Gesund bleiben im Urlaub
Schnell ausbreitende Infektionskrankheit: Südlich schon fast wie eine Pandemie
Ulm • Lesedauer: 6 min.

Frau Dr. Laib, die Deutschen gelten als Reiseweltmeister. Wie würden Sie das mit Blick auf den Impfschutz beurteilen?
Oft ist es erschreckend, wie viele Menschen selbst für Deutschland empfohlene Impfungen nicht nachweisen können. Nicht selten finden Patienten ihre gelben Impfhefte nicht mehr. Dann ist auch gar nicht mehr nachvollziehbar, welche Impfstoffe schon verabreicht wurden, weil kein digitales Verzeichnis in Deutschland existiert. Ein Impfschutz ist aber nicht nur in Europa wichtig, sondern bei Aufenthalten in der ganzen Welt. Dazu gehören unter anderem Impfungen gegen Tetanus und Masern.
Wie groß ist die Gefahr, an Masern zu erkranken?
Masern sind extrem ansteckend. Wenn ein Maserninfizierter länger in einem Raum zugegen war, sind noch nach zwei Stunden Viren nachweisbar - die Infektionsgefahr für andere Menschen ist groß. Das ist relevant, wenn man an Flughäfen, in Hallen und Flugzeugen ausharren muss. Jüngst kam es beispielsweise in den USA, Guatemala und in Mexiko zu Massenausbrüchen und tausenden Masernfällen.
Welche Personengruppen sind besonders gefährdet?
Vor allem Säuglinge und Kinder. Sie sollten auf jeden Fall geimpft werden. Die häufigste Todesursache bei Masern ist die Lungenentzündung, aber das Virus kann auch schwere Mittelohr- oder Kehlkopfentzündungen und schwere Durchfälle verursachen, letztere sind vor allem für die Jüngsten schnell lebensbedrohlich. Einer von 1000 Erkrankten kann eine akute Hirnentzündung (Enzephalitis) nach einer Maserninfektion erleiden, die in 10 bis 20 Prozent der Fälle tödlich verläuft. Rund ein Drittel der mit Enzephalitis Erkrankten leidet unter bleibenden Schäden wie Lähmungen oder geistiger Behinderung.

Expertin für Reisemedizin
Dr. Chandra Laib, geboren und aufgewachsen in Biberach, studierte Humanmedizin an den Universitäten Heidelberg und Tübingen. Im Anschluss erfolgte eine Weiterbildung zur Fachärztin für Innere Medizin. Sie erwarb präventivmedizinische Qualifikationen wie Ernährungs- und Reisemedizin. Ihre Promotion schrieb die 1986 Geborene über ein medizinhistorisches Thema: Das Bild des Arztes in der Gesellschaft. Seit 2024 arbeitet sie am Institut für Tropenmedizin, Reisemedizin und Humanparasitologie des Universitätsklinikums Tübingen. Dort ist sie in der reisemedizinischen Beratung tätig.
Welche Infektionsgefahren drohen noch?
Am wichtigsten ist die Tollwutimpfung für Aufenthalte in Asien und Afrika, aber auch in Teilen Südamerikas. Wenn bereits Symptome auftreten, ist Tollwut zu 100 Prozent tödlich. Wird man auf der Reise von einem Tier gebissen, meist sind es streunende Hunde, braucht man ungeimpft innerhalb von 24 Stunden Immunglobuline. Diese sind in vielen Ländern nicht verfügbar. Wir empfehlen deshalb eine Impfung vor der Reise, wobei nach dem Schema der Weltgesundheitsorganisation zunächst eine zweimalige Dosis ausreicht. Bei der darauffolgenden Reise kann eine weitere Impfung verabreicht werden. Außerdem sollte man beachten, dass es Länder vor allem in Afrika und Südamerika gibt, die eine Gelbfieberimpfung bei der Einreise verlangen. Diese muss mindestens zehn Tage vor der Einreise und nur an staatlich zugelassenen Gelbfieberstellen erfolgt sein.
Muscheln sind so etwas wie die Müllabfuhr der Meere.
Impfungen gegen Hepatitis A gehören nicht zum Standard in Deutschland. Sollte man sich dennoch immunisieren lassen?
Die Hepatitis-A-Impfung wird empfohlen. Diese Virusinfektion wird durch unsaubere Nahrungsmittel und verunreinigtes Trinkwasser übertragen. Zum Beispiel gab es zuletzt in Italien gehäuft Fälle nach dem Konsum von Meeresfrüchten. Muscheln sind so etwas wie die Müllabfuhr der Meere. Wird verunreinigtes Wasser in Küstenregionen ins Meer geleitet, sammeln sich die Krankheitserreger vermehrt im Gewebe dieser Tiere.
Viele Menschen, die nach Südostasien reisen, wollen natürlich das quirlige Leben in den Städten erleben und auch Streetfood genießen. Was ist zu beachten?
Generell gilt in tropischen Ländern die Regel „Cook it, peel it or leave it“. Man sollte ausschließlich durchgegarte Speisen essen und Wasser aus original verpackten Flaschen trinken. In Ländern wie Indien gilt das auch fürs Zähneputzen. Außerdem kann eine Impfung gegen Typhus wichtig sein. Diese Erkrankung wird durch verunreinigte Lebensmittel übertragen und kann schwere Verläufe auslösen.
