StartseiteWirtschaftInterview: Ist die Kernfusion die Lösung des Energieproblems?

Potenzial oder Zeitverschwendung

Interview: Ist die Kernfusion die Lösung des Energieproblems?

München / Lesedauer: 6 min

Immer wieder graben Optimisten die Kernfusion als künftige Lösung aller Energieprobleme an. Aber kann sie jemals diese Hoffnung erfüllen. Ein Experte glaubt: ja.
Veröffentlicht:13.06.2023, 05:00

Von:
Artikel teilen:

Rückenwind für die Kernfusion kommt aus den USA. Dort gelang in dem zu militärischen Forschungszwecken errichteten Lawrence Livermore National Laboratory (LLNL) Ende 2022 eine lasergesteuerte Fusionsreaktion, die erstmals mehr Energie lieferte als durch Laser eingebracht wurde. Auch wenn die Anlage insgesamt weitaus mehr Energie verbrauchte als sie erzeugte, beflügelte das doch die Phantasie von Politikern in Deutschland.

Forschungsministerin Bettina Stark–Watzinger (FDP) will jetzt Fusionsforschung auch hierzulande fördern. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) strebt sogar einen eigenen Fusions–Forschungsreaktor an. Im Gespräch mit Ralf Müller ordnet der Direktor des Max–Planck–Instituts für Plasmaphysik, Professor Hartmut Zohm, die Chancen und den Zeitplan für die kommerzielle Nutzung der Kernfusion ein.

Herr Professor Zohm, aus den USA wurde gemeldet, dass aus einem Kernfusionsexperiment erstmals mehr Energie heraus geholt wurde als hinein gesteckt wurde. Ist das sachlich überhaupt so richtig?

Da geht es nur um die Energiebilanz im Plasma. Also um die Menge Energie, die zur Erhitzung eines Kügelchen aufgebracht wurde im Verhältnis zur Energie, die freigesetzt wurde. Die Nettobilanz insgesamt ist bei weitem nicht positiv gewesen.

Der Laser nimmt 300 mal so viel Energie aus dem Netz als er dann in das Plasma hineinschießt. Es war ein toller Erfolg, weil im Plasma eine positive Energiebilanz erzeugt wurde. Aber es war nicht wie in einem Kraftwerk, aus dem mehr elektrische Leistung herauskommt als hineingesteckt wird.

In Fachkreisen ist zu hören, Deutschland habe sich mit dieser Art der Kernfusion mittels Laser gar nicht beschäftigt, weil das politisch nicht gewollt war. Ist das richtig? Haben wir da was verschlafen?

Weltweit hatte in den letzten Jahrzehnten die Forschung an der Laserfusion im wesentlichen einen militärischen Hintergrund. Der Löwenanteil des Geldes, mit dem die Amerikaner den tollen Erfolg erzielt haben, kommt aus der militärischen Forschung und nur ein ganz kleiner Teil aus der Energieforschung. Deutschland und viele andere Länder haben bei dieser Forschung nicht mitgemacht, sondern in der EU nur die Atommächte Großbritannien und Frankreich.

Erweist sich das jetzt bei der Suche nach einem funktionierenden Fusionskraftwerk als Nachteil?

Auf dem Weg zu einem Fusionskraftwerk ist man mit dem Reaktorkonzept bei der magnetischen Fusion weiter als bei der Laserfusion. Bei der Magnetfusion liegt ein Reaktorkonzept vor, das bereits auf europäischer Ebene begutachtet und für gut geheißen wurde. Das gibt es für die Laserfusion so nicht. Das heißt aber nicht, dass man sich mit der Laserfusion nicht beschäftigen sollte.

Die Laserfusion ist in Deutschland wegen des militärischen Hintergrunds bisher nicht gefördert worden. Das soll sich jetzt ändern, sagt zumindest Bundesforschungsministerin Bettina Stark–Watzinger. Spüren Sie von dieser Kurskorrektur etwas?

Wir wissen nur, dass die Bundesforschungsministerin auch diese Variante gerne zusätzlich zur Magnetfusion fördern würde. In welchem Umfang ist uns noch nicht klar.

