Koalitionskrach

Ausgebrannt: Warum der Verbrenner verboten wird und die Autoindustrie E-Fuels nicht braucht

Frankfurt / Lesedauer: 4 min

EU-Umweltminister beschließen Verbrennerverbot von 2035 an – E-Fuels-Nutzung in Autos unwahrscheinlich
Veröffentlicht:30.06.2022, 05:00
Aktualisiert:30.06.2022, 06:54

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Der Koalitionskrach in Berlin ist ausgeblieben. Zündstoff indes gab es beim Beschluss des EU-Umweltrates zum Verbrenner-Aus von 2035 an im Hinblick auf das Thema synthetische Kraftstoffe genug.

Der Kompromiss: Ein komplettes und absolutes Aus für Verbrenner-Motoren in Autos von 2035 an, wie von EU-Kommission und dem EU-Parlament gewünscht, soll es nicht geben. Unter Umständen sollen auch nach 2035 noch Verbrenner neu zugelassen werden können, wenn sie mit klimaneutralen Kraftstoffen („E-Fuels“) unterwegs sind. Dazu soll die EU-Kommission einen Vorschlag machen.

Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) war Befürworterin eines generellen Aus für Verbrennungsmotoren. Die FDP hatte in der Ampel-Koalition auf die Möglichkeit dieser „Technologieoffenheit“ gedrängt. Stellt sich die Frage, wer diese Technologieoffenheit in der Industrie braucht?

Die Autobauer Volkswagen und Mercedes-Benz jedenfalls sind es nicht. Sie legen sich ziemlich fest, von 2035 an keine neuen Verbrenner mehr produzieren zu wollen. Auch dann nicht, wenn sie mit E-Fuels betrieben würden.

Mercedes setzt auf Batterien

„Unser Fokus liegt auf batterieelektrischen Fahrzeugen“, sagte eine Mercedes-Benz-Sprecherin auf Anfrage der „Schwäbischen Zeitung“. „Entscheidend ist jetzt der Auf- und Ausbau der Ladeinfrastruktur“. E-Fuels sehe man vor allem als Möglichkeit für noch vorhandene alte Verbrennerfahrzeuge auf den Straßen in der Zeit nach 2035, so könne man deren Verbrauch an fossilen Kraftstoffen mindern.

Auch Volkswagen hält die Wende zur reinen E-Mobilität für ein erreichbares Ziel – und fordert neben Ladesäulen eine ausreichende Versorgung mit Batterietechnik.

Stefan Bratzel , Leiter des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach, wundert es nicht, dass diese Autobauer das Hintertürchen synthetische Kraftstoffe nicht für nötig oder sinnvoll halten: „Also ich glaube, dass die Hersteller jetzt ganz klar auf das Thema Elektromobilität setzen“, sagte Bratzel.

„Das, was man mit E-Fuels jetzt als mögliche Hintertür offenlässt, ist ja erst einmal eine theoretische Variante. Im Moment liegt unter Laborbedingungen der Preis für E-Fuels bei rund vier bis fünf Euro pro Liter. Und auch wenn man den Preis durch hochindustrielle Produktion deutlich senken kann: E-Fuels werden immer deutlich teurer sein, als wenn ich mein Fahrzeug mit normalem Strom betanke.“

E-Fuels sind noch nicht ausreichend entwickelt

Der Grund für den Preisunterschied liegt in der Herstellung synthetischer Kraftstoffe. Überschüssige regenerative Energien liefern dabei den notwendigen Strom, um Wasser in seine Bestandteile aufzuspalten und Wasserstoff zu gewinnen. Anschließend wird der Wasserstoff mit CO₂ verbunden. Diese Prozesse finden bislang nur in Forschungs- und Pilotprojekten in kleinem Maßstab statt.

„Es gibt E-Fuels in den Mengen noch gar nicht, um Autos mit diesem Kraftstoff zu betanken“, kritisierte deswegen der verkehrspolitische Sprecher des Verkehrsclubs Deutschland (VCD), Michael Müller-Görnert, im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“.

„Der Prozess ist sehr aufwendig und teuer. Man geht davon aus, dass man fünfmal weiter mit einem batterieelektrischen Auto fahren kann, als das mit E-Fuels möglich ist“. Das zeige die Ineffizienz dieser Lösung auf.

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Der dritte große deutsche Autobauer BMW argumentiert bereits seit längerem für Technologieoffenheit, also auch für den Einsatz von CO₂-neutralen Verbrennern auf den Straßen. Und Analyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler glaubt zu wissen, warum.

„BMW hat doch etwas weniger Mittel zur Verfügung als Volkswagen oder Mercedes. Man kann nicht alles gleichzeitig mit Vollgas betreiben; man kann auch nicht ganz hundertprozentig auf die Karte E-Mobilität setzen“.

In München müsse man schauen, seine Werke auszulasten, indem man alles nebeneinander produziere. „Technologisch ist BMW eigentlich kein Bremser. Aber sie sind aus der Rolle eines mittelgroßen Anbieters einfach ein bisschen gezwungen, diese Haltung einzunehmen“, sagte Pieper der „Schwäbischen Zeitung“.

Gegen E-Fuels in Autotanks allerdings sprechen noch andere Gründe. Zum einen halten viele Experten – aber auch Autobauer wie Mercedes-Benz – es für notwendig, diese begrenzten CO₂-neutral hergestellten Kraftstoffe in der Schiffs- oder Luftfahrt einzusetzen. Denn dort sind Batterien kaum verwendbar.

Zum anderen dürften E-Fuels aber vor allem in anderen Ländern produziert werden. Denn hierzulande gebe es gar nicht genug überschüssige regenerative Energien für deren Herstellung. Das aber würde neue Abhängigkeiten schaffen, hebt etwa der Verkehrsclub Deutschland hervor.

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