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Risiko von Stromausfällen

Netzbetreiber dürfen Strom von Wärmepumpen einschränken

Wirtschaft / Lesedauer: 5 min

Wenn Überlastung droht, dürfen Netzbetreiber Wärmepumpen und Ladestationen den Strombezug drosseln. Was Privathaushalte dazu wissen müssen.
Veröffentlicht:30.11.2023, 05:00

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Wärmepumpen und Ladeeinrichtungen für E-Autos sollen zügig ans Stromnetz. Gleichzeitig darf dieses nicht überlastet werden. Die Bundesnetzagentur hat jetzt Regeln aufgestellt, mit denen beides gelingen soll. Für manche Haushalte springt dabei auch etwas heraus. Die wichtigsten Punkte im Überblick.

Wo liegt das Problem?

Die Elektrifizierung des Wärme- und des Verkehrssektors ist ein wesentlicher Pfeiler der Energiewende. Für den daraus entstehenden Hochlauf insbesondere von Wärmepumpen und Elektrofahrzeugen und zukünftig auch Batteriespeichern ist der größte Teil der Stromverteilnetze aber noch nicht ausgelegt. Engpässe mit dem Risiko von Stromausfällen wegen Überlastungen örtlicher Leitungen drohen - insbesondere abends, wenn viele E-Autos geladen werden und/oder in der kalten Jahreszeit, wenn viele Wärmepumpen unter Volllast laufen. Die Netze müssen daher rasch ausgebaut und digitalisiert werden. Doch das ist nach Ansicht der Bundesnetzagentur nicht schnell genug umsetzbar.

Was soll Abhilfe schaffen?

Stromnetzbetreiber dürfen künftig nach festen Regeln den Strombezug von neu eingebauten Wärmepumpen, Ladestationen oder Klimaanlagen zeitweise einschränken, wenn eine Überlastung des Stromnetzes droht. Möglich ist das, da diese Verbrauchseinrichtungen vom Netzbetreiber ansteuerbar sind. Das Prozedere soll dafür sorgen, die Verkehrs- und Wärmewende zu beschleunigen und die Versorgungssicherheit in den Verteilnetzen sicherzustellen, sagt die Bundesnetzagentur.

Wie müssen sich Verbraucher das vorstellen?

Privathaushalte dürfen entscheiden, wie der Eingriff des Netzbetreibers erfolgen soll: Entweder lassen sie diesen einzelne Anlagen direkt ansteuern - oder sie wählen bei mehreren Anlagen einen Leistungshöchstwert, der im Notfall insgesamt nicht überschritten werden darf. In diesem Fall würden die Verbraucher die Reduzierung durch ein Energiemanagementsystem eigenständig koordinieren. Selbst erzeugte Energie soll dabei eingerechnet werden können. Eine Wallbox - also eine heimische Ladestation fürs Elektroauto - darf dann etwa mehr Strom beziehen, wenn dieser aus der eigenen Solaranlage stammt.

Dürfen die Netzbetreiber den Strombezug komplett aussetzen?

Nein. Wärmepumpen oder Wallboxen dürfen laut Bundesnetzagentur nicht vollständig abgeschaltet werden. Sollte es zu einer Überlastung des Netzabschnittes kommen, „muss eine Mindestleistung immer zur Verfügung stehen, sodass Wärmepumpen betrieben und Elektroautos weiter geladen werden können“. Die Netzbetreiber können den Bezug auf bis zu 4,2 Kilowatt senken. Damit, so heißt es, könnten Wärmepumpen weiter funktionieren und E-Autos in aller Regel in zwei Stunden für 50 Kilometer Strecke nachgeladen werden.

Ist der normale Haushaltsstrom von den Regelungen betroffen?

Nein. Die Regelungen gelten nur für sogenannte steuerbare Verbrauchseinrichtungen, zu denen neben Wallboxen und Wärmepumpen auch Klimaanlagen und Batteriespeicher gehören. In den Bezug von normalen Haushaltsstrom darf nicht eingegriffen werden.

Wie häufig wird eine solche Steuerung durch den Netzbetreiber in der Praxis vorkommen?

