Wozu fliegen? Der BER bietet so viel mehr

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Der Hauptstadtflughafen BER ist zurzeit der wohl größte Parkplatz der Republik. VW stellt auf dem Gelände Neufahrzeuge ab, die
Der Hauptstadtflughafen BER ist zurzeit der wohl größte Parkplatz der Republik. VW stellt auf dem Gelände Neufahrzeuge ab, die das Konzern wegen der strengen Abgasvorschriften noch nicht verkaufen kann. Eine Million Euro überweist der Wolfsburger Konzern in diesem Jahr als Parkgebühr für 8000 Plätze an den BER. (Foto: dpa)
Deutsche Presse-Agentur
Burkhard Fraune

Damit hat 2006 keiner gerechnet: Dass das Prestigeprojekt neuer Hauptstadtflughafen BER international zur Lachnummer wird, dass sich die Kosten verdreifachen und es einen Start frühestens im Herbst 2020 geben wird – jedenfalls nach dem aktuellen Zeitplan. „Das findet niemand ärgerlicher als die Flughafengesellschaft“, teilt das Unternehmen mit, aus Anlass eines unrühmlichen Jahrestags: Seit zwölf Jahren wird in Schönefeld gebaut.

Beim ersten Spatenstich am 5. September 2006 waren die Verantwortlichen noch sicher, dass fünf Jahre später die Flugzeuge abheben. Missmanagement und Planungsfehler, Technikprobleme und sechs geplatzte Eröffnungstermine – wer hätte es für möglich gehalten? Unwahrscheinlich schien auch, wie der Flughafen inzwischen genutzt wird.

Parkplatz

Klingt paradox: Eine Parklücke zu finden, ist am BER nicht leicht. Denn in den Parkhäusern stehen Hunderte VW – Neuwagen, die Volkswagen noch nicht verkaufen kann. Die Zulassung lässt auf sich warten, weil sich das Abgastestverfahren ändert. Der BER als VW-Parkplatz – „Es ist zwar nicht unsere Kernaufgabe“, meint Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup. Aber ein lohnendes Geschäft lasse man sich nicht entgehen.

In diesem Jahr überweist VW eine Million Euro Parkgebühr für 8000 Plätze. Nicht wenig, aber auch nicht viel verglichen mit den 6,5 Milliarden Euro, die der Flughafen bis 2020 verschlingt. Vor zwölf Jahren war noch von zwei Milliarden Euro die Rede gewesen.

Konzertbühne

„Heldenleben“, das war keine Hommage an all die, die das Monster BER schufen und zu bändigen suchten, nicht an die Aufsichtsräte Klaus Wowereit und Matthias Platzeck, nicht an die Geschäftsführer Rainer Schwarz und Hartmut Mehdorn. Mit Richard Strauss’ „Heldenleben“ machte das Deutsche Symphonie-Orchester die Terminalvorfahrt zur Konzertbühne. Drinnen Schrauber, draußen Streicher.

Fluglärm störte den Auftritt 2015 kaum, auch wenn einen Kilometer entfernt Flugzeuge abhoben. Denn im benachbarten Terminal des früheren DDR-Zentralflughafens Schönefeld checken jährlich rund zwölf Millionen Passagiere ein. 21 Millionen sind es am überlasteten Innenstadtflughafen Tegel, dem „abgenagten Möhrchen“ (Mehdorn).

Laufstrecke

Eben und mit viel Platz: Für Läufer ist die Start- und Landebahn des BER eine ungewöhnliche Herausforderung. Einmal im Jahr gibt der Flughafenchef im Sonnenuntergang den Startschuss für den Airport Night Run. Dann werden auch die Leuchten an den Pisten eingeschaltet, die Piloten nachts beim Landen helfen sollen. Mehr als 6000 Läufer waren in diesem Jahr unterwegs, auf vier mal 4000 Metern, auf zehn Kilometern und – passend zur Dauerbaustelle – im Halbmarathon.

Läufer statt Jets – für Anwohner ist das wohl die beste Lösung. Denn erst gut 3000 von 26 000 Haushalte haben auf Flughafenkosten Schallschutzfenster einbauen lassen. Weitere 6000 bekamen Geld als Entschädigung. Viele warten ab, etwa weil sie auf höhere Ansprüche hoffen. Gerichte haben schon für höhere Standards gesorgt – und die Kosten des Programms verfünffacht auf rund 730 Millionen Euro.

Ausflugsziel

Berlin wäre nicht Berlin, schlüge man aus der Flughafen-Blamage nicht Kapital. Tausende Menschen buchen jedes Jahr Touren über die Baustelle. Zehn Euro kostet die Bustour „Erlebnis BER“. Rund 14 000 Besucher gab es nach Betreiberangaben im vergangenen Jahr. Als 2012 die Eröffnung spektakulär platzte, waren es sogar mehr als 60 000 gewesen. „Höhepunkt der Tour ist der Ausstieg im Terminal und die Besichtigung des Check-in-Bereiches“, wirbt die Flughafengesellschaft. Auch für Radfahrer gibt es Touren um das Terminal. Fotografieren ist ausdrücklich erlaubt.

Möbellager

Unter Folie und Staub: Seit Jahren stehen die Wartebänke an den BER-Gates ungenutzt herum. Vor drei Jahren fand sich für einen Teil eingelagerter Sitzmöbel doch schon eine Verwendung: Die Berliner Verwaltung kaufte die Bänke für eine neue Registrierungsstelle für Flüchtlinge. Bundeswehrsoldaten brachten die Bänke nach Wilmersdorf. Den Flughafen selbst als Flüchtlingsunterkunft zu nutzen, lehnten die Betreiber ab – aus Sicherheitsgründen und weil er eben noch Baustelle ist.

Lkw-Testfeld

Männer mit Elektroden am Kopf. Lastwagen, die teilautonom und durch WLAN verbunden dicht hintereinander fahren. Diese Szenerie bot sich erst vor einigen Wochen auf der BER-Südbahn. Die Bahn-eigene Spedition DB Schenker und der Lkw-Bauer MAN testeten, wie ihre Fahrzeuge möglichst effizient im Konvoi fahren können. Mit Hilfe der Elektroden untersucht die Hochschule Fresenius, was das mit der Aufmerksamkeit des Fahrers macht.

Filmkulisse

Die 18-jährige Cindy lebt im Flughafen-Vorort Schönefeld. Im Leben der Außenseiterin geht ebenso wenig voran wie auf der Großbaustelle – bis sie den Flughafeningenieur Leif trifft. 2014 machte der Kinofilm „Schönefeld Boulevard“ (2014) den BER zur Filmkulisse – eine Zeit, in der auf der Baustelle tatsächlich kaum etwas voranging, wie Berlins Regierungschef Michael Müller (SPD) später zugab.

Inzwischen scheint der Weg zur Eröffnung klar. „Heute können wir verlässlich planen“, sagt der Flughafenchef. So wie zwischenzeitlich auch seine Vorgänger – bis wieder ein neues Technikproblem aufploppte. „Wann kommst Du wieder nach Schönefeld?“, fragt Film-Cindy ihren Flughafeningenieur. „Hängt von den Problemen ab.“ – „Dann hoffe ich, dass ihr wieder Probleme haben werdet.“

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