Wirtschaft

Stadtwerke & Co.: Kritik an hohen Energiepreisen

Ravensburg / Lesedauer: 6 min

Warum Verbraucher von den sinkenden Preisen für Strom und Gas an den Energiemärkten nicht profitieren und wann es besser werden könnte.
Veröffentlicht:26.01.2023, 05:00

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Die Situation ist paradox: An den Energiemärkten fallen die Preise für Strom und Gas seit Monaten ins bodenlose, doch bei den Verbrauchern kommt davon nichts an. Schlimmer noch. Sie sehen sich seit dem Jahreswechsel mit einer Welle von Preiserhöhungen konfrontiert, die es in sich haben.

Nach Analysen des Vergleichsportals Verivox haben mit Wirkung 1. Januar deutschlandweit 759 Grundversorger ihre Strompreise um durchschnittlich 54 Prozent angehoben; bei Gas zählte Verivox 519 Aufschläge von im Mittel 49 Prozent.

Vor allem im kurzfristen Stromgroßhandel – dem sogenannten Spotmarkt – waren zuletzt hingegen Preisrückgänge zu beobachten. Das lässt sich gut an den durchschnittlichen Neukundenpreisen ablesen, die sich stark an den Spotmarktpreisen orientieren.

Vom Hoch bei 70 Cent für die Kilowattstunde (kwh) Strom, sagt Verivox-Sprecher Lundquist Neubauer im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“, erreicht am 1. Oktober 2022, ist der Preis auf aktuell 39 Cent je kwh abgerutscht. Beim Gas ist die Entwicklung noch heftiger: Am 1. September 2022 mussten Neukunden für den Energieträger noch 40 Cent pro kwh berappen, aktuell sind es nicht einmal mehr zwölf Cent.

Stadtwerke verstecken sich hinter Beschaffungsstrategie

Wie kann das sein? Ingbert Liebing, Hauptgeschäftsführer des Verbands Kommunaler Unternehmen (VKU), führt als Begründung die Beschaffungsstrategie der Stadtwerke ins Feld. „Die Kurzfristmärkte spielen für die Beschaffung der Stadtwerke nur eine vergleichsweise untergeordnete Rolle, denn sie kaufen Energie stetig auf Termin für die Zukunft ein“, sagt Liebing – in vielen kleinen Teilmengen zu verschiedenen Zeitpunkten.

Diese Beschaffungsstrategie soll Energiekunden vor großen Preissprüngen schützen – das heißt, sie federt Preisspitzen ab und streckt Preissteigerungen zeitlich. Gerade in der Energiekrise habe sich die konservative Beschaffungsstrategie von Stadtwerken und kommunalen Energieversorgern bewährt.

„Wenn Stadtwerke stattdessen immer aktuell einkaufen würden, hätten Verbraucherinnen und Verbraucher im vergangenen Jahr ein Vielfaches der auf den Strom- und Gasrechnungen ausgewiesenen Preise bezahlen müssen“, sagt Liebing.

Und das wäre auch in der aktuellen Situation so, denn: „Derzeit profitieren Kundinnen und Kunden unverändert von den bedeutend günstigeren Preisen der zurückliegenden drei Jahre vor der Energiekrise.“ Das heißt für die Endkunden: „Erst wenn sich günstige Preise auch wieder am Terminmarkt beständig durchsetzen, wird das in der Folge die Verbraucherpreise senken.“

Noch kein Ende der Preisspirale

Bei der EnBW-Tochter ODR beispielsweise, die in Ostwürttemberg 190.000 Kunden mit Strom beliefert, begann der Einkauf von Teilen der für 2023 kalkulierten Strommengen bereits zweieinhalb Jahre zuvor und damit zu deutlich günstigeren Konditionen. Doch peu á peu fressen sich die 2022 markierten Rekordpreise an den Strombörsen nun durch die Kalkulationen der Stadtwerke.

Frank Reitmajer, kaufmännischer Vorstand der ODR, erklärt im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“ das Procedere: „Wir beschaffen den Strom rollierend über 30 Monate und kaufen die entsprechenden Tranchen auf Termin ein.“ Damit hat die ODR in ihrem Portfolio Tranchen, die noch zu Preisen von 20 Euro je Megawattstunde eingekauft werden konnten, aber auch Tranchen, für die im Sommer vergangenen Jahres 1000 Euro je Megawattstunde bezahlt werden mussten.

Nicht das Ende der Preisspirale

Diese Systematik bringt es mit sich, dass die jetzt von den Energieversorgern aufgerufenen Stromtarife aller Voraussicht nach nicht das Ende der Preisspirale sind – auch wenn die Großhandelsnotierungen an den Energiebörsen seit einiger Zeit wieder sinken. „Der richtige Schub bei den Energiepreisen dürfte erst 2024 kommen“, prophezeit Reitmajer.

