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Rund um die Uhr Höchstspannung

Wendlingen / Lesedauer: 5 min

Wie das Übertragungsnetz in Baden-Württemberg gesteuert wird und warum die deutsche Fußball-Nationalmannschaft einmal für eine prekäre Situation gesorgt hat. Ein Besuch bei TransnetBW in Wendlingen.
Veröffentlicht:11.02.2024, 17:00

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Die Szenerie erinnert entfernt an die Kommandobrücke auf Raumschiff Enterprise: Dicke Panzerglasscheiben geben den Blick auf einen riesigen Laser-Großbildschirm frei. Davor drei halbrunde Leitstände, an denen hinter einer Phalanx von Monitoren Menschen ihrer Arbeit nachgehen. Doch die Männer und Frauen sind nicht Lichtjahre von der Erde entfernt, um fremde Galaxien zu erforschen. Sie steuern im Hier und Jetzt kritische Infrastruktur: Das Übertragungsnetz von TransnetBW, über das in Baden-Württemberg Energie auf der Höchstspannungsebene trans- portiert wird.

Das Herz dieses Netzes liegt in Wendlingen, südöstlich von Stuttgart. Dort, am Rand eines schmucklosen Industriegebiets, hinter hohen Zäunen und Sicherheitsschleusen, verbirgt sich die Hauptschaltleitung von TransnetBW, einem der vier Übertragungsnetzbetreiber in Deutschland. Und von hier aus steuern die Mitarbeiter an den drei Leitständen hinter der Monitorwand die Lastflüsse in dem rund 3100 Kilometer langen Übertragungsnetz - rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr - und sorgen dafür, dass sich Stromeinspeisung und -entnahme stets die Waage halten.

Gefahr eines Blackouts? Äußerst gering!

Verantwortlich dafür ist Jens Langbecker, Leiter Systembetrieb - so die offizielle Stellenbeschreibung. Der Manager, studierter Elektroingenieur und seit 26 Jahren bei TransnetBW, ist so etwas wie der Gegenentwurf zu der regelmäßig hysterisch geführten Debatte über Energiekrise, Versorgungssicherheit und drohende Blackouts. „Krise“, sagt Langbecker in ruhigem Tonfall, „haben wir hier nie.“

Tatsächlich ist das deutsche Stromnetz im internationalen Vergleich äußerst stabil. Im Jahr 2022 mussten die Verbraucher hierzulande nur durchschnittlich zwölf Minuten ohne Strom auskommen. Einzig Südkorea erreicht bessere Werte. Stromausfälle könne man zwar nie ganz ausschließen, sagt Langbecker. Doch die Gefahr eines Blackouts, definiert als unkontrollierter Zusammenbruch des gesamten Stromnetzes, sei äußerst gering.

Erzeugung und Verbrauch im Gleichgewicht

Damit das so bleibt, müssen Erzeugung und Verbrauch im Gleichgewicht, die Systembilanz, wie es im Fachjargon heißt, ausgeglichen sein, und die Netzfrequenz stabil bei 50 Hertz gehalten werden. Wird mehr Strom erzeugt als verbraucht, steigt die Frequenz - und umgekehrt. Auf der Höchstspannungsebene wird deshalb alle vier Sekunden die Differenz zwischen produziertem und verbrauchtem Strom kalkuliert und ausgeglichen.

Um die Frequenz zu stabilisieren, greift TransnetBW auf Anbieter von Regelenergie zurück. Das sind Unternehmen, die kurzfristig Leistung zu- oder abschalten können - wie beispielsweise Betreiber von Gas-, Kohle- oder Pumpspeicherkraftwerken oder Großverbraucher wie Zementwerke oder Aluminiumhütten.

WM-Vorrundenspiel sorgt 2010 für prekäre Situation

Stellen die Netzregler in Wendlingen fest, dass die Frequenz sinkt, wird ein Kraftwerk für Regelenergie angewiesen, die Stromproduktion zu erhöhen. „Den Zuschlag erhält automatisch das Kraftwerk mit den geringsten Produktionskosten“, erklärt Langbecker. Steigt die Frequenz über 50 Hertz, wird das Kraftwerk mit den höchsten Produktionskosten in der Leistung gedrosselt oder Großverbraucher fahren ihre Produktion herunter.