Nach der Schule einen Aufenthalt im globalen Süden ins Auge zu fassen, das kommt immer häufiger vor. Was ist hierbei zu empfehlen?
Die Reisewilligen sollten sich vor dem Abflug gut beraten lassen. Viele Entsendeorganisationen wie „Weltwärts“ schreiben sogar eine medizinische Untersuchung vor dem Aufenthalt vor. Hier sollte auch die Meningokokkenimpfung bedacht werden. Die Vierfachkombination mit den Subtypen ACWY wird seit Oktober 2025 für alle 12- bis 14-Jährigen als einmalige Impfung empfohlen, wobei eine Nachholimmunisierung bis zum 25. Lebensjahr stattfinden soll.
Was bringt das?
Diese Bakterien, die eine schwere Hirnhautentzündung auslösen können, werden durch Tröpfcheninfektion und engen Kontakt in geschlossenen Räumen schnell übertragen. Deshalb ist die ACWY-Impfung beispielsweise bei Freiwilligenarbeit im Ausland sinnvoll. Bei der Arbeit mit Kindern und in Krankenhäusern kann man sich anstecken. Vor der Abreise sollte rechtzeitig ein Termin beim reisemedizinkundigen Hausarzt oder einem Tropeninstitut vereinbart werden. Mit Blick auf die Impfungen gilt der Grundsatz: mindestens sechs bis acht Wochen vor Abreise beim Arzt vorsprechen - vorherige lange Wartezeiten sind zu beachten.
Immer wieder ist von Dengue-Fieber die Rede. Was hat es mit dieser Erkrankung auf sich?
Die tagaktive Tigermücke überträgt das Dengue-Virus. Das Insekt gedeiht bei regenreicher Witterung. Gegenwärtig können wir außerhalb des globalen Nordens fast von einer Pandemie des Dengue-Fiebers sprechen. Es ist die sich am schnellsten ausbreitende, von Stechmücken übertragene Viruserkrankung weltweit. Hunderte Millionen von Menschen infizieren sich jährlich.
Was ist das Problem bei dieser Krankheit?
Bei einer Infektion bekommen Reisende häufig plötzlich hohes Fieber, Hautausschlag, starke Kopf- und Augen- sowie Muskel- und Gliederschmerzen. Manchmal verläuft die Krankheit eher symptomarm. Bei einer Erstinfektion klingen die Symptome meist nach drei bis sieben Tagen ab und heilen folgenlos aus. Das Heimtückische ist, wenn man sich später ein zweites Mal mit Dengue infiziert. Nicht wenige Menschen sterben daran.
Erklären Sie uns kurz, was dann im Körper passiert.
Es gibt vier unterschiedliche Serotypen des Dengue-Virus. Infiziert man sich mit einem Typ, ist man lebenslang dagegen immun. Gelangt jedoch ein anderer Serotyp in den menschlichen Körper, schaffen es die gebildeten Antikörper nicht, das Virus vollständig zu neutralisieren. Immunzellen nehmen das Virus inklusive Antikörper auf. Dort kann es sich schnell vermehren. Die darauffolgende, überschießende Immunreaktion führt zu Blutungskomplikationen. Es kann zum Kreislaufschock kommen. Ohne Intensivtherapie endet die Infektion häufig tödlich.
Also sollte man sich nicht impfen lassen?
Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt bisher, nur diejenigen zu impfen, die nachweislich eine Erstinfektion hinter sich haben. Inzwischen hat man viel Erfahrung mit dem Impfstoff, der millionenfach verabreicht wurde. Eine sogenannte „Zweitinfektion“ hat man eigentlich nie gesehen. Sie ist somit zumindest bei längeren Reisen oder Auslandsaufenthalten auch ohne Erstinfektion sinnvoll.
Wie sollten sich Familien mit kleinen Kindern oder Säuglingen auf Fernreisen vorbereiten?
Eine solche Reise ist ein bereicherndes Erlebnis, wenn man gut vorbereitet ist. Auch wenn viele Kinder sich gut an neue Umgebungen anpassen, so sind sie doch vulnerabel. Sie brauchen einen verstärkten Sonnen-, Hitze- und Mückenschutz und sollten möglichst nicht in Malariagebiete reisen, zumindest nicht im Alter unter fünf Jahren. Malaria kann dann schnell tödlich enden, weil das kindliche Immunsystem noch nicht vollständig ausgereift ist.
Wie sollte man sich generell auf eine Reise in ein Malariagebiet vorbereiten?
Zumindest für Malariahochrisikogebiete in Afrika, im Amazonasgebiet oder auch in Teilen Asiens braucht man auf jeden Fall eine Malariaprophylaxe. Das Medikament ist kurz vor, während der Reise und je nach Präparat noch eine gewisse Zeit danach entsprechend der Vorgaben genau einzunehmen. Das ist in der Regel unproblematisch und belastet den Körper kaum. Wer in Malariagebieten auf der Reise Fieber bekommt, sollte so schnell wie möglich einen Arzt aufsuchen. Die Krankheit ist gut behandelbar, wenn man sie früh erkennt. Wer aber erstmal eine Woche abwartet, kann schnell auf einer Intensivstation landen.