Gastgewerbe

Bayerns Gastgewerbe empört: Branche will so wie Flugbranche Hilfe bei Mitarbeiternotstand erhalten

Ravensburg / Lesedauer: 4 min

Gastgewerbe will so wie Flugbranche Hilfe bei Mitarbeiternotstand erhalten – Langfristige Lösung aber bevorzugt
Veröffentlicht:30.06.2022, 18:10
Aktualisiert:30.06.2022, 18:26

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Beim Bayerischen Hotel- und Gaststättenverband ist man empört. Die jüngsten Pläne der Bundesregierung , Nicht-EU-Bürgern die Beschäftigung an Flughäfen zu erleichtern, findet der Verband nicht fair, wenn nicht auch das Gastgewerbe unterstützt wird. Die Regierung möchte die Flugbranche unterstützen, weil es wegen akuten Personalengpässen an den Flughäfen seit Wochen zu Wartezeiten und Ausfällen kommt. Befristet sollen jetzt angestellte Hilfskräfte aus dem Ausland kurzfristig an den Flughäfen einspringen und etwa bei der Gepäckabfertigung und bei Sicherheitskontrollen aushelfen.

Sofortige Erleichterungen gefordert

Angela Inselkammer, Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes fordert von der Bundesregierung nun auch für ihre Branche, die ebenfalls unter Personalmangel leidet, sofortige Erleichterungen für die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte. „Wir gehen fest davon aus, dass die selben Regeln auch für andere Branchen wie dem Gastgewerbe gelten“, sagte Inselkammer am Donnerstag.

„Denn es kann ja nicht sein, dass wir mithilfe von Sonderregelungen deutsche Urlauber ins Ausland bringen, während heimische Tourismusbetriebe Gäste ablehnen müssen, da ihnen Arbeitskräfte fehlen.“ Sie fordere gleiches Recht für alle, „die Zuwanderung von Arbeitskräften aus dem Ausland muss auch für gastgewerbliche Betriebe eins zu eins vereinfacht werden. Man sieht, wie schnell die Regierung in der Lage ist zu handeln“, sagte Inselkammer.

Auch Daniel Ohl vom Hotel- und Gaststättenverband Baden-Württemberg sagt im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“, dass man bei dem Thema Zuwanderung von Arbeitskräften nicht schlechter behandelt werden dürfe, als andere Branchen. Laut Ohl, fehlen in Baden-Württemberg derzeit mindestens 10 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, wenn man die aktuellen Zahlen mit denen von vor der Pandemie vergleicht. Dass Gäste wegen Personalmangels von Hotels abgewiesen würden, so wie es der bayerische Verband beklagt, könne er für Baden-Württemberg aber nicht bestätigen.

Personal während Lockdowns verloren

Derzeit sind im Südwest-Gastgewerbe etwa 125 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte tätig, im Juni 2019, also vor der Pandemie, waren es 137 000. Bei den geringfügig Beschäftigten waren es vor drei Jahren 156 000 Angestellte. Aktuell sind es rund 146 000. „Vor der Krise waren wir ein starker Jobmotor im Land. Durch die Lockdowns haben wir aber massiv an Personal verloren“, sagte Ohl. Das sei auch kein Wunder, denn „während andere Branchen in der Corona-Krise weiterarbeiten durften, war das Gastgewerbe insgesamt neun Monate im Lockdown. Den Abwerbeversuchen aus anderen Branchen hatten wir in dieser Zeit einfach nichts entgegenzusetzen.“

Zuletzt seien die Beschäftigungszahlen wieder gestiegen, „aber sie sind eben noch weit unter dem Niveau vor der Krise“, sagte Ohl, auch wenn beispielsweise der Betrieb und damit auch der Personalbedarf in Stadt- und Tagungshotellerie ebenfalls noch nicht wieder das Niveau des Vorkrisenstandes erreicht habe. Innerhalb des Gastgewerbes gebe es offene Stellen in allen Bereichen. Die Lücken seien – auch angesichts der allgemeinen Arbeitsmarktsituation nicht einfach und nicht kurzfristig zu schließen.

Wohin sind Kräfte abgewandert?

Natürlich könne man versuchen die Mitarbeiter, die sich während der Lockdowns andere Jobs gesucht haben, wieder zurückzugewinnen, sagt Alexander Aisenbrey , Geschäftsführer des Sternehotels Öschberghof mit 432 Mitarbeitern aus Donaueschingen. Unklar ist laut Verbandssprecher Ohl aber zum einen, wohin die Kräfte genau abgewandert seien. Da gebe es keinen allumfassenden Überblick. Zum anderen werde das Zurückgewinnen nicht in ausreichendem Umfang gelingen, sagt Aisenbrey. „Numerisch sind wir einfach viel zu wenige.“ Die Branche habe ein Fachkräfteproblem, dass sich durch die Pandemie zwar verstärkt habe, aber schon vorher bemerkbar gemacht habe, sagt Aisenbrey.

Die Zuwanderung von Mitarbeitern aus Nicht-EU-Ländern ist da laut dem Hotelfachmann realisitischerweise die einzige Lösung. „Das heißt, wir müssen in die Welt hinaus: China, Thailand, Indonesien, Mexiko, Indien.“ Er denkt dabei allerdings nicht an eine Ad-Hoc-Hilfe, wie sie die Luftfahrt jetzt erhalten soll, sondern er kämpfe für eine Änderung des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes. „Eine befristete Hilfe bringt uns nichts.“

Langwierige Prozesse sollen abgeschafft werden

Die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse oder -kenntnisse müsse deutlich vereinfacht werden. Deutschland könne es sich angesichts des Mangels nicht mehr leisten, auf langwierige Prozesse zu beharren. Eine andere Problematik sei, dass man, um in Deutschland arbeiten zu dürfen, Deutschkenntnisse auf B-Niveau nachweisen müsse.

Für das Gastgewerbe, wo in vielen Hotels ohnehin ausschließlich Englisch gesprochen werde, seien diese Vorgaben überholt und blockierten ebenfalls die Fachkräftegewinnung aus dem Ausland. „Wir werden die tollen Menschen nicht hierher bekommen, solange wir nicht die Bedingungen ändern“, sagt Aisenbrey. In seinen Augen finde die Hotellerie kein wirkliches Gehör in der Politik. Neidisch ist er deswegen aber nicht auf die Flugbranche, die offenbar mehr Gehör findet. Das bringe am Ende niemandem was.