Ein Beispiel für solche Ungleichgewichte war der Nachmittag des 18. Juni 2010 - ein Freitag, an dem im fernen Südafrika die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der WM im Vorrundenspiel gegen Serbien antrat. In Wendlingen hatte man damals beobachtet, dass innerhalb Deutschlands der Strombedarf um über vier Gigawatt zurückgegangen war - vermutlich, weil viele Leute früher Feierabend gemacht und PCs und Maschinen ausgeschaltet hatten. Das Gleichgewicht von Erzeugung und Verbrauch stimmte nicht mehr und somit auch nicht die Netzfrequenz von 50 Hertz. Eingriffe der vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber stabilisierten die kritische Situation.

Herausforderung Energiewende

Mit der Energiewende wird diese Netzführung herausfordernder. Denn je mehr Windkraft- und Photovoltaikanlagen im Netz sind, desto stärker werden die Schwankungen zwischen Erzeugung und Verbrauch. Erschwerend kommt hinzu, dass das Stromnetz nicht dafür ausgelegt ist, die immer größeren Strommengen aus dem windreichen Norden in den energiehungrigen Süden zu transportieren. Man kann sich das wie eine Sanduhr vorstellen: Durch die Mitte kommt kaum etwas durch.

Während des Besuchs vor Ort am Donnerstagnachmittag vergangener Woche summierte sich die Leistung der Windenergieanlagen in Deutschland auf rund 13 Gigawatt. Das Gros wurde im Norden produziert. In der stürmischen Nacht zuvor waren es sogar 50 Gigawatt. „Diese Leistung haben wir über das Netz nicht wegtransportiert bekommen“, berichtet Langbecker.

Netzengpassmanagement wird wichtiger - und teurer

In diesen Situationen greift dann das Netzengpassmanagement, auch Redispatch genannt. Dann werden die Windkraftanlagen im Norden in ihrer Leistung gedeckelt, und im Süden müssen fossile Kraftwerke hochgefahren werden, um die Strommengen, die die Betreiber der Windkraftanlagen auf Termin verkauft haben, auch liefern zu können. „Das kostet uns jedes Jahr Milliarden“, sagt Langbecker - Kosten, die die deutschen Übertragungsnetzbetreiber komplett auf die Netzentgelte und damit letztlich auf die Stromkunden abwälzen.

Die hohen Kosten entstehen dadurch, dass die Betreiber der Windkraftanlagen im Norden dafür entschädigt werden, dass sie weniger Strom produzieren dürfen, als sie könnten, und die Kraftwerke im Süden dafür teuer bezahlt werden müssen, dass sie mehr Gas oder Kohle verfeuern. Allein 2022 entstanden dadurch Rekordkosten von 4,2 Milliarden Euro, weil Brennstoff- und Strompreise in diesem Jahr enorm gestiegen sind. Die Entschädigungen für Kraftwerksbetreiber wuchsen parallel mit.

Am Netzausbau führt kein Weg vorbei

Am Netzausbau führt also kein Weg vorbei. „Das ist der größte Hebel für die Energiewende“, sagt Langbecker - und leider einer, der sich nur schwer umlegen lässt. Die beiden Stromautobahnen Ultranet und Suedlink, für deren Bau TransnetBW mitverantwortlich ist, hätten längst am Netz sein sollen. Aktuell wird die Fertigstellung auf 2027 beziehungsweise 2028 terminiert. Ohne Gewähr. Grund für die Verzögerungen sind langwierige Genehmigungsverfahren.

Suedlink beispielsweise führt durch sechs Bundesländer. Die Betreiber müssen sich mit etlichen Regierungspräsidien, vielen Landkreisverwaltungen und 50.000 Grundstückseigentümern auseinandersetzen, 20 Bundesautobahnen und elf Bundeswasserstraßen müssen gequert werden. Für solche Mammutprojekte ist die deutsche Verwaltungsstruktur nicht funktional, was enorm viel Zeit und enorm viel Geld kostet.

Neue Stromautobahnen werden kommen

Neuerdings wird dem Ausbau von Hochspannungsleitungen ein „überragendes öffentliches Interesse“ eingeräumt. Das soll die Verfahren beschleunigen. Muss es auch, will Deutschland das Ziel, bis 2045 klimaneutral zu sein, erreichen. Denn dafür muss das Stromnetz noch einmal erheblich ertüchtigt werden. Im Netzentwicklungsplan 2037/2045 sind vier neue Gleichstromtrassen vorgesehen. An zweien davon - Nordwestlink und Suedwestlink - ist TransnetBW beteiligt.