Wegen der Erfolgsmeldung aus den USA ist bei vielen Politikern so eine Art Fusions–Euphorie ausgebrochen. Man hofft wohl auf Hilfe bei der schwierigen Energiewende. Der bayerische Ministerpräsident will sogar einen landeseigenen Fusionsreaktor bauen. Ihr Institut hat schon zwei Anlagen in Garching und in Greifswald. Macht es denn Sinn, noch mehr Versuchsreaktoren zu bauen?

Die Rede ist ja von weiteren Schritten. Wir haben in Garching und Greifswald Forschungsreaktoren, die nicht dem Zweck der Nettoenergiegewinnung dienen, sondern der Untersuchung der Grundlagen der Physik des heißen Plasmas. Jetzt will man einen Schritt weitergehen auf dem Weg zur Nettoenergie. Das bedeutet eine andere Klasse von Anlagen und auch eine andere Preisklasse. Wenn diese Euphorie darin mündet, dass uns jetzt eine Großanlage zur Verfügung gestellt wird, wäre das eine ganz tolle Sache.

Ein auch aus Ihrem Institut gespeistes Startup namens Proxima Fusion hat sieben Millionen Euro für den Bau eines Fusionskraftwerks gesammelt. Sind da nicht ganz andere finanzielle Dimensionen nötig?

Unsere eigene Schätzung geht dahin, dass für ein Prototyp–Kraftwerk 20 Jahre und 20 Milliarden Euro benötigt werden. In Deutschland gibt es gegenwärtig je zwei Startups, die sich mit Magnet– und Laserfusion befassen. In der ersten Runde sammelt man eben einen einstelligen Millionenbetrag ein. Dann muss man erstmal was zeigen. Und wenn man etwas gezeigt hat, dann kommt mehr Geld dazu. Es gibt einem niemand nur auf Vertrauen 20 Milliarden auf die Hand.

20 Milliarden Dollar soll schon der internationale ITER–Fusionsforschungsreaktor in Südfrankreich gekostet haben und das Projekt holpert und stockt immer wieder. Kann es mit ITER noch etwas werden?

Ja, es gibt immer noch Probleme mit ITER. 2025 sollte es angeschaltet werden — das wird wohl nicht der Fall sein. Aber man muss sehen, dass wir auch beim Bau kontinuierlich lernen. Wir lernen eben auch, wenn etwas schief geht. ITER hat uns eine unglaubliche Wissensbasis bei Planung und Aufbau einer solchen Maschine vermittelt.

Wir haben durch den ITER–Prozess schon viel gelernt. Nur darauf hinzuweisen, dass es immer noch nicht in Betrieb ist, ist zu kurz gesprungen. Der Wert von ITER liegt nicht nur im Betrieb, sondern auch im Lernen, wie man den Prototyp eines Fusionskraftwerks baut.

Deutschland soll bis 2045 klimaneutral werden. Dazu kann die Kernfusion wohl noch nichts beitragen, oder?

Bis 2045 kann die Kernfusion günstigstenfalls einen Demonstrationsreaktor bereit stellen. Damit wäre der Startschuss gegeben, in der zweiten Hälfte eine Economy von Kernfusionsreaktoren auszurollen. Dass die ganze Welt bis 2045 mit Solar– und Windenergie versorgt werden kann, glaubt eigentlich niemand, der sich ein bisschen auskennt.

Die Kernfusion ist ja auch eine Form von Kernenergie und auch dabei fallen redioaktive Abfälle an, allerdings in weitaus geringerem Maße als bei der Kernspaltung. Meinen Sie, dass die Vorbehalte gegenüber der herkömmlichen Kernenergie in Deutschland auch die Kernfusion behindern könnten?

In der Tat hat auch die Kernfusion das Wort Kern vornedran und ich habe auch schon viele misstrauische Argumente gehört. Wir merken allerdings jetzt, da die Kernfusion im Rampenlicht steht, dass sich diese Einschätzung ändert. Es ist auch spannend, dass Briten, Japaner und Amerikaner bereits einen Prozess angestoßen haben, um Fusionskraftwerke zu regulieren.

Die drei Länder wollen die Kernfusion nicht wie eine Kernspaltungsanlage, sondern eher wie eine Art Versuchsanlage behandeln. Das zeigt auch, dass es einen großen Unterschied zwischen Atomkraftwerk und Fusionskraftwerk gibt. Das ist die Botschaft, die wir brauchen: Ja, es ist eine Kernenergie, aber keine Kernspaltungsenergie.