Energiesparen

So könnte Deutschland bis zu 15 Prozent Strom sparen

Berlin / Lesedauer: 5 min

Energiesparexperte Immanuel Stieß über energiefressendes Streamig, unnötiges Licht gassparendes Heizen ohne zu Frieren
Veröffentlicht:30.06.2022, 05:00
Aktualisiert:30.06.2022, 05:01

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Licht aus, mobile Daten aus, Heizung runter. Mit Energiesparen könnte Deutschland seinen Verbrauch schnell um bis zu 15 Prozent senken, das sagt auf alle Fälle Immanuel Stieß. Der promovierte Stadtplaner arbeitet als Experte für Energie und Klimaschutz im Alltag beim Institut für sozial-ökologische Forschung. Hannes Koch hat mit ihm über den Energiebedarf von Wlan-Daten und nächtlich dunkle Parkplätze gesprochen.

Die russische Regierung kürzt die Gaslieferungen. Wir haben deshalb mit Knappheit und hohen Preisen zu tun. Sie und weitere Experten schreiben nun, Energiesparen sei „sofort umsetzbar und unschlagbar kostengünstig“, etwa in Büros, Supermärkten und Schulen. Können Sie das erklären?

Mehr als die Hälfte ihrer Endenergie verbrauchen Gewerbe und Handel für Heizung und warmes Wasser. Etwa 50 Prozent davon werden mit Gas erzeugt. Noch immer laufen viele Heizungsanlagen in Fabriken und Geschäften quasi rund um die Uhr, selbst nachts, wenn niemand arbeitet.

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Immanuel Stieß (Foto: ISOE/Schwäbische.de)

Das gilt oft auch für die Klimatisierung und Beleuchtung, deren Strom teilweise ebenfalls aus Gaskraftwerken kommt. Deshalb sollte man nachts beispielsweise die Temperatur in den Heizungen verringern und die Lampen ausschalten. Oft passiert das nicht, weil sich in den Unternehmen niemand für das Energiesparen verantwortlich fühlt.

Die Heizungen in Schulen nachts auszustellen führt dazu, dass die Räume morgens kalt sind, wenn die Schüler ankommen.

Es geht nicht darum, die Anlagen komplett abzustellen, sondern die Temperatur um einige Grad abzusenken. Am frühen Morgen ein paar Stunden vor Unterrichtsbeginn kann man sie wieder hochregeln. Aber das setzt die entsprechende Heiztechnik voraus, die in alten Gebäuden nicht überall vorhanden ist. Und jemand muss sich darum kümmern. Doch in vielen Schulen gibt es keine Hausmeister mehr.

Sie plädieren auch dafür, die öffentliche Außenbeleuchtung in Städten und die Leuchtreklamen dort zeitweise zu reduzieren. Viele Leute fühlen sich im Dunkeln aber unsicher.

Wo Beleuchtung sicherheitsrelevant ist, soll man sie nicht reduzieren. Es gibt jedoch viele Orte, an denen sie keinen Sinn hat, weil sich dort nachts niemand aufhält, etwa Ausfallstraßen oder Parkplätze von Einkaufszentren. Einbrüchen kann mit Bewegungsmeldern vorbeugen, die die Lichter kurzfristig einschalten. Ein gutes Beispiel für unnötigen Energieverbrauch sind auch die großen Leuchtdisplays für Werbung in U-Bahn-Stationen. Es hat keinen Sinn, dass sie laufen, wenn die Bahnhöfe nachts geschlossen sind. Nach unseren Berechnungen verbraucht ein großer U-Bahnhöfen damit in einem Jahr so viel Strom wie 16 Vier-Personen-Haushalte.

Den Privatleuten empfehlen Sie unter anderem „Download statt Streaming, WLAN statt mobiler Daten“. Macht das einen nennenswerten Unterschied?

Hier spielt nicht die kleine Einsparung zuhause die entscheidende Rolle, sondern der Energieverbrauch der Infrastruktur für die Datenübertragung. Mobilfunknetze benötigen etwa viermal so viel Energie wie das Festnetz, um die gleiche Menge Daten zu übertragen.

Unter anderem Klaus Müller, Chef der Bundesnetzagentur, brachte ins Gespräch, dass Vermieter die Zentralheizungen runterregeln und nicht mehr verpflichtend mindestens 20 Grad Raumtemperatur anbieten müssen. Eine gute Idee?

Die Temperatur für alle Miethaushalte zwangsweise abzusenken, ist nicht sinnvoll. Sinnvoll ist vielmehr, die gesetzliche Möglichkeit für eine Absenkung zu schaffen. Vermieter sollten von dieser Möglichkeit jedoch mit Augenmaß Gebrauch machen. Schließlich ist das Wärmebedürfnis sehr individuell.

Wichtig erscheint, dass die Wohnungswirtschaft die Mieter besser dabei unterstützt, ihren Energieverbrauch zu drücken, etwa durch den Einbau digitaler Thermostate. Gesetzlich könnte man auch darüber nachdenken, die offizielle Heizperiode, die jetzt von Oktober bis April dauert, vorne und hinten um jeweils zwei Wochen zu verkürzen.

„Das Potenzial für Energiesparen“ sei „bei weitem nicht ausgeschöpft“, schreiben Sie. Welcher Anteil unseres Energieverbrauchs lässt sich schnell und praktikabel einsparen?

In Gebäuden könnten wir den Verbrauch kurzfristig um 15 bis 20 Prozent verringern. Die Immobilienbesitzer müssten den hydraulischen Abgleich optimal einstellen, also die Wärmeverteilung zwischen den Heizkörpern in mehreren Stockwerken. In Absprache mit den Mietern könnten sie auch die Vorlauftemperatur reduzieren, auf die das Wasser im Keller aufgeheizt wird. Dort sind auch die Rohre und die Kellerdecken zu dämmen. Mit vielen weiteren Maßnahmen in Gebäuden und im Verkehr lässt sich der Energieverbrauch in Deutschland insgesamt zügig um ungefähr zehn bis 15 Prozent drücken.

Was raten Sie der Bundesregierung – wo sollte sie zuerst ansetzen?

Der Wirtschaftsminister könnte einen Aufruf zum Energiesparen an alle Privathaushalte schicken und die wirkungsvollsten Maßnahmen zum Energiesparen erklären. Außerdem sollte er sich frühzeitig mit Handwerk und Baufachhandel zusammensetzen, um eine Heizungsoffensive zu starten. Ein wichtiger Punkt ist, dass ausreichend Fachkräfte und Dämmstoffe zur Verfügung stehen.

Dennoch plädieren Sie nicht nur für individuelle Verhaltensänderungen, sondern auch für Ordnungsrecht. Was verstehen Sie unter Energiesparquoten für Energieversorger und Netzbetreiber?

Großbritannien und Italien haben gute Erfahrungen mit sogenannten weißen Zertifikaten gemacht. In einem solchen Modell müssten alle Energieversorger den Verbrauch ihrer Kunden jährlich um einen bestimmten Prozentsatz reduzieren. Wenn sie diese Energieeinsparung bei ihren Abnehmern erreichen, bekommen die Versorger Zertifikate. Sparen sie mehr ein, als die staatlich festgesetzte Quote können sie die Zertifikate verkaufen. Es entsteht ein finanzieller Anreiz zur Verringerung des Verbrauchs. Dieser neue Handel mit Zertifikaten für Energiesparen stünde neben dem schon existierenden Emissionshandel für Kohlendioxid-Zertifikate.