Schwarmfinanzierung

Crowdfunding: Von der Masse finanziert

Ravensburg / Lesedauer: 5 min

Immer mehr Projekte setzen auf Schwarmfinanzierung – Unterstützer partizipieren am Erfolg oder erhalten "Geschenke"
Veröffentlicht:30.03.2014, 19:35
Aktualisiert:24.10.2019, 15:00

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Die Masse macht’s. Fans der Fernsehserie Stromberg haben innerhalb weniger Tage einen Film mitfinanziert. 3000 Spender trugen eine Million Euro zu den Produktionskosten von 3,3 Millionen Euro bei. Über das Modell Crowdfunding, das oft auch als Schwarmfinanzierung bezeichnet wird. In Amerika ist diese Art der Finanzierung bereits seit einigen Jahren äußerst erfolgreich. 2013 kamen weltweit 5,1 Milliarden Dollar (rund 3,7 Milliarden Euro) zusammen. Kontinuierlich steigt auch in Deutschland das Interesse. Für den Schwarm lohnt sich die Beteiligung am Stromberg-Film nun sogar finanziell: Die Unterstützer bekommen nicht nur ihre Investition zurück sondern erhalten ab dem millionsten verkauften Kinoticket auch eine Gewinnbeteiligung von 50 Cent.

Das Ganze gibt es aber nicht nur für Filme sondern auch für Bücher. Karla Paul, Redaktionsleiterin von LovelyBooks.de, einer Online-Literaturplattform, sieht darin einen eindeutigen Trend des Buchmarktes, sagt sie in einem Interview mit der „ Schwäbischen Zeitung “. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels bestätigt dies: Mit Crowdfunding gebe es mittlerweile in der Buchbranche erste Versuche. Zahlen lägen allerdings noch keine vor.

Erfolgreiche Finanzierungen im Bereich Science-Fiction und Fantasy

Mit einem Aufruf im Internet auf einer Plattform für Schwarmfinanzierung begann auch das Projekt „Drachenväter“ der beiden Journalisten Konrad Lischka und Tom Hillenbrand . „Wir haben zunächst keinen Verlag gefunden, also haben wir es selbst in die Hand genommen“, sagt der 40-jährige Hillenbrand aus München. Gerade im Themenbereich Science-Fiction und Fantasy habe es bereits sehr viele erfolgreiche Finanzierungen gegeben. Was wäre da naheliegender als ein Buch über die Geschichte des Rollenspiels von der Masse finanzieren zu lassen?

Die beiden „Drachenschreiber“ hatten schon bald sehr konkrete Vorstellungen, wie das fertige Werk einmal aussehen sollte: ein opulent bebildertes Buch. Soweit der Plan. Projektbeschreibung, Video und Logo – diese drei Elemente sollte jede Internetseite, auf der Initiatoren für ihre Produkte werben, enthalten. Das gilt für alle Plattformen gleichermaßen. So auch bei Startnext, dem größten Crowdfunding-Anbieter im deutschsprachigen Raum. Dort eröffneten Lischka und Hillenbrand am 10. Oktober 2013 ihr Projekt. „Das Wichtigste ist dieses Video“, betont Tom Hillenbrand, „denn darin zeigen wir, wer eigentlich hinter dem Projekt steht und Geld einsammeln will.“ Neben der Startnext-Seite kümmerte er sich mit seinem Partner um die Kostenaufstellung. Bis dahin hatten sie bereits rund 3000 Euro investiert – etwa in einen Videojournalisten und einen Grafikdesigner –, ohne jedoch zu wissen, ob das Projekt überhaupt ein Erfolg werden würde.

