Wertschätzung

Handwerkspräsident Wollseifer: „Ich wünsche mir mehr Wertschätzung“

Berlin / Lesedauer: 6 min

Handwerkspräsident Wollseifer über das Ansehen seiner Branche und Zukunftschancen
Veröffentlicht:28.02.2022, 05:00
Aktualisiert:28.02.2022, 11:02

Von:
Artikel teilen:

Zu wenig Nachwuchs, Klimaschutz-Auflagen, mangelnde Wertschätzung? Hans Peter Wollseifer , Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), erklärt, warum die Branche trotzdessen goldenen Boden hat.

Herr Wollseifer, Sie sind selbst Handwerker, führen einen Betrieb, der Bauinstandsetzungen durchführt, und sind zudem in der Immobilienwirtschaft aktiv. Wie ist gerade Ihre Auftragslage?

Die ist wirklich gut. So wie bei fast allen Unternehmen, die im Hochbau, Tiefbau, Ausbau oder Straßenbau tätig sind. Bei vielen von denen sogar so gut wie in den vergangenen 20, 30 Jahren nicht mehr. Und es wird wohl auch in der Zukunft sehr viele Aufträge geben, schaut man sich den Koalitionsvertrag an.

Ich sage aber auch: Wenn wir, wie es im Koalitionsvertrag steht, künftig jedes Jahr 400 000 Wohnungen bauen wollen, werden wir uns mächtig anstrengen müssen. Wir brauchen viel mehr Personal.

Würden Sie sagen, die Corona-Pandemie ist ein Konjunkturprogramm für das Handwerk?

Für einige Gewerke mag das stimmen. In den zurückliegenden zwei Jahren haben viele Kundinnen und Kunden handwerkliche Leistungen beauftragt. Etwa um Reparaturen und Sanierungen durchführen zu lassen. Oder um sich ein schönes Möbelstück schreinern zu lassen.

Im Gesamthandwerk gibt es jedoch circa 130 Berufe, entsprechend unterschiedlich ist die Konjunkturlage der Betriebe. Die körpernahen Dienstleistungen oder die Handwerke rund um Messebau und Events zum Beispiel haben während Corona mächtig gelitten und tun das noch. Die brauchen dringend Öffnungsperspektiven, auch damit das Personal nicht endgültig abwandert.

Schauen wir auf den klimapolitischen Umbau, den die Ampel plant. Sind Sie als Vertreter des Handwerks damit zufrieden?

Die klima- und energiepolitischen Aussagen geben für das Handwerk einiges her. Klar ist aber: Was die Politik da als Ziel beschreibt, ist nur mit qualifizierten Handwerkerinnen und Handwerkern möglich und umzusetzen. Das habe ich Wirtschaftsminister Robert Habeck auch so gesagt. Umso wichtiger sind im Koalitionsvertrag die Aussagen zur beruflichen Bildung und Fachkräfteentwicklung.

Etwa die Ankündigungen zum geplanten Ausbildungspakt für das Handwerk, zum Ausbau der Berufsorientierung und zur Begabtenförderung für die Berufliche Bildung. Das hilft, keine Frage. Doch zentral bleibt, und das wissen unsere Betriebe: Wir müssen selber ausbilden, weil es kein anderer für uns tut – wie wir es umgekehrt schon tun etwa für die Industrie, Bundeswehr und andere.

Auch bei der Digitalisierung sind wir mit vielem im Koalitionsvertrag einverstanden. Wir Handwerker brauchen künftig Datenschnittstellen, auf die wir zurückgreifen können, um etwa Heizungen direkt fernwarten oder Kfz-Technik auslesen zu können.

Sie beschreiben hochmoderne Technologie. Sind die Handwerker in Deutschland darauf fachlich gut genug vorbereitet?

In der großen Mehrheit sind sie das. Klar sind nicht alle Betriebe dabei. Einige haben nicht mehr die Betriebsperspektive, da steht die Rente an; dass die nicht mehr aufrüsten, ist doch nachvollziehbar. Aber die junge Handwerksgeneration ist ganz vorne dabei.

Schon heute sind rund dreißig Gewerke täglich damit beschäftigt, Klima- und Energieziele umzusetzen. Die installieren Solarpanele, Wärmepumpen, Dämmungen, Fenster und so vieles mehr. Die Betriebe, die in diesem Feld tätig sind, denen gehört ohne Frage die Zukunft.

Bei Megaprojekten wie Flughäfen, Messen, Verwaltungsgebäuden – wie können Handwerker da besser zum Zuge kommen? Gibt es Ideen des ZDH für Synergien der Gewerke, um gegen die Generalunternehmer zu konkurrieren?

