Elektromobilität im Lastkraftverkehr
Zukunft des E-Brummis hängt von Zahl der Ladesäulen ab
Ulm/Ehingen/Laichingen • Lesedauer: 6 min.

Ambitioniertes Ziel der Landesregierung: Bis 2035 sollen im Ländle mindestens 13.000 E-Ladestationen für Lastkraftwagen bereitstehen. Gegenwärtig sind es mehrere hundert. Doch dafür braucht es zusätzliche verkehrsgünstig gelegene und passende Stellplätze.
Seit diesem Frühjahr beginnt der Regionalverband Donau-Iller auf die Kommunen im Kreis Alb-Donau und Biberach, aber auch in den benachbarten Gebietskörperschaften in Bayern zuzugehen, um gemeinsam systematisch passende Flächen zu definieren. „Die Regionalverbände in Baden-Württemberg haben zudem eine ad-hoc-Arbeitsgruppe gebildet, um die regionalen Entwicklungskonzepte konzeptionell abzustimmen und den Austausch mit dem Verkehrsministerium zu bündeln“, heißt in einem Arbeitspapier des Regionalverbands Donau-Iller.
Gibt es genügend Flächen?
Dem Vernehmen nach begrüßen Unternehmen das strukturierte Vorgehen beim Aufbau einer Ladeinfrastruktur. Allerdings sind neue Flächen knapp. Noch mehr betonierter Grund und Boden ächten unter anderem Landwirte sowie Naturschutzverbände. Eine weitere technische Herausforderung: Gigantische Stromnetzkapazitäten müssen bereitstehen. Und die Elektrizität sollte passgenau an den Ladesäulen verfügbar sein.
Zeit spielt auch eine wichtige Rolle, denn es dauert, bis eine Baugenehmigung vorliegt. „Für die Suche nach solchen Grundstücken muss der Regionalplan nicht geändert werden“, sagt der stellvertretende Direktor des Regionalverband Donau-Iller, Martin Samain. Gleichwohl stünde im Einzelfall aber eventuell eine Änderung des Flächennutzungsplans an.
Schleppende Verfahren sind zu erwarten
Sobald der geltende Flächennutzungsplan punktuell überarbeitet werden müsse, seien Verfahren notwendig, die Träger öffentlicher Belange auf den Plan rufen. „Dieses zweistufige Verfahren dauert erfahrungsgemäß sechs bis neun Monate“, erklärt Samain. Dieses solle aber auf Basis einer Gesetzesänderung künftig zu einem einstufigen gebündelt werden. Das werde etwas Zeit einsparen.

Derzeit sondiert der Regionalverband das weitere Vorgehen mit den hiesigen Industrie- und Handelskammern und dem Logistik Cluster Schwaben, ein regionaler Zusammenschluss der Branche. Sie signalisieren bereits ihre Bereitschaft zur Kooperation. Aber von einem konkreten, ausgefeilten Aktionsplan kann noch nicht die Rede sein. Alles in allem wird klar: Bis 2035 bleibt also nicht viel Zeit, zumal die großen Spediteure beginnen, ihre Flotten auf E-Mobilität umzurüsten.
Vorreiter profitieren schon von E-Mobilität
Gleich zwei Logistikunternehmen aus der Region sind bereits mit einer E-Lkw-Flotte unterwegs - Denkinger in Ehingen und Stöhr Logistik in Rottenacker. Und sie pochen darauf, die Lade-Infrastruktur so schnell wie möglich auszubauen. „Seit vier Jahren haben wir E-Lkw in Betrieb. Wir haben Freude an Innovation und wollten diese Technik früh testen“, sagte Simon Brunner auf Anfrage, er ist Geschäftsführer beim Ehinger Spediteur Denkinger. Erwin Stöhr, Chef des gleichnamigen Logistikunternehmens, erklärt: „Wir wollen unsere Ladepunkte und E-Flotte, die seit Herbst 2025 in Betrieb ist, weiter ausbauen.“
E-Flotten intelligent betreiben
Bei Denkinger haben sich die Fahrten mit Elektro-Lastern im Alltag sehr gut bewährt. „Mit 500 Kilometern Reichweite sind die Fahrzeuge praxistauglich“, berichtet Brunner. Die Motoren seien effizient, die Wartung weniger intensiv als bei dieselbetriebenen Lastern. Auch Beschleunigung, Handling und Zuverlässigkeit der Zugmaschinen seien besser. Deren Batterien hätten eine Leistung von 500 bis 600 Kilowatt pro Stunde.
„Unsere Fahrer fahren gerne mit dem E-Lkw“, sagt Brunner. Dank eines durchdachten Energiemanagements „könnten wir jetzt schon 35 bis 40 E-Lkw mit der existierenden Infrastruktur betreiben“.

