Teures Wohnen

Bauwirtschaft fordert Abspecken bei den Standards

Stuttgart / Lesedauer: 3 min

Bauen muss einfacher und damit günstiger werden, fordert die Bauwirtschaft in Baden-Württemberg. Sonst könnten sich immer mehr Menschen keine Unterkunft leisten.
Veröffentlicht:25.01.2023, 01:00

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Für baden-württembergische Bauunternehmen wird es immer schwieriger, an Fachkräfte aus dem Ausland zu kommen. Doch das ist nicht das einzige Problem, das die Bauwirtschaft derzeit umtreibt.

Inflation, steigende Zinsen und die gekappte Förderung machen den Neubau immer teurer. Dazu kommen immer mehr Auflagen und Vorschriften. Der Verband fordert ein „Bauen Light“ mit abgespeckten Standards.

„Die Überregulierung auf dem Bau führt zu einem regelrechten Stillstand“, sagte Markus Böll, Präsident der Bauwirtschaft Baden-Württemberg, bei der Jahresbilanz der Branche in Stuttgart. Es wäre schon ein großer Erfolg, wenn es gelänge die Preisspirale nicht weiter anzutreiben, so Böll. In den vergangenen Jahren legten die Baupreise teils zweistellig zu.

Zusammen mit der Inflation und den gestiegenen Zinsen hat das die Bauwirtschaft ausgebremst. Böll sprach von einer „dramatischen Entwicklung.“ 2022 wurden in Baden-Württemberg schätzungsweise 34.500 Wohnungen fertiggestellt, notwendig wären 50.000. Weil die Baugenehmigungszahlen seit Monaten sinken, erwartet der Verband für das laufende Jahr einen weiteren Rückgang auf 31.500 Wohnungen.

Stornierungswelle im Wohnungsbau

Der plötzliche Stopp der Förderprogramme Anfang 2022 löste eine Stornierungswelle aus: Rund 20 Prozent der bereits erteilten Wohnungsbauaufträge wurden zurückgezogen, neue Aufträge kamen kaum hinzu. Die Firmen leben vom immer noch hohen Auftragsbestand.

Auch im Wirtschaftsbau ging die Nachfrage stark zurück, Aufträge der öffentlichen Hand blieben stabil. Laut Verbandsumfrage erwarten zwei von drei Firmen eine Verschlechterung ihrer Geschäftsentwicklung in den nächsten sechs Monaten.

Für das Gesamtjahr 2022 rechnet Böll mit einem preisbereinigten Umsatzminus von sieben Prozent, im laufenden Jahr erwartet der Verband ein Minus von acht Prozent. Erst 2024 dürfte sich die Lage am Bau wieder aufhellen, so der Verbandspräsident.

Böll warnt vor „Zuständen wie in Amerika, wo Leute in Trailer Parks wohnen.“

Zu schaffen macht den Unternehmen die wachsende Zahl der Auflagen und Vorschriften. Diese Flut müsse dringend eingedämmt werden. „Deshalb unser klarer Appell an die Politik: Packt dem Bau nicht noch mehr oben drauf!“, so Böll. Statt technische Standards zu verschärfen, müssten diese dringend abgespeckt werden. Notwendig sei ein „Bauen Light“.

Er begrüße die Überlegungen von Ministerpräsident Winfried Kretschmann, die Baustandards abzusenken. „Sonst bekommen wir womöglich Zustände wie in Amerika, wo Leute in Trailer-Parks wohnen, weil sie sich keine festen eigenen vier Wände mehr leisten können. Auch 'Living in the Box', wie etwa im Tiny House, ist kein Zukunftsmodell“, so Böll.

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Auch die Schwierigkeit, genügend Fachkräfte auf den Baustellen zu bekommen, treibt den Verband um. Verbands-Vizepräsident Mathias Waggershauser erläuterte, es sei für Arbeitskräfte aus Osteuropa und aus der Türkei unattraktiv geworden, nach Deutschland zu kommen.

„Die Lebensverhältnisse dort haben sich wesentlich verbessert, es lohnt sich deshalb nicht mehr“, beschrieb Waggershauser. Die Bundesregierung müsse die Einwanderung von benötigten Fachkräften gezielt fördern statt nur die Einwanderung in die Sozialsysteme, sagte Waggershauser.

Verbände kritisieren Neubauförderung

Die Wohnungs- und Bauwirtschaft kritisiert das neue Förderprogramm der Bundesregierung für klimafreundliche Neubauten. „Das Volumen ist viel zu klein, um damit eine Steigerung der Neubautätigkeit zu bewirken“, sagte Verbandspräsident Markus Böll in Stuttgart.

Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) hat am Mittwoch das neue Förderprogramm vorgestellt. Der Bund fördert demnach mit jährlich 750 Millionen Euro den Neubau und Ersterwerb von klimafreundlichen Wohn- und Nichtwohngebäuden, die den energetischen Standard eines Effizienzhauses 40 erfüllen.

Außerdem gibt es eine Eigentumsförderung für Familien. Das gesamte Volumen der Neubauförderung liegt bei 1,1 Milliarden Euro. Als unzureichend kritisiert auch der Spitzenverband der Wohnungswirtschaft GdW die Förderung. Der Zentrale Immobilien Ausschuss (ZIA) zeigte sich ebenfalls enttäuscht. (sz/dpa)