeigt er auf eine andere Stelle. Auf eine Pflanze, die kaum einer beachtet. Auf eine Libelle, die über einem dunklen Graben schwebt. Auf die Spuren, die der Torfabbau hinterlassen hat. Da sind die fleischfressenden Pflanzen, die sich mit Insekten versorgen müssen, weil der Boden zu nährstoffarm ist. Da sind Kraniche, die im Ried rasten, bevor sie weiterziehen. Mit etwas Glück ein Schwarzstorch – scheu, selten, ein Zeichen dafür, dass dieser Lebensraum noch funktioniert. Mehr als 2.500 Arten wurden im Wurzacher Ried nachgewiesen. „Die meisten Besucher sind überrascht, wie viel Leben in einer Landschaft steckt, die auf den ersten Blick so still wirkt“, sagt Hoppe.

Es gibt nicht nur die klassischen Führungen. Auch speziell zugeschnittene für Familien, Pflanzen- oder Vogelfreunde. Führungen zum Sonnenaufgang, wenn das Licht noch flach über das Moor fällt. Oder Spaziergänge am Abend für Menschen, die einfach nur die Natur genießen und abschalten wollen.

Warum gerade im Herbst und Winter?

„Im Sommer geht die Sonne gegen 04:50 Uhr über dem Wurzacher Ried auf“, erklärt Hoppe. „Die Frühführungen starten ungefähr eine Stunde vorher. Da müssten die meisten Teilnehmer sehr früh aufstehen oder würden gar nicht erst anreisen. Im Frühjahr und im Herbst sind die Zeiten deutlich humaner.“

Und die Fackelwanderungen?

Die finden bewusst im Winter statt. Weil die Brandgefahr dann so gering ist, dass man nahezu gefahrlos mit offenem Feuer durch die Natur spazieren kann. Weil eine Fackelwanderung nur bei absoluter Dunkelheit etwas ganz Besonderes ist. Im Sommer gibt es dafür nur ein kleines Zeitfenster mitten in der Nacht. Das würde viele Familien abschrecken. Und wenn die Fackelwanderung im Winter auch noch auf einen der wenigen Tage mit Schnee fällt, dann wird sie zu etwas ganz Besonderem.

Hoppe bleibt stehen. Wieder. Die Gruppe um ihn herum schweigt. Der Wind bewegt das Gras. Ein Vogel ruft in der Ferne. Es gibt nichts zu erklären in diesem Moment. Nur zu hören. Nur zu spüren. „Das Moor erklärt sich am Ende selbst“, sagt Hoppe. „Man muss ihm nur genügend Zeit geben.“ Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis eines Tages im Wurzacher Ried. Diese Landschaft musste nie laut werden, um bedeutend zu sein. Wer sich darauf einlässt, nimmt etwas mit, das man nur schwer in Worte fassen kann.

Vier Wege, das Moor mit allen Sinnen zu entdecken

Das Wurzacher Ried erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Wer tiefer eintauchen möchte, kann die Landschaft auf unterschiedliche Weise kennenlernen.

MOOR EXTREM – das Moor verstehen
Die Ausstellung im Naturschutzzentrum Wurzacher Ried zeigt, wie Moore entstehen, warum sie einzigartige Lebensräume sind und welche Bedeutung sie für den Klimaschutz haben. Multimediale Stationen machen die Zusammenhänge verständlich – auch für Familien.

Torflehrpfad – auf den Spuren der Torfstecher
Ein rund 1,5 Kilometer langer Rundweg führt über Holzstege durch ehemalige Abbauflächen. Informationstafeln erzählen von der Zeit, als Torf noch Brennstoff und Lebensgrundlage vieler Menschen in der Region war. (Start am Zeiler Torfwerk, ca. 1,5 km, ganzjährig begehbar)

Torfbähnle – eine Reise in die Vergangenheit
Mit der historischen Torfbahn geht es gemütlich durch die Landschaft, die einst vom Torfabbau geprägt war. Die Fahrt verbindet Naturerlebnis und Geschichte – vorbei an Moorwäldern, Feuchtwiesen und alten Arbeitsstätten. (April–Okt., Infos & Anmeldung: Tel. 07564/3167, www.torfbahn.de)

