Wirtschaft

Grüne Woche - So geht es der Ernährungsbranche

Berlin / Lesedauer: 2 min

Vor dem Start der Grünen Woche sieht die Ernährungswirtschaft keinen baldigen Rückgang der Preise. Auf die Politik sind Bauern und Industrie schlecht zu sprechen.
Veröffentlicht:19.01.2023, 05:00
Aktualisiert:18.01.2023, 01:00

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Freude und Ärger liegen mitunter eng beisammen. Das zeigt sich auch kurz vor dem Neustart der Internationalen Grünen Woche (IGW) in Berlin. Aufatmen gibt es bei den Veranstaltern, dem Deutschen Bauernverband (DBV) und der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), weil die Leistungsschau der Branche nach pandemiebedingter Pause wieder in den Messehallen stattfinden kann. „Ich hatte fast Entzugserscheinungen“, flachst Bauernpräsident Joachim Rukwied.

Auch die Messegesellschaft freut sich über die Veranstaltung, die an diesem Freitag für zehn Tage eröffnet wird. 1400 Aussteller aus 60 Ländern haben sich angemeldet. 300 Konferenzen rund um die Branchenthemen stehen auf dem Programm.

Zu einer internationalen Konferenz zur Ernährungssicherheit reisen am kommenden Wochenende 80 Landwirtschaftsminister aus aller Welt an. Die Messe ist trotzdem eine Spur kleiner als in vergangenen Jahren. Statt wie üblich rund 400.000 Besucher rechnen die Ausrichter in diesem Jahr auch nur mit etwa 300.000 Gästen, die sich an kulinarischen Spezialitäten aus aller Welt, einer blühenden Halle oder der Bundeshengstschau erfreuen können.

Kaum gute Aussichten für dieses Jahr

In die gute Stimmung mischen sich allerdings viele Molltöne. So haben die Veranstalter für die Verbraucher erst einmal eine weniger gute Aussicht mit nach Berlin gebracht. Denn Lebensmittel bleiben in diesem Jahr wohl teuer. „Ich sehe keine Entspannung, sondern dass die Preise wenigstens auf dem aktuellen Niveau bleiben“, sagt Rukwied.

Und auch die Verarbeiter der Nahrungsmittel machen den Kunden keine Hoffnung auf sinkende Preise. Zwar seien die Weltmarktpreise für die Rohstoffe inzwischen wieder gesunken, erläutern BVE-Chef Christian von Boetticher. Doch die Unternehmen hätten ihren Bedarf für dieses Jahr schon 2022 zu hohen Einkaufskosten zu guten Teilen gedeckt. „Keine Entspannung“, lautet Boettichers Fazit.

„Klima schützen, Artenvielfalt erhalten, Ernährung sichern‟, lautet das Motto der IGW. Doch über die Wege dorthin gibt es zwischen Politik und Wirtschaft recht unterschiedliche Vorstellungen. Die Verbände sind sauer. Der Bauernverband wirft der Bundesregierung vor, mit ihren Vorstellungen für mehr Tierwohl die Tierhaltung in Deutschland zu gefährden. „Die notwendige politische Unterstützung für den Umbau der Ställe fehle, klagt Rukwied.

Bioware bleibt oft im Regal liegen

Die Bundesregierung stelle eine Milliarde Euro über vier Jahre zur Verfügung. Benötigt würden jährlich vier Milliarden Euro. Als Folge der Agrarpolitik geben demnach immer mehr Schweinehalter auf. Deren Zahl sei beispielsweise in Baden-Württemberg in den vergangenen gut 20 Jahren von 20.000 auf nur noch 1.700 gesunken, während in anderen Ländern Bestände aufgebaut wurden.

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Die Industrie wiederum sorgt sich angesichts der hohen Energiepreise. Die Kosten dafür sind laut BVE im vergangenen jähr um 152 Prozent gestiegen. Dies zwinge den Mittelstand allmählich in die Knie, befürchtet Boetticher und fordert von der Politik ein langfristiges Konzept zur Sicherung einer bezahlbaren Energieversorgung. Die Branche ist mit 640.000 Beschäftigten in gut 6000 Betrieben ein wichtiger Arbeitgeber. Mit verarbeiteten Lebensmitteln setzt sie fast 190 Milliarden Euro im Jahr um.

Auch beim politisch erwünschten Ausbau der Bioproduktion auf den Höfen läuft es nach Ansicht der Bauern nicht gut. „Bioware und Premiumware bleibt oft im Regal liegen“, stellt Rukwied fest, „das gilt es zu stoppen.“ Mehr Biolandwirtschaft könne nur gelingen, wenn die Verbraucher die höhenwertigen Produkte auch kaufen. Doch die aktuelle Entwicklung mit hohen Inflationsraten bewirke ein anderes Verhalten. Die Kunden griffen zu preisgünstigen Eigenmarken, auch wenn sie sich bessere Lebensmittel leisten können.

Die Grüne Woche ist traditionell das Forum, auf dem um die richtigen Wege in der Agrarpolitik gerungen wird. So wird sich auch Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) in den kommenden Tagen der Kritik weiter Teile der Branche stellen müssen.