Energiepreis

Geldforscher: „Inflation ist gesund für eine Gesellschaft“

Ravensburg / Lesedauer: 7 min

Politökonom Wullweber über niedrige Zinsen, steigende Energiepreise und die Forderung nach höherer Teuerung
Veröffentlicht:07.10.2021, 05:00
Aktualisiert:07.10.2021, 09:47

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Seit Monaten steigt die Inflation in der Eurozone, aktuell ist sie bei mehr als drei Prozent. Die Energiepreise explodieren. Alles kein Grund zur Sorge, sagt Joscha Wullweber (Foto: privat). Der Ökonom hält die aktuelle Inflation für zu niedrig und nicht nachhaltig. Was Inflation ist, warum Deflation gefährlicher ist und was das alles mit den Sparern macht, erklärt er im Gespräch mit Jonas Voss.

Was ist Inflation, Herr Wullweber?

Es gibt zwei verschiedene Arten von Inflation – eine gesunde und eine problematische. Problematisch ist sie, wenn es zu einem relevanten Anstieg der Rohstoffpreise kommt. Wenn wie in den 70ern der Ölpreis durch die Decke schießt, oder auch die aktuelle Entwicklung bei den Gaspreisen. Dabei steigen die Löhne nicht in gleicher Weise, das Leben wird also tatsächlich teurer. Es gibt aber eine sehr gewollte Inflation – diejenige, die aus der Gesellschaft selbst kommt. Lohnsteigerungen spielen dabei eine wesentliche Rolle. Wenn die Preise mit den Löhnen steigen, bleiben die Lebenshaltungskosten relativ gesehen gleich hoch.

Warum ist diese Inflation gewollt?

Bei einer gesunden Inflation investieren Unternehmen eher, da durch Lohnsteigerungen eine steigende Nachfrage existiert. Auch nehmen die Schulden relativ zum Einkommen ab, es gibt also eine leichte ausgleichende gesellschaftliche Umverteilung von vermögenden zu verschuldeten Haushalten. Schließlich wird verhindert, dass eine Wirtschaft in die Deflation abrutscht, die fatale Folgen für die gesamte Gesellschaft hat und die Ökonomie abwürgt. Es ist äußerst schwierig, aus einer anhaltenden Deflation wieder herauszukommen.

Und wie kommt es zur problematischen Inflation?

Steigende Rohstoffpreise resultieren meist aus politischen Entscheidungen, geopolitischen oder anderen Ereignissen mit globalen Auswirkungen – auch dafür ist die Ölkrise der 70er Jahre mit ihrer starken Inflation ein prägnantes Beispiel. Das kann auch jetzt im Bereich der Energiewende geschehen, wenn es etwa einen Engpass bei dringend benötigten Materialien wie Lithium gibt – wichtig ist aber bei der aktuellen Diskussion, wir haben zur Zeit keine besorgniserregende Inflation!

Sondern?

Definitionsgemäß ist Inflation die Verbraucherpreissteigerung im Vergleich zum Vorjahr. Nun ist aber das Verrückte: Vergangenes Jahr ist die Mehrwertsteuer gesenkt worden, das Konsumverhalten war pandemiebedingt zurückhaltend und aufgrund der geringen Nachfrage rutschten die Rohstoffpreise in den Keller. Die ziehen jetzt wieder an – im Vergleich zu 2019 ergibt sich aber gemittelt nur eine Steigerung von knapp zwei Prozent.

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Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre Inflationsprognose für dieses Jahr auf 2,2 Prozent und ihr mittelfristiges Inflationsziel auf zwei Prozent festgelegt. Der Jahresvergleich zu 2019 befindet sich weiterhin darunter.

Richtig! Die aktuelle Preissteigerung rührt vor allem von der Minusinflation 2020 und der Wiederanhebung der Mehrwertsteuer und der Energiepreise her.

Aber die Energiepreise steigen. Könnte es nicht zu einer problematischen Inflation kommen?

Aktuell würde ich da abwarten. Aber mittelfristig werden wir noch stärkere Energiepreise für fossile Brennstoffe haben aufgrund des CO2-Preises. Hier müsste nun der Staat kommen und den Ausbau regenerativer Energien subventionieren sowie sozial gegensteuern. Dazu gibt es interessante und praktikable Konzepte.

Warum ist dieses EZB-Ziel von rund zwei Prozent Inflation überhaupt von manchen Ökonomen und Politikern gewünscht?

Weil Inflation seitens einer Zentralbank sehr gut zu beherrschen ist. Wird diese zu stark, erhöht man den Leitzins – und die Inflationsrate wird sofort gedrückt. Viel gefährlicher wäre eine Deflation und die muss durch eine stetige, leichte Inflationsrate vermieden werden. Man braucht einen Puffer. Bei einer Inflationsrate von einem Prozent läuten die Alarmglocken, die aktuellen drei Prozent Inflation sind ein Traum.

Warum ist Deflation gefährlich?

Bei einer Deflation sinken Preise Jahr um Jahr, damit sinken Unternehmensgewinne und Löhne. Es wird weniger gekauft und schon sind wir in einem Teufelskreis der wirtschaftlichen Stagnation. Das Instrument der Zentralbank dagegen wäre eine Senkung des Leitzinses – da sind wir aber schon bei Null. Wir könnten nicht viel dagegen tun. Seit der globalen Finanzkrise ist die Gefahr der Deflation extrem. Wie problematisch Deflation ist, kann man heute in Japan sehen

Weil?