Wettbewerbsvorteile ausspielen
Auch die Planung bestimmter Strecken für E-Laster passt perfekt zum Logistikkonzept. Beispielsweise betreibt Denkinger seit 2024 Rail Hub in Rottenacker. Die Anlieferung erfolgt über Güterzüge, die entlang einer zwei Kilometer langen Gleisanlage in zwei riesige Umschlagshallen einfahren, wo sie mit Hallenkränen und Staplern entladen werden. Alternativ erfolgt die Entladung auf der Freifläche mit Spezialequipment. Die Verteilung aus dem Rail Hub erfolgt mit E-Lastern.
„Bis 2030 wollen wir unsere Flotte komplett elektrifizieren“, betont er - mit Ausnahme gewisser Spezialfahrzeuge und im Fernverkehr. Mit diesem Schritt können deutsche Spediteure einen Wettbewerbsvorteil erzielen, sogar gegenüber den sonst immer günstiger operierenden osteuropäischen Logistikunternehmen.
Depot-Ladepunkte sind bedeutend
Folgich ist Vater Staat in Zugzwang, mehr öffentliche Ladestellen für Lastwagen bereitzustellen. Der will jedoch aus der Not eine Tugend machen. Denn das Verkehrsministerium setzt auch auf private betriebene E-Tankstellen, die öffentlich genutzt werden. Diese sogenannten Depot-Ladepunkte auf dem Betriebsgelände von Logistikunternehmen könnten helfen, das gesamte Ladenetz im Ländle zügiger auszubauen und engmaschiger zu gestalten.
Viel investiert in Energieinfrastruktur
Stöhr Logistik mit seinen 370 Mitarbeitern könnte das Konzept der Depot-Ladepunkte entgegenkommen. „Wir wären froh, wenn fremde Lkw zu uns nach Rottenacker kommen und ihre Batterien auflüden“, meint Geschäftsführer Erwin Stöhr. Damit könnten zusätzliche Einnahmen generiert werden. „Wir haben viel Strom aus unserer Photovoltaik-Anlage mit 2,5 Megawatt peak auf dem Dach unserer Gebäude in Rottenacker.“
Darüber hinaus hat er sich einem Netzwerk von Spediteuren angeschlossen, die gegenseitig die jeweiligen betrieblichen E-Ladepunkte nutzen. Das bringt Flexibilität und verbessert die Planung der Routen. So und mit der Aussicht auf den Ausbau der öffentlichen Ladepunkt will Stöhr Logistik bis Ende 2027 seinen E-Lkw-Fuhrpark von zwei auf zwölf Fahrzeuge erweitern.
Insgesamt hat das Unternehmen 170 Fahrzeuge und baut zugleich die Lade-Infrastruktur im Hintergrund aus - auch die Zahl der Ladepunkte auf dem Firmenareal in Rottenacker steigt von zwei auf acht im kommenden Jahr. Dafür hat Stöhr Logistik staatliches Fördergeld beantragt: Deutschlandweit stellt das Bundesverkehrsministerium 200 Millionen Euro für nicht-öffentlich zugängliche Ladeinfrastruktur für schwere Nutzfahrzeuge zur Verfügung.
Keine Maut bis 2031 in Deutschland zahlen
„Wir haben unseren Speicher gerade auf ein Megawatt erweitert, aber dieser soll in absehbarer Zeit auf vier Megawatt ausgebaut werden“, erklärt Erwin Stöhr. Das sei notwendig, um den Ökostrom mehr oder weniger rund um die Uhr zur Verfügung zu haben, auch wenn die PV-Anlage nachts keine elektrische Energie erzeugt.
Für Stöhr ist die E-Mobilität nicht nur ein Vorreiterprojekt, sondern es lohnt sich. „Fahrten mit einer Strecke von 400 Kilometern sind mit dem E-Lkw günstiger als mit einem Diesel-Laster“, sagt er. Denn mit solchen Fahrzeugen müsse das Unternehmen bis 2031 keine Maut in Deutschland zahlen. „Für uns wird zudem die Schweiz mit Blick auf unsere E-Laster interessant, weil dank der E-Flotte die hohen Mautkosten komplett wegfielen."
Zeitdruck wächst
In Deutschland, so sagt er klar, sei es am sinnvollsten, öffentliche Ladepunkte möglichst entlang der Autobahnen anzusiedeln, damit sie auf den wichtigsten Routen gut erreichbar seien. „Die müssen ohne Rangierarbeit anfahrbar sein. So ähnlich wie bisherige Tankstellen. Und das Laden muss zügig funktionieren“, sagt Erwin Stöhr.
Angesichts der vermehrten Verfügbarkeit serienreifer E-Lkw und hoher Spritpreise erwarten sowohl Denkinger als auch Stöhr Logistik einen rasanten Umstieg großer Spediteure auf Elektromobilität. „Der Ausbau der Ladeinfrastruktur muss schnell gehen. 2035 ist fast zu spät“, meint Erwin Stöhr. Und Denkinger-Geschäftsführer Simon Brunner ist der Ansicht: „Ob wir das in Baden-Württemberg in der Geschwindigkeit schaffen, bis 2035 insgesamt 13.000 Ladepunkte zu errichten, das ist eine spannende Frage.“