Ja, die gibt es. Wir gründen Arbeitsgemeinschaften, in denen sich vor Ort leistungsfähige Betriebe für Großaufträge zusammenschließen. Die haben gute Chancen, mit Generalunternehmern zu konkurrieren. Denn die machen es in der Regel auch nicht selbst, sondern arbeiten mit Einzelfirmen zusammen, die von ihren Bürokaufleuten und Ingenieuren koordiniert werden.

Diese Koordination können wir im Handwerk auch selber übernehmen. Als ZDH geben wir da Empfehlungen, aber vor Ort müssen die Betriebe das selbst organisieren.

Wer Handwerker beauftragen möchte, hört oft: Keine Leute, keine Leute. Wie überzeugen Sie junge Menschen, ins Handwerk zu gehen? Und was braucht es dafür – von Verbandsseite und politischer Seite?

Wir als Handwerksorganisation tun dafür eine ganze Menge. Zum Beispiel haben wir in unseren Handwerkskammern Ausbildungsberater, wir führen Messen, Workshops und Speed Datings durch. Wir können jetzt hoffentlich sehr bald wieder Betriebspraktika anbieten – die sind das Eingangstor zur Ausbildung. Ganz aktuell werben wir im Fernsehen und über Großplakate um Nachwuchs mit dem provokativ zugespitzten Slogan: "Hier stimmt was nicht".

Damit wollen wir den Finger in die Wunde legen: Denn wenn wir in unserem Land handwerkliche Leistungen in großem Umfang nachfragen, dann stimmt doch was nicht, wenn junge Menschen nicht die Wertschätzung erfahren wie Studierende, wenn sie Handwerk zu ihrem Beruf machen.

Angesprochen auf Nachwuchs, sagen manche Handwerker: Am liebsten sind uns Leute mit mäßigem Abitur. Die sind volljährig und wollen wirklich was reißen. Wie überzeugen Sie denn Jugendliche ohne Abitur, ins Handwerk zu gehen?

Ich sage immer: Wir brauchen alle. Und Handwerk bildet tatsächlich alle aus, mit sämtlichen Schulniveaus. Etwa sechzehn Prozent der neuen Auszubildenden im Handwerk haben eine Hochschulzugangsberechtigung, 37 Prozent kommen von den Hauptschulen, aber selbst Jugendliche ohne Schulabschluss werden erfolgreich ausgebildet. Allen jungen Menschen sagen wir: Im Handwerk kannst du Selbstbestätigung, Zufriedenheit und Stolz finden.

Du siehst jeden Abend das, was du geschaffen hast. Du kannst Menschen helfen etwa in den Gesundheitshandwerken. Du kannst in den Lebensmittel-Handwerken zur täglichen Versorgung und zum Genuss beitragen. In vielen Gewerken kannst du für‘s Wohlfühlen und Wohlstand sorgen.

Und du kannst in einem der klimarelevanten Gewerke tatsächlich aktiv Klimaschützer sein, nicht nur Demonstrant. Und das alles mit der Möglichkeit, eine Vielzahl verschiedener Bildungswege einzuschlagen.

Und gibt es dann auch gutes Geld?

Ja, das kann ich aus Erfahrung sagen. (lacht) Natürlich ist es im Handwerk wie in allen Bereichen: Die Guten machen einen guten Job, und die verdienen dann auch gut. Wenn man sich selbstständig macht und sich wirklich engagiert, kann man gut und auch sehr gut verdienen. Das wissen noch viel zu wenige.

Einmal angenommen, es gäbe keinen Fachkräftemangel, keinen Materialmangel, keine Lieferengpässe. Welches Thema würde der ZDH gerne angehen, um das Handwerk zukunftssicher zu machen?

Ich wünschte mir ganz klar: mehr Wertschätzung für das Handwerk. Wissen Sie, alle brauchen Handwerkerinnen und Handwerker und das tagtäglich. Fast alles, was jeder von uns über den Tag macht, ist mit dem Handwerk verknüpft, das geht schon morgens beim Lichteinschalten los, dann Duschen, Brötchen holen usw. Aber es fehlt die Wertschätzung für diejenigen, die tagtäglich bereitstehen und das alles machen.

Manchmal habe ich das Gefühl, die Menschen betrachten das Handwerk als allzu selbstverständlich: praktisch, zuverlässig, traditionsverhaftet. Welchen Turbo das Handwerk inzwischen eingelegt hat, das haben viele nicht mitbekommen. Wenn Sie sehen, wie weit wir bei der Digitalisierung sind, was wir im Smart-Home-Bereich oder in der Kfz-Technik leisten – das sind hochqualifizierte Leute. Für sie alle wünsche ich mir mehr Wertschätzung.

Hiobsbotschaft

Corona und Ukraine-Krieg: Hiobsbotschaft für die Wirtschaft

qWirtschaft

Energiewende

Forscher: Baden-Württemberg wird „den Wandel wuppen“

qSpaichingen