Die Bonner Behörde geht davon aus, dass eine Steuerung durch den Netzbetreiber nur in Ausnahmefällen nötig wird. Auch dürfte sie wegen der Vorgaben „ohne wesentliche Komforteinbußen“ passieren. Beim größten Verteilnetzbetreiber in Baden-Württemberg, der EnBW-Tochter NetzeBW, geht man davon aus, dass solche Eingriffe in den nächsten Jahren „eher unwahrscheinlich“ sind und wenn überhaupt „nur punktuell“ erfolgen. Eric Junge, der bei NetzeBW die Umsetzung der neuen Regelungen koordiniert, macht das vom Hochlauf der E-Mobilität und dem Zubau bei Wärmepumpen abhängig. „Wenn der Boom kommt, dann könnte es in seltenen Fällen dazu kommen.“ Stand heute, so Junge, habe NetzeBW aber keine Engpässe im Verteilnetz.

Werden Haushalte für die Drosselung des Strombezugs entschädigt?

Ja. Haushalte können zwischen einem pauschalen Rabatt und einem reduzierten Netzentgelt-Arbeitspreis wählen. Der Rabatt soll je nach Netzgebiet zwischen 110 und 190 Euro jährlich betragen. Kunden des Netzbetreibers NetzeBW dürfen nach Aussage von Eric Junge mit einem Bonus von 151 Euro im Jahr rechnen. Wer sich für die Pauschale entscheidet, kann sich ab April 2025 zusätzlich noch für ein nach Tageszeit gestaffeltes Netzentgelt entscheiden. Verbraucher zahlen dann bei Stromabnahme in Zeiten schwacher Netzauslastung weniger Netzentgelt. Wer sich für den reduzierten Netzentgelt-Arbeitspreis entscheidet, bekommt einen Rabatt von 60 Prozent auf den geltenden Tarif für die jeweiligen Geräte. Kunden des Netzbetreibers NetzeBW müssten dann nicht 7,98 Cent pro Kilowattstunden etwa für die Wärmepumpe bezahlen, sondern nur noch 3,8 Cent je Kilowattstunde. Voraussetzung dafür ist jedoch ein separater Stromzähler, für den jährliche Messstellenkosten anfallen.

Dürfen Netzbetreiber künftig den Anschluss von Wallboxen oder Wärmepumpen mit Verweis auf eine mögliche Netzüberlastung ablehnen?

Nein. Die Netzbetreiber dürfen den Anschluss von neuen Wärmepumpen oder privaten Ladeeinrichtungen zukünftig nicht mehr ablehnen oder verzögern und dies mit einer möglichen lokalen Netzüberlastung begründen. „Wenn Engpässe auftreten, muss das Netz ausgebaut werden. Darauf werden wir achten“, sagt der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller.

Wann treten die neuen Regelungen in Kraft und was passiert mit Bestandsanlagen?

Die neuen Regelungen gelten ab dem 1. Januar 2024. Bei bestehenden Anlagen, für die bereits eine Vereinbarung zur Steuerung durch den Netzbetreiber besteht, gibt es Übergangsfristen bis Ende 2028. Bestandsanlagen ohne eine solche Vereinbarung bleiben dauerhaft ausgenommen, die Betreiber können aber freiwillig mitmachen. Nachtspeicherheizungen sollen dauerhaft nicht unter die neuen Regeln fallen.

Wie bewerten die Netzbetreiber die Regelungen?

Martin Konermann, technischer Geschäftsführer der NetzeBW, spricht von einem „Meilenstein für die Energie-, Wärme- und Mobilitätswende“. Die Regelungen ermöglichten es, die steigende Anzahl von Wärmepumpen und Wallboxen effizient zu integrieren, ohne die Netzstabilität zu gefährden. Die vorgesehene Leistungsbegrenzung sei dabei ein wesentliches Instrument, um zeitweise Überlastungen zu vermeiden und gleichzeitig den Netzausbau voranzutreiben, so Konermann. Den Kundinnen und Kunden versprach der Manager, bei der notwendigen Steuerung der Anlagen größtmöglichen Komfort und vorausschauend über etwaige Eingriffe zu informieren.