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Im Südwesten fehlen bis zu 15 Großkraftwerke

Wirtschaft / Lesedauer: 5 min

Mit dem angestrebten Kohleausstieg 2030 müssen neue Kapazitäten ans Netz, fordert TransnetBW-Chef Werner Götz. Doch es gibt ein Problem.
Veröffentlicht:11.10.2023, 05:00
Aktualisiert:11.10.2023, 11:00

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Baden-Württemberg braucht in den nächsten Jahren zehn bis 15 neue Großkraftwerke, um die Versorgungssicherheit mit Strom zu gewährleisten. Diese Rechnung hatte vor einigen Tagen Werner Götz, Chef des Übertragungsnetzbetreibers TransnetBW, aufgemacht und betont, dass die Zeit dränge.

Denn bis 2030 strebt die Ampel-Koalition den vorzeitigen Ausstieg aus der Kohleverstromung an. Und dann müssen laut Götz Kraftwerke mit einer Leistung von 6,5 Gigawatt am Netz sein, wenn Wind und Sonne keinen Strom liefern.

Doch wenn er mit Blick auf Genehmigungsverfahren und Bauzeiten rückwärts rechne, so der TransnetBW-Manager, entstehe eine Sorgenfalte: „Weil wir heute und jetzt starten müssen, wenn wir 2030 durchs Ziel laufen wollen.“

Immerhin: Die Dringlichkeit ist nach Einschätzung von Götz in Berlin erkannt. „Es ist das erste Mal, dass ich das Gefühl habe, dass ernsthaft zugehört wird, dass reflektiert wird und dass dann auch Lösungen gesucht werden.“

Doch wer diese vielen Kraftwerke bauen soll, ist unklar. Das Bundeswirtschaftsministerium arbeitet zwar an einer Kraftwerksstrategie, die Neubauten anreizen soll. Details stehen aber noch aus, weil die beabsichtigten Maßnahmen von der EU-Kommission beihilferechtlich genehmigt werden müssen.

Investoren fürchten um Rentabilität

Eines der Hauptprobleme: Da diese Kraftwerke mit wachsendem Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung tendenziell immer seltener zum Einsatz kommen, um die Stromnachfrage zu decken, halten sich potenzielle Investoren zurück. Sie fürchten, dass sich ihre Investition nicht rechnet.

Der Übertragungsnetzbetreiber TransnetBW und die Kraftwerksbetreiber Steag und GKM haben deshalb jüngst einen Vorschlag präsentiert, wie sich dieses Dilemma lösen ließe: Die Unternehmen plädieren dafür, einen Neubauvorschuss einzuführen.

Konkret fordern sie, dass die Vergütungen, die schon heute für Kraftwerkseinsätze gezahlt werden und die der Netzstabilisierung dienen, bereits zum Zeitpunkt der Investition in ein neues Kraftwerk garantiert werden. Diese Vergütungen könnten dann ohne Risikoabschlag in die Investitionsrechnung eines Kraftwerkbetreibers aufgenommen werden.

„Wir brauchen ein Anreizsystem, das die zeitliche Dringlichkeit und regionale Aspekte berücksichtigt“, fordert Götz, der das System bereits der Bundesnetzagentur vorgestellt hat und optimistisch ist, Gehör zu finden. Als Übergangslösung könne das relativ schnell greifen und Investitionsentscheidungen schon fürs nächste Jahr möglich machen.

Für die Erzeugerseite hat sich gerade in Süddeutschland in den vergangenen Jahren nämlich viel verändert. Durch den Ausstieg aus der Kernenergie stand plötzlich weniger gesicherte Leistung zur Verfügung, die weitgehend unabhängig von äußeren Einflüssen verfügbar ist.

Regionaler Aspekt wird aufgegriffen

Zwar liefern erneuerbare Energien inzwischen rund die Hälfte des Strombedarfs, allerdings schwankt je nach Wetterlage die Ausbeute gerade bei Wind und Sonne erheblich. Zudem wird Windenergie überwiegend im Norden Deutschlands erzeugt, an entsprechenden Trassen, die den Strom in den industriestarken Süden bringen, fehlt es jedoch noch.

Diesen regionalen Aspekt greift der Vorschlag des Trios um TransnetBW auf: Die Investitionsanreize würden genau dort entstehen, wo potenzielle Investoren große Beiträge ihrer Kraftwerke zur Netzstabilisierung erwarten.

Es würde somit genau dort der Neubau von Kraftwerken angereizt, wo der Netzausbau den Zielen hinterherhinkt, neue Kraftwerke deshalb zur Netzstabilisierung ohnehin unverzichtbar sind und künftig als Back-up dringend benötigt werden dürften. Das ist besonders im Westen und Südwesten Deutschlands der Fall.

EnBW mit drei Neubauprojekten

Als größtem Energiekonzern in Baden-Württemberg kommt der EnBW dabei eine entscheidende Rolle zu. Grundsätzlich böten die vorhandenen EnBW-Standorte die räumlichen Voraussetzungen für eventuelle Neubauten, sagte ein Unternehmenssprecher auf Anfrage der „Schwäbischen Zeitung“. Es sei jedoch Eile geboten, da für Planung, Genehmigung und Bau stets ein mehrjähriger Zeitraum berechnet werden müsse.

Wie schwierig Zeitpläne bei solchen Großprojekten einzuhalten sind, zeigt exemplarisch der Bau des neuen Gasturbinenkraftwerks in Marbach am Neckar, einer sogenannten Netzstabilitätsanlage, die die Stromnetze entlasten soll, wenn eine oder mehrere Anlagen ausfallen. Ursprünglich sollte die Fertigstellung im Oktober 2022 erfolgen.

Doch das Projekt ist wegen diverser Faktoren in Verzug. Zuletzt hieß es vom Versorger EnBW, der das Kraftwerk im Auftrag von TransnetBW baut und künftig betreibt, dass ein Defekt am Haupttransformator Grund für die Verzögerung sei und „eine Inbetriebnahme im dritten Quartal 2024 angestrebt“ werde.

1,6 Milliarden Euro an Investitionskosten

Neben dem Bau dieses Notfallkraftwerks hat die EnBW zurzeit drei konkrete Neubauprojekte auf den Weg gebracht: In Stuttgart-Münster, Altbach/Deizisau und Heilbronn werden bestehende Kohleblöcke bis voraussichtlich 2026 durch wasserstofffähige Gaskraftwerke ersetzt.

Zum jetzigen Zeitpunkt bieten Gaskraftwerke die einzig verfügbare Technologie für ausreichend flexible Leistung, um den Ausbau der erneuerbaren Energien zu flankieren. Die CO₂-Emissionen sinken beim Wechsel von Kohle auf Gas bereits um 50 Prozent.

Mittelfristig sollen die neuen Kraftwerke CO₂-neutral mit klimafreundlichem Wasserstoff betrieben werden und sie sind auch von Anfang an so konstruiert, dass sie auf Wasserstoff umgestellt werden können.

Die Investitionskosten der drei Projekte mit einer Gesamtleistung von 1,5 Gigawatt belaufen sich auf rund 1,6 Milliarden Euro. Die Verfügbarkeit von grünem Wasserstoff ist Stand heute jedoch eine große Unbekannte ‐ vor allem im Süden Deutschlands.