Das Land befindet sich seit den 90er Jahren in einer Deflationsspirale, es gibt kaum Wachstum. Die dortige Zentralbank versucht über noch umfangreichere Ankaufprogramme als die EZB der Deflation zu entkommen. Heute hat das Land eine Staatsschuldenquote von knapp 270 Prozent, aber keine Inflation, kaum Wachstum. Hohe Staatsschulden haben also keinen Einfluss auf die Inflation.

Welche Inflationsrate halten Sie denn für wünschenswert?

Bei allem bis fünf Prozent bin ich ganz entspannt. Solange es eine Inflation aus Lohnsteigerungen heraus gibt. Man kann sagen, Inflation ist gesund für eine Gesellschaft. Folgendes Szenario: Jedes Jahr gibt es eine Inflation von zwei Prozent – also auch zwei Prozent Lohnsteigerungen. Was passiert also? Mein Lohn steigt, der Kreditvertrag für mein Haus bleibt aber gleich. Meine Schuldenlast vermindert sich also relativ gesehen. Ich habe mehr Geld zum Konsumieren und die Wirtschaft wird belebt.

Das Geld der Sparer aber verliert an Kaufkraft. Und auch die private Altersvorsorge, die nicht zuletzt auf der Anlage in Wertpapieren beruht, wird in Mitleidenschaft gezogen. Im Hinblick darauf ist Inflation über Jahrzehnte doch verheerend, oder nicht?

Nochmals: der Kaufkraftverlust des Geldes ist nur dann ein Thema, wenn es keine Lohnerhöhungen gibt. Ziehen die Löhne mit, ist Inflation kein Problem. Richtig, das Sparvermögen verliert etwas an Wert, doch zugleich nimmt die Schuldenlast ab. Zur Problematik der privaten Altersvorsorge ließe sich viel sagen. Nur kurz: Sie funktioniert schlicht nicht. Fonds, wie ETFs, sind hochriskant, im Zweifelsfall verlieren Sie Ihr gesamtes investiertes Geld. Bei der Riester-Rente verdienen vor allem Versicherungen und Banken, die hohe Provisionen erhalten.

Die kleine Rendite, die vielleicht übrigbleibt, kommt vom Staat, der diese über Steuergelder bezuschusst. Wie wir in Österreich sehen, kann die staatliche Altersvorsorge sehr gut funktionieren. Voraussetzung ist, dass die meisten Menschen einzahlen. Die staatliche Rente ist übrigens auch gut gegen Inflation gewappnet. Denn wenn die Inflation aufgrund von Lohnsteigerungen zunimmt, steigen auch die Renten, da diese an die Löhne gekoppelt sind. Fazit: Die große Mehrheit profitiert von einer leichten Inflation – übrigens ebenso wie viele Unternehmen, die Kredite aufgenommen haben, um zu investieren.

Definition:

Definitionsgemäß bezeichnet Inflation den allgemeinen Anstieg des Preisniveaus einer Wirtschaft über einen bestimmten Zeitraum. Oft vergleicht man das Preisniveau im Vergleich zum Vorjahr. Steigt das allgemeine Preisniveau, erhält man für die gleiche Geldeinheit weniger Güter und Dienstleistungen. Jeder Verbraucher merkt das beim Gang in den Supermarkt oder an der Tankstelle.

Die Ansichten darüber, welche Faktoren niedrige bis moderate Inflationsraten bestimmen, sind unterschiedlich. Unter Deflation versteht man in der Ökonomie einen allgemeinen, signifikanten und anhaltenden Rückgang des Preisniveaus für Güter und Dienstleistungen. Deflation entsteht, wenn in einer Wirtschaft die Nachfrage geringer ist als das Angebot. Unternehmen bieten mehr Produkte an, als Verbraucher diese nachfragen und müssen folglich ihre Preise reduzieren. Weil Verbraucher auf weiter sinkende Preise warten, kann eine Preisabwärtsspirale entstehen.

Was andere Ökonomen sagen:

Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaft (DIW): „Ein Problem für viele kleine Sparer sind die negativen realen Zinsen , das heißt bei Nullzinsen auf dem Sparkonto und einer Inflation von drei Prozent schrumpft die Kaufkraft. Aber: Dies war so zu mehr als einem Drittel auch in D-Mark Zeiten seit den 1960er Jahren. Hans Werner Sinn, ehemals Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung (ifo): Das Geldvermögen würde in der Inflation erodieren.

Gelackmeiert wäre dann der, der nicht genug Vermögen hat, um in Sachwerte oder Realvermögen investieren zu können. Die Gewinner wären die Schuldner. Lars Feld, ehemaliger Vorsitzender der sogenannten Wirtschaftsweisen: Wenn die Notenbank viel Geld ins System pumpt, heißt das nicht automatisch, dass Inflation entsteht. Es muss erst einmal im Bankensystem dazu genutzt werden, um Kredite zu vergeben. Zudem muss die Kapitalnachfrage auf Seiten der Wirtschaft da sein.

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