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Nach Kritik an Heizungsgesetz: Habeck trifft auf Kretschmann

Stuttgart / Lesedauer: 4 min

Der Wirtschaftsminister besucht bei seiner Sommerreise zuerst den Südwesten. Zuvor hatte der Ministerpräsident seinen Parteikollegen kritisiert.
Veröffentlicht:10.07.2023, 19:50

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So richtig gut ist die vergangene Woche für Wirtschaftsminister Robert Habeck nicht gelaufen. Das Heizungsgesetz — vorläufig vom Bundesverfassungsgericht gestoppt. Das Energieeffizienzgesetz — Abstimmung im Bundestag geplatzt, weil zu wenige Abgeordnete anwesend waren. Doch Habeck wirkte weder zerknirscht noch verärgert beim ersten Tag seiner Sommerreise in Baden–Württemberg. Der Grünen–Politiker ist nach Stuttgart gekommen, um sich — mit mehr Zeit als sonst — ein Handwerksunternehmen anzuschauen.

Der Mittelständler Bürkle und Schöck verdient unter anderem mit effizienten Energiesystemen sein Geld. Für sein zweites Besuchsziel, die Bosch–Gruppe, hatte Habeck einen großen Scheck dabei: einen Förderbescheid in Höhe von 161 Millionen Euro für das Wasserstoffprojekt „Bosch Power Units“.

Wasserstoff sei zwar noch teuer, habe aber Potenzial und werde in vielen Bereichen der neue Energieträger sein, sagte der Wirtschaftsminister. Die Förderung sei gut investiertes Geld in den Industriestandort Deutschland. Auch die Bundesländer Baden–Württemberg, Bayern und Saarland beteiligten sich zu 30 Prozent an der Fördersumme von 160 Millionen Euro.

Milliardenprojekt bei Stuttgart

Ohne die grüne Transformation habe Deutschland im globalen Wettbewerb keine Chance, betonte der baden–württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). Zur grünen Transformation gehöre auch der Hochlauf der Wasserstofftechnologie. Dass Bosch in die Massenfertigung von hocheffizienten Festoxid–Brennstoffzellen einsteigen könne, „freut uns außerordentlich und passt wunderbar zu unserer Wasserstoff–Roadmap“, so Kretschmann.

An dem Bosch–Forschungscampus in Renningen bei Stuttgart wird seit 2015 an Zukunftstechnologien geforscht. Die Entwicklung stationärer Brennstoffzellen ist Teil des europäischen Wasserstoffprojekts IPCEI (Important Projects of Common European Interest). Rund sieben Milliarden jährlich investiert das Unternehmen in Zukunftstechnologien, wie Stefan Hartung, Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH, am Montag in Renningen bestätigte. Ziel des Unternehmens ist es, mit der Großfertigung von stationären Wasserstoffzellen Kohlenstoffdioxid einzusparen. Weltweit arbeiten bei Bosch mehr als 85.000 Mitarbeiter in Forschung und Entwicklung, insgesamt zählt der Konzern 421.000 Beschäftigte, davon 133.950 in Deutschland.

Kretschmann ist stolz

Das Aufeinandertreffen von Habeck und Kretschmann war nicht nur wirtschaftlich interessant. Denn in den vergangenen Tagen hatte der grüne Landeschef öffentlich gemacht, was er von Habecks Vorgehen beim Heizungsgesetz hielt: wenig. Es sei von oben nach unten durchgesetzt worden, ohne den Bürgern Gehör zu geben, hatte er kritisiert. Doch falls die Kritik seinem Verhältnis zu Habeck geschadet haben sollte, dann ließen es sich die beiden nicht anmerken. Vielmehr zeigte Kretschmann seinen Stolz über die wirtschaftliche Potenz seines Bundeslandes, auf die „großen Konzerne“ und die „vielen kleineren Betriebe“.

Eines dieser kleineren Unternehmen hatte der Wirtschaftsminister am Morgen besucht, Bürkle und Schöck, einen Elektrotechnikbetrieb mit 120 Mitarbeitern. Habeck hat es sich für seine Sommerreise vorgenommen, auch bei den kleinen und mittelständischen Unternehmern nachzuhören, wo ihnen der Schuh drückt. Die Antwort der beiden Geschäftsführer, Thomas und Stefan Bürkle, war eindeutig: Fachkräfte, nochmals Fachkräfte, ein gutes Bildungssystem und eine Integrationspolitik, die diesen Namen verdient.

„Das ist richtiges Handwerk“

Auch die nicht vorhandene Willkommenskultur in Deutschland — die fehlenden Wohnungen, der Mangel an Kita–Plätzen, die Schwierigkeiten beim Familiennachzug — sei ein Hindernis bei der Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland, kritisierte Rainer Reichhold, Präsident der Handwerkskammer Region Stuttgart. Das sei „ein echtes Problem“, betonte Reichhold.

Die Firmengruppe Bürkle und Schöck entwickelt, produziert und installiert energieeffiziente Elektrotechnik. Dazu gehören unter anderem individuelle Transformatoren und Spulen jeder Art und Größe. Bei den tonnenschweren Spulen, die zur Zertifizierung von Windkraftanlagen eingesetzt werden, ist das Unternehmen Weltmarktführer.

Als Dienstleister bietet das Unternehmen auch elektrische Sanierungen, unter anderem in Hotels, an und den Einbau von Smart–Home–Systemen in Wohnhäusern und Gewerbeimmobilien. Habeck zeigte sich überrascht, wie individuell bei Bürkle und Schöck produziert wird. „Das ist richtiges Handwerk hier“, sagte der Wirtschaftsminister beim Rundgang durch die Produktion.