Zukunftsforscher liest den satten Deutschen die Leviten

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 Meinhard Miegel sprach in Lindau auf Einladung der „Familienunternehmer – ASU“.
Meinhard Miegel sprach in Lindau auf Einladung der „Familienunternehmer – ASU“. (Foto: oh)
Schwäbische Zeitung
Steffen Range
Redakteur

Die Deutschen seien alt, satt und zögerlich. Es fehle ihnen an Beweglichkeit, ihr Erfindergeist sei ermüdet. „Empfindlich wie Mimosen“ und „wohlstandsverwöhnt“, „staatsgläubig“ und „pathologisch anspruchsvoll“, so nennt Professor Meinhard Miegel seine Landsleute. Der Zukunftsforscher sprach am Mittwoch auf Einladung der „Familienunternehmer – ASU“ in Lindau. Miegel zeichnete das pessimistische Bild einer Gesellschaft, die über ihre Verhältnisse lebt und den Kompass verloren hat. „Der Sinn unserer Existenz, nach permanenter Mehrung materieller Güter zu streben, erschöpft sich.“

Grenzen des Wachstums

Der 76-Jährige befasst sich seit Jahrzehnten mit der Veränderung der Gesellschaft und den Grenzen des Wachstums. Miegel vertritt die Ansicht, dass wir in einer „Periode einzigartigen Wohlstands“ leben, die „beinahe zu gut ist, um wahr zu sein“. Die längste Friedensperiode der neueren Geschichte fällt zusammen mit einer klimatisch günstigen Phase, in der es weder Dürren noch Eiszeiten gab. „Was wir durchlebt haben, ist nicht normal, es ist eine Ausnahmesituation.“ Die Menschen müssten sich auf sinkenden Wohlstand einstellen.

Das bezieht Miegel auch auf die Entwicklung der Wirtschaft. Nach Meinung des Wissenschaftlers ist es alles andere als selbstverständlich, dass die Wirtschaft beständig wächst. „Die Normalität ist wirtschaftliche Stagnation“, sagt der Professor und fügt hinzu: „Goethe hätte mit dem Begriff Wirtschaftswachstum nichts anfangen können.“ Der Zuwachs werde überdies teuer erkauft: durch Raubbau an der Natur. „Wir überfordern unsere Erde.“ Die Polkappen schmelzen, die Ozeane sind übersäuert, seit 1970 wurde ein Drittel der Tierarten ausgerottet.

Schlimmer noch als die Ausbeutung der Natur erscheint Miegel, dass vielen Menschen der Sinn dafür abhandengekommen sei, wofür es sich zu leben lohne. „Die Mehrung materiellen Wohlstands ist zum Ziel und Lebenszweck geworden.“ Die Menschen befänden sich in einer „schizophrenen Situation“: „Wir handeln wie immer, aber mit zunehmend schlechtem Gewissen.“ Der überkommene Ordnungsrahmen biete keinen ausreichenden Halt mehr, ein neuer Rahmen sei noch nicht entwickelt. „Die tradierten Instrumente sind stumpf geworden.“

Europa verliert an Bedeutung

Wie die Welt von morgen aussieht, wird allerdings nicht mehr in Europa entschieden. Denn im Jahr 2100 werden nur noch sechs Prozent der Weltbevölkerung in Europa leben, 1900 waren es noch 25 Prozent. „Wir Europäer sind im Prozess der Marginalisierung.“ Die Diskussion um den Zustrom von Flüchtlingen hält Miegel für „irrelevant“ – verglichen mit dem, was dem Kontinent an Umwälzungen bevorsteht. Das Mittelmeer werde Migranten auf Dauer nicht aufhalten. „Europas ethisch und kulturell homogene Völker werden heterogener, das ist gewiss.“ Aus der Perspektive des Wissenschaftlers ist das logisch: „Völker und Länder kommen und vergehen“, sagt Miegel. „Die Geschichte ist in unserer Zeit nicht zum Ende gekommen.“

Was also tun? Miegel will sein Publikum nicht deprimiert in die Nacht verabschieden. Er rät den Zuhörern, den Sinn des Lebens in anderen Freuden als Brot und Geld zu suchen. „Zeit für sich haben, Zeit für andere, für Freunde und Familie.“ Die Schilderung eines Mönchs habe ihm imponiert, der übersättigten Menschen wieder das „Riechen“ und „Schmecken“ beibringe. Miegel empfiehlt, die „Freude an der Natur und der Kunst“ neu zu entdecken, die Freude an Stille und Müßiggang. „Es geht um eine andere Lebensweise.“

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