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Hersteller von Mini-Reaktoren zieht den Stecker

Berlin / Lesedauer: 5 min

Das Projekt in den USA scheitert an den Kosten. Für die Entwicklung kleiner AKW ist das Aus ein herber Rückschlag.
Veröffentlicht:04.12.2023, 19:00

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Es klingt faszinierend einfach: Statt weniger großer und teurer, sollen viele günstige kleine Atomkraftwerke gebaut werden. Sie liefern günstigen Strom, sind praktisch beliebig einsetzbar, schonen das Klima, weil sie kein Treibhausgas ausstoßen. Im Idealfall lässt sich sogar Atommüll als Brennstoff verwenden. Zahlreiche Firmen weltweit arbeiten an der Idee, denn vielmehr ist es bisher nicht. Was auf dem Papier funktioniert, hat in der Wirklichkeit Tücken, wie ein Vorzeigeprojekt in den USA gerade bewies. Die Probleme heißen wie bei den großen AKW neueren Typs Zeit und Geld.

In Idaho wollte das US-Unternehmen Nuscale ein neues Atomkraftwerk mit 477 Megawatt (MW) Leistung verteilt auf sechs 77-MW-Reaktoren bauen, jedes etwa von der Größe eines Getreidesilos. Der erste Strom sollte 2029 fließen. Das Energieministerium hatte 1,4 Milliarden Dollar bereitgestellt. Die Anlage war auf einem staatlichen Forschungsgelände geplant und sollte zeigen, dass das Konzept funktioniert. Die erste Stromlieferung war zunächst für 2026, dann für 2029 angekündigt.

Was das Projekt jetzt erledigte, waren die Kosten. Zugesichert waren 40 Jahre lang 55 Dollar je Megawattstunde, zuletzt sollten es 89 Dollar sein. Zum Vergleich: Das US-Energiestatistikamt EIA rechnet für dieses Jahr mit einem Durchschnittspreis über alle Energiequellen von rund 53 Dollar. Zahlreiche kommunale Versorger, die Abnahmeverträge mit Nuscale hatten, stiegen aus. Das Unternehmen beerdigte das Projekt umgehend. Der Börsenkurs stürzte ab. Offenbar halten die Investoren wenig von der Ankündigung des Unternehmens, Projekte etwa in Europa zu verfolgen - alles doch sehr unkonkret.

Das Aus ist ein Rückschlag für die gesamte Branche. Nuscale gehörte zu den Firmen, deren Konzept weit fortgeschritten war. Das Unternehmen hatte als einziges eine Zulassung der US-Atombehörde NRC für einen Reaktor - allerdings nur für eine kleinere 50-MW-Variante. Noch vor einem Jahr stand das Unternehmen damit in der Liste der „200 besten Erfindungen 2022“ des Magazins „Time“.

SMR sollen Kohlekraftwerke ersetzen und auch in abgelegenen Regionen aufgebaut werden

Small Modular Reactors (SMR), wie die kleinen Reaktoren offiziell heißen, weil die Anlagen kleiner sind als Reaktoren klassischer Atomkraftwerke, lassen sich leicht in industriellem Maßstab bauen - zumindest in der Theorie. Solche Massenfertigung senkt die Kosten. SMR sollen Kohlekraftwerke ersetzen und auch in abgelegenen Regionen aufgebaut werden, wo die Menschen bisher Strom zum Beispiel mit Dieselgeneratoren erzeugen. Russland hat zwei Reaktoren auf ein Schiff gestellt. Die Akademik Lomonossow ging 2020 nach 13 Jahren Bauzeit in Betrieb. Die Anlage ist bisher ein Einzelstück. In China läuft eine Anlage im sogenannten Kugelhaufen-Design im Test. Als SMR gelten Reaktoren mit einer Leistung von bis zu 300 MW Strom. Typische klassische Atomkraftwerke haben eine Leistung zwischen 1000 und 1700 MW.

Weltweit gibt es mehr als 130 Kleinreaktor-Projekte, vor allem in den USA und Russland, China und Japan. Bekannte sind TerraPower, an dem Microsoftgründer Bill Gates beteiligt ist, und der britische Triebwerks- und Motorenhersteller Rolls-Royce, der auch Antriebe für Atom-U-Boote baut. Die meisten Firmen orientieren sich am klassischen AKW-Design und sind wassergekühlte Druckreaktoren mit festen Brennelementen. Dann gibt es noch innovative Ansätze wie den des deutsch-kanadischen Unternehmens Dual Fluid, das flüssiges Uran verwenden will. Gekühlt werden soll der Reaktor mit flüssigem Blei. Das Konzept existiert bisher nur auf dem Papier - wie einige andere auch. Dual Fluid kalkuliert mit rund sieben Milliarden Euro, bis die Anlage nach zehn Jahren in Serie gehen kann.

Zu langsam für die Klimakrise

Experten wie Mareike Rüffer sind deshalb skeptisch. „Eine tatsächlich erwartbare Produktion von SMR im industriellen Maßstab ist bisher nicht in Sicht“, sagt die Leiterin der Abteilung Nukleare Sicherheit beim Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (Base). „Außerdem wäre der Ausbau von SMR in großem Stil zu langsam und zu teuer, um einen effektiven Beitrag zur Bewältigung der Klimakrise zu leisten.“ Und dann ist da noch die Sicherheit. Zahlreiche Risiken würden bei der Planung weitgehend vernachlässigt werden, sagt Rüffer. Sie nennt Transport, Rückbau, Zwischen- und Endlagerung.

Außerdem gibt es noch den Müll. Es sei nicht absehbar, dass SMR weniger radioaktiven Abfall produzierten, sagt die Base-Expertin. „Durch vorgeschlagene alternative Konzepte entstünden zudem neue Abfallarten, für die es keine Endlagerlösungen gibt. Dies ist weder nachhaltig noch generationengerecht.“ Für den radioaktiven Müll aus großen AKW gibt es bisher nur in Finnland ein Endlager. Schweden, die Schweiz und Frankreich haben jeweils einen Standort. Alle anderen suchen noch.

Auf SMR setzt zumindest der Ölkonzern PKN Orlen, der 20 SMR in Polen bauen will. Geplant ist, den ersten 2029 fertigzustellen. Die Reaktoren soll der US-Hersteller GE Hitachi liefern, der auch große AKW im Programm hat. Derzeit existiert der SMR nur als Studie.

Atomkraftweltmeister Frankreich, dessen Strom zu 69 Prozent aus AKW stammt, hält sich an große Anlagen. Allerdings läuft es auch dort nicht rund. Der 1650-MW-Reaktor, den der staatliche Energiekonzern EDF in Flamanville baut, kostet jetzt wohl 13,2 Milliarden Euro statt ursprünglich 3,4 Milliarden Euro. Erster Strom sollte 2012 fließen, jetzt sollen Anfang 2024 Brennstäbe eingesetzt werden. Dennoch verkündete der Konzern, in den 2030ern jedes Jahr ein AKW fertigstellen zu wollen. Derzeit sind es ein oder zwei im Jahrzehnt.