ZF-Chef sieht Jobs in der Industrie bedroht

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ZF-Chef Stefan Sommer auf dem IHK-Neujahrsempfang in Weingarten.
(Foto: DEREK SCHUH)
Steffen Range

ZF-Vorstandsvorsitzender Stefan Sommer hat vor dem Verlust Tausender Arbeitsplätze in der deutschen Industrie gewarnt. Vor allem in der Produktion sieht der Chef des weltweit drittgrößten Autozulieferers Stellen bedroht. „Die Wertschöpfung hier zu halten, wird zunehmend schwierig“, sagte Sommer am Freitag in Weingarten beim Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammern (IHK) Bodensee-Oberschwaben und Ulm.

Das Friedrichshafener Unternehmen ZF hat im vergangenen Jahr die US-Firma TRW übernommen, ein Spezialist für Elektronik und Fahrzeugsicherheit. Dieses Jahr wird der Konzern einen Umsatz von 36 Milliarden Euro erzielen. Sommer ist der Ansicht, dass sich ZF verändern muss, um von den „Megatrends“ der Zukunft profitieren zu können. Es reiche nicht mehr aus, Getriebe höchster Qualität zu bauen. Wer in Zukunft bestehen will, muss sich auch mit Sensoren, Eletronik, Vernetzung auskennen. „Die Digitalisierung beeinflusst unser Leben, unsere Häuser, unsere Autos.“ Mechanische Bauteile bildeten nach wie vor die Existenzgrundlage von ZF, „aber wir müssen die mechanischen Komponenten auf die Zukunft vorbereiten“. Dabei sollen die Elektronikspezialisten von TRW helfen.

Sommer appellierte an seine Zuhörer in Weingarten – darunter viele Zulieferer und Vertreter metallverarbeitender Betriebe – sich mit zukünftigen Technologien zu befassen: vor allem mit dem Internet der Dinge – und dem Umgang mit Daten. Fachleute sind der Meinung, dass alle möglichen Gegenstände bald mit Fühlern ausgestattet sein werden: Getriebe, Turnschuhe oder Fahrradpedale. Der deutsche Mittelstand ist nach Meinung Sommers allerdings noch stark auf Technologien des vergangenen Jahrhunderts fixiert. „Die Mechanik ist die Stärke des deutschen Mittelstands und der Industrie.“ Abertausende Arbeitsplätze hingen beispielsweise am Verbrennungsmotor. Die sieht er in Gefahr, sollten sich im großen Stil Elektrofahrzeuge durchsetzen. Sommer rief zu einer „Umgestaltung der mechanischen Welt“ auf.

Das dürfte auch Folgen für ZF und seinen Standort in Friedrichshafen haben. Für Ingenieure und Dienstleistungen sieht der ZF-Chef eine Zukunft, in der Produktion aber wird es kritisch in den kommenden beiden Dekaden. „Es geht weniger um Kosten, Flexibilität ist eine der ganz großen Aufgaben“, sagte Sommer.

Der Präsident der IHK Bodensee-Oberschwaben, Heinrich Grieshaber, forderte eine wirtschaftsfreundlichere Ausrichtung der Politik. Die Rente mit 63 sei ein kapitaler Fehler gewesen. „Sie hat dem Arbeitsmarkt dringend benötigte Fachkräfte entzogen.“ Ein weiterer Fehler sei „in der Mache“: Der Gesetzentwurf zur Regulierung von Zeitarbeit und Werkverträgen. „Er atmet den Geist einer rückwärtsgewandten Regulierungswut.“ Grieshaber verlangte, bei der Reform der Erbschaftseuer nicht gegen die Unternehmer zu handeln. „An der Reform der Erbschaftsteuer wird sich zeigen, ob die Bundesregierung noch willens und in der Lage ist, mittelstandsfreundliche Politik zu betreiben.“

Der Ulmer IHK-Präsident Peter Kulitz warnte vor einem Auseinanderdriften Europas in der Flüchtlingsfrage. „Wir sind der größte Verlierer, wenn Europa zerfällt.“ Diese Krise lasse alle anderen Probleme nebensächlich erscheinen: „Wenn man ehrlich ist, hat niemand eine Patentlösung. Ich war noch nie so ratlos.“

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