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Große Nachwuchssorgen

Junge Menschen wollen nicht mehr ins Handwerk - mit Folgen für die Region

Wirtschaft / Lesedauer: 4 min

Uni statt Werkbank: Nur jeder Zehnte sieht sich in einem handwerklichen Beruf. Wie dramatisch das Problem ist, zeigt sich bei einem Bauunternehmen in Ravensburg.
Veröffentlicht:18.09.2023, 18:00

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Das Handwerk verliert bei jungen Menschen in Deutschland weiter an Attraktivität. Zu diesem Ergebnis kommt eine am Montag veröffentlichte Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Die Auswirkungen zeigen sich auch bei den Betrieben in der Region.

Schlechte Bezahlung und fehlende Aufstiegsmöglichkeiten

Das Ergebnis der Studie scheint auf den ersten Blick aus Sicht des Handwerks gar nicht so schlecht: Fast jeder Dritte zwischen 16 und 25 Jahren ist offen gegenüber einer Karriere im Handwerk. Die Krux: Nur jeder Zehnte will auch tatsächlich im Handwerk arbeiten.

Die Branche habe ein Kommunikationsproblem: Die Betriebe würden bereits viel von dem erfüllen, was sich junge Menschen wünschen. Der Nachwuchs wisse aber nicht, was das Handwerk bietet und welche Berufsfelder es gibt. Dies sei aber nicht der einzige Grund für das Nachwuchsproblem. Die Befragten stören sich auch an Gehalt und Aufstiegsmöglichkeiten in der Branche.

Betrieb wartet seit zwei Jahren auf eine Bewerbung

Die Auswirkungen davon zeigen sich auch in der Region. 600 offene Lehrstellen sind der Handwerkskammer Ulm (HWK) derzeit gemeldet. Es dürften noch einige mehr sein, denn die Betriebe sind nicht zur Meldung verpflichtet. Am stärksten betroffen ist der Landkreis Ravensburg mit 147 unbesetzten Lehrstellen.

Wir haben einen Azubi, der jetzt ins dritte Lehrjahr kommt. Das war die letzte Bewerbung.

Geschäftsführer Bauunternehmen Petretti

Auch das Bauunternehmen Petretti in Oberzell (Landkreis Ravensburg) leidet unter der Azubi-Flaute. Geschäftsführer Jonas Petretti hat ein kleines Team aus zehn Mitarbeitern. Eigentlich sollten es mehr sein, denn Petretti würde gerne jedes Jahr einen neuen Maurer-Lehrling einstellen, wie er sagt. Doch die Anzahl an Bewerbungen in den vergangenen zwei Jahren: null. „Wir haben einen Azubi, der jetzt ins dritte Lehrjahr kommt. Das war die letzte Bewerbung“, sagt der Geschäftsführer.

Dabei versuche er durchaus, gegen das Nachwuchsproblem vorzugehen. „Wir sind auf Ausbildungsmessen, bieten Praktika an, aber es bleibt niemand hängen“, sagt Petretti.

Drei von vier brechen die Ausbildung ab

Doch Handwerksbetriebe haben nicht nur Probleme damit, neue Azubis zu bekommen, ihnen laufen die meisten auch wieder davon. Wie die Studie des IW zeigt, wird nur einer von vier Azubis am Ende tatsächlich Geselle.

Das liege auch an der Auswahl der Bewerber, sagt Horst Becker, Geschäftsführer des Isotec-Handwerkskompasses und Auftraggeber der Studie. Wer die falschen Bewerber auswähle, müsse damit rechnen, dass sie den Betrieb vorzeitig verlassen.

Unternehmer sorgt sich um Zukunft

Doch Bewerber ablehnen ist ein Luxus, den sich die meisten kleineren Betriebe längst nicht mehr leisten können. „Heute nimmst du, was du kriegst“, sagt Bauunternehmer Jonas Petretti. Dass er seit zwei Jahren gar keine Azubis mehr kriegt, habe auch mit dem Abschaffen der Hauptschulen zu tun. „Früher haben die Hauptschulen lokale Handwerksbetriebe für ein Praktikum vorgeschlagen. Heute kümmern sich die Schüler selbst darum und die wenigsten landen beim Handwerk“, sagt Petretti.

Nur, wer die Arbeit auch sieht, spiele überhaupt mit dem Gedanken, eine Ausbildung anzufangen. Petretti macht sich Sorgen um die Zukunft seines Betriebs: „Die Leute werden immer älter. Wenn keine Jungen mehr nachkommen, kriegst du langfristig Probleme.“

Längere Wartezeiten und höhere Preise drohen

Mit diesem Problem ist er nicht allein. Laut HWK Ulm stehen in den kommenden Jahren knapp 3.000 der handwerklichen Betriebe zwischen Ostalb und Bodensee vor der Übergabe. Finden sie keinen Nachfolger, würde laut HWK jeder fünfzehnte Betrieb aus der Gegend verschwinden. Das hätte direkte Auswirkungen auf die Versorgung der Menschen vor Ort: Wartezeiten würden länger und Handwerksleistungen teurer.

Der ländliche Raum sei besonders gefährdet, weil hier Bäcker, Metzger oder Klempner gänzlich aus manchen Ortschaften verschwinden könnten. Um das zu verhindern, fordert Isotec-Geschäftsführer Becker eine bessere Bezahlung in der Branche: „Wir müssen hier deutlich nachlegen.“

Hier ist das Nachwuchsproblem geringer

Doch es gibt auch Bereiche, in denen das Nachwuchsproblem des Handwerks zumindest kleiner wird. „Wir beobachten im laufenden Ausbildungsjahr weiterhin ein hohes Interesse an klimarelevanten Handwerksberufen. Dazu gehören zum Beispiel Kfz-Mechatroniker, Anlagenmechaniker, Elektroniker und Stuckateure“, sagt ein Sprecher der HWK Ulm.