Moorführungen – sehen, was sonst verborgen bleibt

Die ehrenamtlichen Moorführer des Naturschutzzentrums zeigen, was im Alltag leicht übersehen wird: seltene Pflanzen, besondere Tiere und die Zusammenhänge, die das Ried zu einem einzigartigen Lebensraum machen. (Die Führungen sind ganzjährig buchbar über das Naturschutzzentrum Wurzacher Ried, Tel. 07564/302190)

Zurück in Bad Wurzach 

Zurück in Bad Wurzach endet die Tour dort, wo sie begonnen hat. Wer mag, kehrt im Torfstecher ein – dem Restaurant im Kurhaus, dessen Name an die Zeit erinnert, als das Moor noch Brennstoff und Lebensgrundlage war. Bei einer Erfrischung verfestigt sich, was man eben erlebt hat: dass das Wurzacher Ried weit mehr ist als ein Naturschutzgebiet vor den Toren der Stadt. Dass das Moor nicht erst draußen hinter den Feldern beginnt, sondern zur Geschichte der Stadt gehört, zu ihren Berufen, ihrer Wirtschaft – und dass Bad Wurzach in diesem Jahr 90 Jahre Moorheilbad feiert. Eine Verbindung, die man nicht sieht, aber spürt, wenn man hier lebt.

Bad Wurzach und das Moor: 90 Jahre Moorheilbad

Die Geschichte Bad Wurzachs ist eng mit dem Wurzacher Ried verbunden. Bereits in den 1930er-Jahren begann die medizinische Nutzung des Moores.

1936 wurden im Kloster Maria Rosengarten die ersten Moorbäder angeboten. Aus der Nutzung des natürlichen Heilmittels entwickelte sich ein wichtiger Teil der Stadtgeschichte.

1950 erhielt Wurzach als erste Stadt in Baden-Württemberg das Prädikat „Moorheilbad“. Heute steht das Moor für zwei Seiten derselben Landschaft: für Gesundheit und Erholung ebenso wie für Naturschutz und den Erhalt eines einzigartigen Lebensraums.

In der „feelMOOR Therme“ wird diese Tradition bis heute fortgeführt – mit modernen Anwendungen und dem Blick auf den Ursprung des Heilmittels: das Wurzacher Ried. (Mehr auf www.feelmoor.de)

Radtour „Rund ums Wurzacher Ried“

Start/Ziel: Kurhaus am Kurpark Bad Wurzach
Länge: circa 22 Kilometer (erweiterbar auf etwa 34 Kilometer)
Charakter: leichte Rundtour, gut für Freizeitradler geeignet
Verlauf: Bad Wurzach – Haasen – Riedschmiede – Wengen – Ziegolz – Riedhöfe – Unterschwarzach – Knetzenweiler – Menzlis – Bad Wurzach

Service unterwegs:
Auf dem Klosterplatz gibt es einen „RadSERVICE-Punkt“ für kleinere Reparaturen sowie eine E-Bike-Ladestation direkt vor der Bad Wurzach Info. Ladekabel können kostenlos ausgeliehen werden.

Weitere Informationen finden sich auf www.bad-wurzach.de

Weite, Wasser, Stille – das Wurzacher Ried, das größte zusammenhängende Hochmoor Mitteleuropas, erstreckt sich über 1.800 Hektar.
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Weite, Wasser, Stille – das Wurzacher Ried, das größte zusammenhängende Hochmoor Mitteleuropas, erstreckt sich über 1.800 Hektar. (Foto: Naturschutzzentrum Wurzacher Ried)
Mit der Torfbahn geht es mittendurch das Ried – vorbei an Moorwäldern, Feuchtwiesen und den Spuren einer über 200-jährigen Torfabbau-Tradition.
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Mit der Torfbahn geht es mittendurch das Ried – vorbei an Moorwäldern, Feuchtwiesen und den Spuren einer über 200-jährigen Torfabbau-Tradition. (Foto: Stadt Bad Wurzach)