Energiekrise sorgt für harte Konkurrenzsituation auf dem Wohnungsmarkt

Baustelle des Community Campus in Bochum. Hier entstehen 737 Studentenwohnungen von je 20 Quadratmetern, komplett eingerichtet,
Baustelle des Community Campus in Bochum. Hier entstehen 737 Studentenwohnungen von je 20 Quadratmetern, komplett eingerichtet, mit vorgefertigten Raummodulen. Michael Voigtländer, Immobilienexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln, fordert, dass mehr Studentenwohnheime gebaut werden müssten. Im vergangenen Jahrzehnt sei der Anteil an Studenten in Wohnheimen stetig gesunken. (Foto: Jochen Tack/IMAGO)
Korrespondent (Berlin)

Auf viele der 2,95 Millionen Studenten in Deutschland kommen drastisch höhere Ausgaben für Wohnen zu. So steigen die Nebenkosten, der Wettbewerb um kleine Wohnungen treibt die Mieten. Und die Lebenshaltung wird teurer.

„Studierende stehen im nächsten Jahr vor großen wirtschaftlichen Herausforderungen“, sagte Uwe Schroeder-Wildberg, Chef des Finanzberaters MLP, der den Studentenwohnreport 2022 vorgelegt hat. Michael Voigtländer, Immobilienexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW), formulierte drastischer. „Der Preishammer kommt erst noch.“

Zum einen verteuern sich Gas und Strom, weswegen Vermieter die monatlichen Abschläge für die Energie anheben. Zum anderen kommen 2023 hohe Nachzahlungen für 2022 auf die Studenten zu. Wer eine neue Unterkunft sucht, muss sich gleichzeitig auf höhere Nettomieten einstellen. Der Trend zeichnete sich schon im ersten Halbjahr 2022 ab.

München weiter am teuersten

Das IW hat sich im Auftrag von MLP zum vierten Mal die Wohnsituation von Studenten in 38 Städten angesehen. Untersucht wurden Wohnungen und WG, keine Wohnheime. Im Schnitt stiegen die Mieten seit Mitte 2021 demnach um 5,9 Prozent.

Das größte Plus mussten danach Studenten in Berlin verkraften: 18,5 Prozent. Auf den Rängen zwei und drei folgen Leipzig und Rostock mit je zwölf Prozent. Im Vergleich wenig verteuert hat sich Wohnen dem Report zufolge in Freiburg (3,1 Prozent), Frankfurt/Main und Darmstadt (je 3,5 Prozent). In insgesamt acht der 38 Städte stiegen die Preise um mehr als zehn Prozent.

Allerdings gehören die Mieten in Frankfurt für kleine Wohnungen bereits jetzt mit im Schnitt fast 700 Euro zu den höchsten in Deutschland. An der Spitze liegt hier München, wo eine Musterwohnung 787 Euro warm kostet. In Stuttgart sind es 786, in Berlin 718 Euro.

Starker Anstieg bei WG-Zimmern

Besonders günstig sind solche Wohnungen der Studie zufolge in Dresden, Leipzig und Magdeburg mit zum Teil deutlich unter 400 Euro. In Chemnitz sind es nur 198 Euro. Bei WG-Zimmern zogen die Mieten noch kräftiger an, vor allem in kleineren Städten: Mit 24,6 Prozent liegt Mainz an der Spitze vor Heidelberg (18,5 Prozent) und Regensburg (18,4 Prozent).

In Freiburg blieben sie nahezu konstant (0,2 Prozent), in Saarbrücken sanken sie sogar um 0,3 Prozent. Auch hier liegen München (knapp 550 Euro), Berlin (gut 480 Euro) und Stuttgart (etwa 470 Euro) vorn.

Die Mieten einschließlich Nebenkosten gelten für eine studentische Musterwohnung mit 30 Quadratmetern und ein standardisiertes WG-Zimmer (20 Quadratmeter). Die Forscher gewährleisten so die Vergleichbarkeit zwischen den Städten.

Folge der Corona-Pandemie

Wer vor Ort etwas sucht, muss je nach Lage und Ausstattung unterschiedliche Mieten zahlen. Auch Chemnitz kann deshalb teurer, München etwas billiger sein. Eine Wohnung für 198 Euro warm dürfte in Bayerns Hauptstadt aber eher nicht zu finden sein.

Offenbar sind die steigenden Mieten eine Folge der Corona-Pandemie. In der Zeit haben viele Studenten Wohnungen oder WG-Zimmer gekündigt, weil sie für ihr Studium nicht vor Ort seien mussten und so Kosten sparen wollten.

Jetzt kehrten die Studenten zurück. Nur: „Es gibt erheblich mehr Konkurrenz um kleinere Wohnungen“, sagt Voigtländer, nicht nur unter Studenten. Wer eine neue Wohnung suche, suche tendenziell eine kleinere, weil dort der Energieverbrauch geringer sei. Gefragt sei auch eine zentrale Lage, um wenig pendeln zu müssen. Vermieter könnten deshalb steigende Kosten weitergeben und höhere Mieten verlangen.

Und es könnte noch teurer werden. Denn der Wohnreport hat den Markt bis zum 30. Juni untersucht. Seither ist die Inflationsrate gestiegen, ist vor allem Energie drastisch teurer geworden. Inzwischen steigen auch die Preise für Lebensmittel kräftig. Die Inflationsrate lag im August bei 7,9 Prozent. Experten rechnen mit zweistelligen Raten in den kommenden Monaten.

Schwierige Zeiten für Studenten

Die Studenten trifft der Preisanstieg besonders. Denn sie gehören zu denen mit den geringsten Einkünften. Im Schnitt haben sie Einkünfte von um die 1200 Euro, wie der Report ermittelt hat. Und dieser Wert stagnierte 2020.

Zahlen für das vergangene Jahr fehlen noch, MLP-Chef Schroeder-Wildberg geht davon aus, dass Studenten weniger verdient haben, weil typische Studentenjobs in Gastronomie und Hotellerie weggefallen sind. Weil sie nur wenig ausgeben können, treffen die steigenden Lebenshaltungskosten Studenten härter als Menschen mit höheren Einkommen.

Eine Folge: Studenten wohnten weiterhin bei ihren Eltern. Derzeit trifft das bereits auf ein Viertel aller Immatrikulierten zu, wie Immobilienexperte Voigtländer sagte. Der Wert ist in den vergangenen Jahren gestiegen.

Er empfahl der Bundesregierung, das Bafög noch stärker anzuheben als zuletzt. Zudem müssten mehr Studenten die Chance haben, es zu beantragen. Und er forderte, dass mehr Studentenwohnheime gebaut werden müssten. Im vergangenen Jahrzehnt sei der Anteil an Studenten in Wohnheimen stetig gesunken.

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