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Produktionshalle

VW probiert die neue Mobilität in Afrika aus

Kigali / Lesedauer: 3 min

Autobauer VW eröffnet ein Werk in Ruanda – und testet dort auch neue Verkehrskonzepte
Veröffentlicht:24.08.2018, 19:58

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Etwas einsam steht der weiße VW Polo in der Produktionshalle. „Erster in Ruanda montierter Volkswagen“, heißt es auf einem unübersehbaren Schild, darunter die ruandische Flagge. Volkswagen hat in dem kleinen ostafrikanischen Land gerade seine dritte Fertigungsstätte in Subsahara-Afrika gebaut.

Traditionell waren die Wolfsburger auf dem Kontinent nur in Südafrika mit einem großen Werk vertreten, vor zwei Jahren kam eine Montagefabrik in Kenia hinzu. Und jetzt eben Ruanda. Ende Juni hat Staatspräsident Paul Kagame das Werk in einem Industriegebiet am Rand der 1,2-Millionen-Einwohner-Stadt Kigali eröffnet, zusammen mit Thomas Schäfer, dem Vorstandschef von Volkswagen Südafrika und Konzernverantwortlichen für die Subsahara-Region.

Seitdem ist an der neuen Produktionsstätte allerdings nichts Sichtbares geschehen. „Wir erwarten bis Ende September die ersten Bausätze“, berichtet der General Manager der Fabrik, Levy Ouso , beim Gang durch die fast leere Halle. Bauteile werden in Ruanda nicht produziert, sondern nur zusammengesetzt. Zugeliefert werden sie von Volkswagen Südafrika. Und das dauert, denn Ruanda ist ein Binnenland. Von den nächsten Überseehäfen, Daressalam in Tansania oder Mombasa in Kenia, braucht es allein für den Lastwagen-Transport der Bausätze vier bis fünf Tage. „Im Moment liegen sie beim Zoll“, erklärt Ouso. Auch das kann dauern.

Für Neuwagen ist der Markt in Ruanda winzig, das Bruttoinlandsprodukt beträgt gerade einmal 772 Dollar pro Kopf. Außerhalb der Hauptstadt ist das asphaltierte Straßennetz recht überschaubar. Doch Volkswagen-Südafrika-Chef Schäfer sieht hier ein „großes Potenzial“: „Das Land ist jung, modern und hungrig nach individueller Mobilität.“ Volkswagen hat eine Subsahara-Strategie entwickelt. Langfristiges Ziel ist es demnach, eine „Führungsrolle in der aufstrebenden afrikanischen Automobilindustrie übernehmen“.

Davon ist Volkswagen noch weit entfernt. Auf den Straßen von Kigali dominiert flächendeckend der Konkurrent Toyota. Die Marke VW müsse zuerst einmal bekannt gemacht werden, bestätigt Manager Levy Ouso. Wobei der Konzern bei der Produktion nicht allzu große Sprünge plant: Die Zahl der Arbeiter, die hier künftig Autos zusammenschrauben sollen, beziffert Ouso auf exakt acht. Die überschaubare Belegschaft wird Motor und Getriebe in die Karosserie einsetzen, Stoßstangen montieren, Elektronik und Mechanik prüfen – das reicht, um anschließend das Steuern sparende Etikett „Made in Rwanda“ anbringen zu können. Die Fahrzeuge – neben den Allerweltsmodellen Polo und Passat könnten später auch der Pickup Amarok und die Geländelimousine Teramont angeboten werden – gelten dann nicht als Importware. Bis zu 5000 Autos können so im Jahr montiert werden, sagt Ouso. „Je nach Nachfrage.“ Schon diese Zahl erscheint manchen Beobachtern in Kigali als höchst ambitionierte Zielmarke. Wobei Volkswagen sich nicht in unkalkulierbare Risiken stürzt: Die Investitionssumme beträgt 20 Millionen Euro, 1000 Arbeitsplätze in verschiedenen Sparten sollen entstehen.

Software aus Ruanda

Dabei ist Ruanda für den Konzern durchaus so etwas wie ein Versuchslabor. Denn Volkswagen setzt in Ruanda auf ein integriertes Mobilitätskonzept, an dem unter der Überschrift „Moving Rwanda“ auch Siemens, SAP und der Mittelständler Inros Lackner sowie das deutsche Entwicklungsministerium beteiligt sind. Nutzer sollen per Smartphone Mitfahrgelegenheiten finden oder ein Auto leihen, weitere App-basierte Dienstleistungen könnten folgen. Die ersten 150 in Ruanda produzierten Volkswagen sollen für solche Konzepte eingesetzt werden, zunächst für Carsharing in Unternehmen, dann unter Privatpersonen. Auch ein Taxidienst ist im Gespräch. Die Software, mit der all diese Angebote vernetzt werden sollen, wurde von jungen Entwicklern aus Ruanda programmiert. Denn selbst wenn für viele Angehörige der ruandischen Mittelschicht ein eigener Neuwagen noch lange ein Traum bleiben dürfte – ein Smartphone gehört für sie längst zur Grundausstattung. Und die Netzabdeckung für den Mobilfunk ist in Ruanda vielerorts besser als in Deutschland.