Sommerzeit
Ein Tag am und im Moor
Bad Wurzach • Lesedauer: 4 min

Schuhe aus und einfach machen. Barfuß balanciere ich über den Waldboden und die Treppe hinunter zum Tretbecken. Soll ich wirklich? Trau ich mich? Ich sehe den Grund nicht, denn das hier ist kein Kneippbecken mit eiskaltem, doch klarem Wasser. Hier im Wurzacher Ried in Oberschwaben gibt es mitten in der Landschaft ein rustikales Moortretbecken. Ich hole einmal tief Luft, dann stehe ich mit dem rechten Fuß bis über den Knöchel im Schlamm – Verzeihung: im Moor.
Das ist nicht nur viel kühler als an diesem Hochsommertag erwartet. Es ist auch viel weicher. Ich drehe ein paar Runden im Storchenschritt. Dann geht’s zum Abspülen in den Bach auf der anderen Seite des Wegs. Das war meine heutige Mutprobe bei unserer Wanderung durchs Wurzacher Ried.
Eine der bedeutendsten Moorlandschaften in Süddeutschland
Das Moor bei Bad Wurzach entstand vor etwa 12.000 Jahren, nach der letzten Eiszeit. Stark vereinfacht gesagt passierte Folgendes: Im Wurzacher Becken sorgte die Endmoräne eines Gletschers dafür, dass das Schmelzwasser der umliegenden Hügel nicht mehr abfließen konnte – ein flacher See entstand, der mit der Zeit zum Moor wurde. Denn durch den Sauerstoffmangel im Wasser konnten sich abgestorbene Pflanzen nicht vollständig zersetzen und lagerten sich als Torf am Grund ab – ihr Kohlenstoff wird dort unten gespeichert.
Heute ist das Wurzacher Ried eine der bedeutendsten Moorlandschaften in Süddeutschland, ausgezeichnet mit dem Europäischen Diplom für geschützte Gebiete. Gäste entdecken es zu Fuß auf Bohlenwegen, in der interaktiven Ausstellung „Moor Extrem“ im Naturschutzzentrum von Bad Wurzach. Oder sie erfahren die Wirkung des Moors bei Anwendungen in den Heilbädern Oberschwabens. Am besten verbindet man beides - und nimmt ein Vollbad.
Heilende Substanzen
Es sprudelt, es blubbert und gluckert, wenn eine der Wannen im Feel-Moor-Gesundheitsresort in Bad Wurzach vollläuft. Auf 40 Grad wird die Mischung aus Naturmoor und Thermalwasser erwärmt. Weil ein solches medizinisches Bad fordernd für den Kreislauf sein kann, brauchen Besucher vorab eine ärztliche Bescheinigung, dass sie moortauglich sind. Die warmen Torfsubstanzen versetzen den Körper dann in eine Art künstliches Fieber, sie wirken antibakteriell und sollen bei Rückenschmerzen, Bandscheibenvorfällen, Muskel- und Gelenkerkrankungen Linderung verschaffen.

Auf jeden Fall ist das Bad so schweißtreibend wie erholsam. Nach 20 Minuten in der Stille zerfließe ich gefühlt, der Körper ist auf Tiefenentspannung programmiert – am besten also verbringt man den restlichen Tag ruhig.
Moorwanderung mit einem Experten
Quer durchs menschenhohe Schilf: Die Moorwanderung mit Siegfried Roth, dem Leiter des Naturschutzzentrums, startet am Nachmittag. Er schwärmt über dieses intakte, vor allem von Regenwasser gespeiste Hochmoor, über den einzigartigen Lebensraum für seltene Vögel und über die Haidgauer Quellseen, auf die wir gerade von einer kleinen Holzplattform im Wasser schauen.
Die sind ziemlich flach und klar wegen ihres kalkhaltigen, mineralreichen Wassers. Und der Lieblingsort von Roth. Besonders am Wurzacher Ried ist laut dem Experten, dass es hier so viele verschiedene Moortypen gibt: Quellmoor, vom Regen abhängiges Hochmoor und von Flüssen geprägte Niedermoorbereiche. Und dass die Naturstimmungen hier draußen so besonders sind – frisch grün im Frühjahr, bunt im Herbst, fast schon mystisch, wenn im Frühwinter die Nebel kommen.
Früher waren Moore für die Menschen nicht nur wegen der oftmals zwielichtigen Stimmung unheimlich. Es waren auch schlicht lebensfeindliche, gefährliche Landstriche. Heute schätzen nicht nur Experten wie Siegfried Roth diese Landschaften. „Ich finde es faszinierend, dass es im Kern dieses Hochmoors Bereiche gibt, in die der Mensch nie eingegriffen hat, wo auch jetzt niemand hinkommt.“
Über diese Zone, die etwa ein Drittel des Rieds ausmacht, ziehen dann seltene Vögel wie Schwarzstörche, Wachtelkönige und Tüpfelsumpfhühner. Wasser speichernde Moose haben sich dort angesiedelt. Und der Sonnentau, der den Stickstoffmangel im Moor ausgleicht, indem er mit seinen klebrigen Blättern Insekten anlockt und nicht mehr freigibt. „Nur wenige, sehr spezialisierte Pflanzenarten können auf diesen sauren Böden überleben“, berichtet Roth weiter und zeigt uns eine der fleischfressenden Pflanzen.
Wer das allgegenwärtige Insektensummen ignorieren kann, der kann auch die Ruhe hier draußen genießen. Kann über abgestorbene Baumstümpfe staunen, die sich aufs Malerischste im Wasser spiegeln. Und dem Wollgras lauschen, das sich leise im Wind wiegt.
Ein Abend am Riedsee
Das Moor lässt uns nicht mehr los, es ist faszinierend, auch im Sommer, auch ganz ohne Nebel. Abends ziehen wir noch einmal allein los, zum Riedsee. Die Sonne steht schon tief, sie färbt die Wolken rosarot und schickt sie zart eingefärbt als Spiegelbilder auf den stillen See. Einige Hufeisenazurjungfern – blaue Libellen – surren knapp über der Oberfläche entlang in Richtung Seerosenteppich, es ist ihr Revier. Zwei Haubentaucher paddeln vorbei. Vögel zwitschern. Das Schilf raschelt. Einfach still stehen auf dem Steg und schweigen. Einfach mal nichts tun. (sz/tmbw)
Mehr Infos zum Wurzacher Ried gibt es unter wurzacher-ried.de und oberschwaben-tourismus.de.