Zins

Was Zinsen zu erzählen haben

Stuttgart / Lesedauer: 3 min

Rendite von Staatspapieren zeigen Erwartungen von Anlegern an Politik und Kapitalmärkte
Veröffentlicht:08.10.2022, 11:00

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Ende September ließ Jerome Powell keine Zweifel daran, dass für die Federal Reserve Bank die Inflationsbekämpfung oberste Priorität hat. „Ich wünschte, es gebe einen schmerzfreien Weg dies zu tun – aber den gibt’s nicht“, machte der oberste Notenbanker der USA klar. Damit erteilte Powell Hoffnungen am Aktienmarkt eine klare Absage, wonach die US-Notenbank bald die Zinsanhebungen stoppen werde. Im Gegenteil, eine übereilte Umkehr bei der Bekämpfung der Inflation sei falsch, sagte Powell. Daher werde die Fed auf längere Zeit eine restriktive Geldpolitik betreiben. Die Folgen einer solchen Rede zeigen einmal mehr, welche Bedeutung die Äußerungen der US-Notenbank für Anleger haben können. Darüber hinaus zeigt es sich, dass Zinsentwicklungen immer Geschichten zu erzählen haben – man muss sie nur zu lesen wissen.

Zunächst gingen nach Powells Rede die Aktienmärkte auf Talfahrt. Klar, wenn am Zinsmarkt mehr zu verdienen ist, knicken die Aktienkurse ein. Aber auch an den Anleihe- oder Rentenmärkten setzte sich der Ausverkauf fort. Dies liegt an der Erwartung, dass künftige Anleihen höher verzinst sein werden als die bereits emittierten. Also sinken die Kurse der Alt-Anleihen, womit sich deren Rendite erhöht. Gleichzeitig ist eine Situation eingetreten, die man als inverse Zinskurve beschreibt. Normalerweise müssen langfristige Gelder von ihren Emittenten teurer bezahlt, also verzinst, werden als kurzfristige. Weil aber Marktteilnehmer weitere deutliche Leitzinserhöhungen in naher Zukunft erwarten, rentieren derzeit Treasuries, also US-amerikanische Bundesanleihen mit 30-jähriger Laufzeit, fast 0,4 Prozentpunkte niedriger als Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zwei Jahren.

Einen solchen Verlauf der Zinskurve zwischen den zwei- und 30-jährigen Renditen gab es zuletzt kurz nach der Jahrtausendwende. Sie erzählt von der Erwartung, dass die Zinsen schon bald steigen und in ferner Zukunft niedriger liegen werden als in den kommenden ein bis zwei Jahren. Dahinter verbirgt sich die Erwartung, dass die Währungshüter die Inflation durch die schnelle Straffung der Geldpolitik auf längere Sicht wieder in den Griff bekommen – das dämpft die langfristigen Inflationserwartungen und Renditen. Angesichts der inversen Zinskurve raten Banker wie Ulrich Stephan Anlegern, kurze Laufzeiten bei US-Staatsanleihen zu bevorzugen. „Denn sie bieten aktuell nicht nur eine höhere laufende Verzinsung – auch das Risiko von Kursverlusten ist dort geringer als bei Anleihen mit langen Laufzeiten, wenn das Zinsniveau allgemein steigt“, sagt der Chefanlagestratege der Deutschen Bank.

Eine weitere Geschichte, die die Zinsen derzeit zu erzählen haben, spielt in Italien. Dort ist nach der Wahl der drei Mitte/Rechts-Parteien der Renditeabstand zu deutschen Staatsanleihen auf bis zu 2,5 Prozent gestiegen. Das heißt, Italien muss eine um diese Rate höhere Risikoprämie bieten, damit internationale Investoren die Staatspapiere aus Rom kaufen. Die Märkte hegen also ein gewisses Misstrauen gegen die rechtsgerichtete Wahlsiegerin Giorgia Meloni, obwohl sie im Vorfeld der Wahl bemüht war, sanftere Töne gegenüber der EU anzuschlagen, was die Risikoprämien italienischer Staatsanleihen zunächst stabil hielt.

Die Kapitalmärkte überrascht hat indessen eine andere, erst vor kurzem gewählte Politikerin. „Nach nur wenigen Wochen im Amt schickt sich die neue britische Premierministerin Liz Truss an, Spuren in den Geschichtsbüchern zu hinterlassen“, sagt LBBW-Investmentanalyst Frank Klumpp mit Blick auf deren Wirtschafts- und Finanzpolitik. So hat ihr Schatzkanzler Kwasi Kwarteng die größten Steuersenkungen für Großbritannien seit den 1970er-Jahren angekündigt, die umgerechnet rund 50 Milliarden Euro schwer sein sollen. Die Anleger fällten jedenfalls ein harsches Urteil über dieses Vorhaben. Ihre Bedenken über die Höhe der Ausweitung der Staatsverschuldung lassen sich an den Renditen für zehnjährige britische Staatsanleihen ablesen, die in der Folge stark auf 3,8 Prozent angestiegen sind. Auch der Umstand, dass gleichzeitig das britische Pfund unter die Marke von 1,09 US-Dollar, den niedrigsten Stand seit 1985, fiel macht klar, die Anleger sind „not amuesed“.