Eines der erfolgreichsten Crowdfunding-Buchprojekte Deutschlands

Nach zwei Monaten endete der Finanzierungszeitraum. Ein rotes Herz prangt seither auf der Projektseite. „Projekt erfolgreich“ steht daneben. 428 Unterstützer haben Konrad Lischka und Tom Hillenbrand gefunden; 20.511 Euro und damit mehr als das Doppelte der geforderten 10.000 Euro wurden eingesammelt. Damit zählt „Drachenväter“ zu den erfolgreichsten von der Masse finanzierten Buchprojekten in Deutschland. „Es ist überwältigend“, sagt Hillenbrand.

Aber ist dieses Prinzip tatsächlich neu? Gerade kleine und mittlere Verlage arbeiten seit Jahren mit einem sogenannten Druckkostenzuschuss. Üblich ist diese Praxis vor allem bei wissenschaftlichen Arbeiten. Bereits im 18. Jahrhundert – als Verleger meist gleichzeitig auch Druckereibesitzer waren – druckten Zuschussverlage Bücher mittels Mischfinanzierung. Die Autoren beteiligten sich an den Herstellungskosten und erhielten lediglich einen Teil der vorfinanzierten Exemplare. Der Rest verblieb beim Verlag an dessen Verkauf er verdiente. Sogar Goethe finanzierte seine ersten Bücher selbst.

Mit knapp 80.000 Neuerscheinungen im Jahr 2012 in Deutschland ist der Markt momentan übersättigt. „Oft entscheidet die inhaltliche Qualität nicht mehr über den Erfolg eines Buches“, sagt Michael Schlosser vom Verlagshaus Schlosser in Friedberg bei Augsburg, einem Verlag mit sechs Mitarbeitern. Der Verlag lässt etwa 50 Prozent seiner 120 bis 150 Neuerscheinungen pro Jahr vorfinanzieren. In den Kategorien Kinderbücher und Gedichte sei es besonders schwierig, da diese „extrem überlaufen“ sind. Nur eines von zehn Büchern sei hier ohne Zuschuss erfolgreich, also kostendeckend. Im Extremfall stehe der Verlag vor den Alternativen: „Entweder geht man pleite oder man müsste rigoros alles ablehnen“, sagt Schlosser. Oder: Das Buch wird erst gedruckt, nachdem eine gewisse Anzahl an Vorbestellungen erreicht ist.

Direkte Interaktion mit den Unterstützern

Zuschussverlage und Schwarmfinanzierung sind dennoch zwei völlig unterschiedliche Finanzierungsformen, so das Fazit des Börsenvereins: „Beim Crowdfunding übernimmt eine Gruppe potenzieller Lesern oder Unterstützer die Finanzierung, bei Zuschussverlagen der Autor selbst“, teilte Sprecher Thomas Koch auf Anfrage mit. „Der große Unterschied beim Crowdfunding ist, dass wir direkt in Interaktion mit den Unterstützern treten“, ergänzt Tom Hillenbrand. Die Autoren präsentieren regelmäßig den Zwischenstand ihres Projekts – etwa Layoutentwürfe und einzelne Bilder. Das Buch erhalten Unterstützer als „Geschenk“ – wenn sie 35 Euro gespendet haben. Auch kleinere Beiträge – ab fünf Euro – sind möglich. Als weitere „Dankeschöns“ gibt es etwa Anstecker oder T-Shirts. Und: „Für 500 Euro bringen wir das Buch persönlich vorbei“, sagt Hillenbrand und lacht.

Für Unterstützer ein weiterer Aspekt: Wird das Finanzierungsziel nicht erreicht, erhalten sie ihr eingesetztes Geld zurück. Die Erfolgsquote schwarmfinanzierter Projekte lag 2013 bei knapp 60 Prozent. „Bekannte Schauspieler oder Autoren haben natürlich einen riesigen Vorteil“, sagt Hillenbrand. Nichtsdestotrotz sind sowohl der Stromberg-Film als auch das „Drachenväter“-Buch finanziert. Die Masse hat geschafft, was der Einzelne sich nicht leisten kann.

Weitere Infos zum Projekt „Drachenväter“ gibt es unter startnext.de/drachenvaeter