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Doch es geht auch anders. Die Chefin des Darmstädter Energieversorgers Entega, Marie-Luise Wolff, kündigte jüngst im Interview mit der „FAZ“ an, die Preise in der Grundversorgung ab 1. April bei Strom um fast 25 Prozent und bei Gas um 30 Prozent zu senken. Das sei ein Ergebnis der fallenden Preise an den Energiemärkten, hänge aber natürlich auch „mit unserer vorausschauenden Einkaufspolitik zusammen“, sagte Wolff.

Man habe etliche Experten im Unternehmen, die die Märkte genau beobachteten und die benötigten Mengen im Interesse der Kundinnen und Kunden möglichst preiswert einkauften. Die Stadtwerke-Chefin kündigte zudem an, im Laufe des zweiten Halbjahres auch die Preise in den Wettbewerbstarifen, also für alle Entega-Kundinnen und -Kunden senken zu können.

Rufe nach Kartellamt und Regulierungsbehörde

Für die Verbraucher ist das alles nicht nachzuvollziehen. Die Beschaffungsstrategien der Energieversorger sind für sie eine „Black-Box“. Bei Politikern und Verbraucherschützern wächst daher der Unmut über die Preispolitik. Der Vorsitzende der Verbraucherschutzmi- nisterkonferenz, Baden-Württembergs Ressortchef Peter Hauk (CDU), hat das Bundeskartellamt und die Bundesnetzagentur zum Handeln aufgefordert. „Die entsprechenden zuständigen Institutionen sind auch im Sinne der Verbraucherinnen und Verbraucher dazu angehalten, die jüngsten Preiserhöhungen zu prüfen“, sagte Hauk dem „Handelsblatt“.

Er begründete seine Forderung damit, dass die Endkunden weiter mit steigenden Gaspreisen konfrontiert seien, obwohl durch die Flüssiggas-Lieferungen Bewegung in den Gasmarkt gekommen sei. Zudem sei der Gaspreis an der Börse zuletzt „deutlich gesunken“. „Diese gesunkenen Preise im Gasbereich müssen zeitnah auch von den Energieversorgern an die Verbraucherinnen und Verbraucher weitergegeben werden“, mahnte Hauk.

Verbraucherschützer prangert „Mondpreise“ an

Udo Sieverding, Energieexperte der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, formulierte drastischer: Sowohl bei Stadtwerken und Regionalversorgern als auch bei Discountern beobachte man, dass in einzelnen Tarifen Mondpreise verlangt würden. Ein durchaus typisches Muster. Schon in der Vergangenheit kritisierte Sieverding die Energiepreis-Schummelei. So rasch wie Erhöhungen auf steigende Strompreiskomponenten folgten, so zögerlich würden Anbieter Senkungen an Verbraucher weitergeben.

„Das Kartellamt muss schleunigst das Missbrauchsverbot der Preisbremsen durchsetzen“, forderte Sieverding. Er rät dazu, die Versorgerpreise zu vergleichen und notfalls zu wechseln. „Generell stellen wir fest, dass der Wettbewerb der Strom- und Gasanbieter wieder zunimmt“, sagte Sieverding. Ein Preisvergleich lohne sich also.

Dass es aber nicht immer die beste Lösung ist, auf den billigsten Anbieter zu setzen, mussten Zehntausende Kunden im Dezember 2021 erfahren. Damals hatten Billigstromanbieter wie Stromio ihren Vertragspartnern von heute auf morgen gekündigt, weil sie es sich mit ihrer sehr kurzfristigen Beschaffungsstrategie bei den horrenden Börsenpreisen nicht mehr leisten konnten, Energie zu den versprochenen Konditionen zu liefern.

Vorsicht bei Discountern

Ein Wechsel muss also gut überlegt sein. Zumal es künftig sehr viel teurer werden kann, wenn Verbraucher von einem Discounter nicht mehr beliefert werden und wieder zum Grundversorger wechseln müssen. Der darf dann nämlich die folgenden drei Monate, die sogenannte Ersatzversorgung, „beschaffungsorientiert“ berechnen.

Will heißen: Muss der Grundversorger die zusätzlichen Energiemengen zu hohen Preisen einkaufen, darf er diese an die Neukunden weiterreichen. Die bis Sommer 2022 weitgehend funktionierende Einstellung, „Bei einem Anbieterwechsel habe ich als Kunde alle Chancen, aber kaum Risiken“, ist mit dem im Sommer 2022 geänderten Energiewirtschaftsgesetz vorbei.

Was heißt das nun für den Privatverbraucher? Kurzfristig dürfen sich Strom- und Gaskunden keine Hoffnung auf in der Breite sinkende Energiepreise machen. „Ich hoffe, dass es gegen Ende 2023 schon besser ist, wenn auch nicht auf dem Niveau von 2021“, sagte Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) kürzlich. Das Jahr über werden wir höhere Preise wohl noch aushalten müssen.