Wird jetzt das Haustierfutter knapp?

Die Produktion von Tierfutter ist energieintensiv und auf Gas angewiesen.
Die Produktion von Tierfutter ist energieintensiv und auf Gas angewiesen. (Foto: Markus Scholz)
Wirtschaftsredakteurin

Leere Hunde- und Katzennäpfe? Agathe Heim, Geschäftsführerin des Katzen- und Hundefutterherstellers Bosch Tiernahrung aus Blaufelden-Wiesenbach im Landkreis Schwäbisch Hall, macht sich durchaus Sorgen, dass das Tierfutter ausgehen könnte.

Denn im schlimmsten Fall – wenn es zu einem Gas-Lieferstopp komme – käme auch die Produktion der Tierfutterhersteller größtenteils zum Erliegen.

„Der Hauptenergiebedarf wird in unserer Branche durch Gas gedeckt“, sagt Heim, dessen Familienbetrieb seit 1960 existiert und heute rund 20 000 Tonnen Hunde- und Katzenfutter pro Monat herstellt und dieses zum großen Teil über den Fachhandel vertreibt.

Herstellung von Tierfutter ist energieintensiv

Das Trockenfutter müsse wegen der tierischen Bestandteile laut EU-Verordnung bei mindestens 90 Grad dampfgekocht werden und zur Haltbarmachung anschließend getrocknet werden. Um zu kochen und zu trocknen, wird Gas als Energiequelle genutzt. Man habe in der Branche vor Jahren aufwendig von Heizöl auf Gas umgerüstet, sagt Heim, „weil Gas von der CO2-Emissionsbilanz eben viel günstiger ist.“

Nun wird ausgerechnet das zum Problem, denn die Sorge besteht weiterhin, dass die russischen Energielieferungen ausfallen. Trotz der wieder angelaufenen Gaslieferung durch die Pipeline Nord Stream 1 halten die Grünen einen vollständigen Lieferstopp durch Russland weiter für möglich.

„Wenn ab morgen kein Gas mehr fließen würde, würde bei uns 75 Prozent der Produktion einbrechen“, sagt Heim. Zusätzlich können man bei Bosch Tiernahrung zwar noch auf Biogas und auf eine Photovoltaikanlage zugreifen, aber ansonsten sei man eben vom klassischen Erdgas abhängig. „Wir verbrauchen über 90 Millionen Kilowattstunden Gas im Jahr“, sagt Heim.

Das Unternehmen arbeite an Alternativen, aber viele Lösungen seien eben nur langfristig und nicht so kurzfristig umsetzbar wie es jetzt nötig wäre, erklärt die Geschäftsführerin. „Je mehr Zeit wir gewinnen, desto besser.“

Die Lage in der Branche „ist dramatisch“, sagt Georg Müller, Chef des Industrieverbands Heimtierbedarf (IVH), gegenüber der „Bild“. „Wenn es in der Branche zu einem Gasstopp kommt, müssen wir die Produktion einstellen.“ Zwei bis drei Monate könnte die Lage mit den bisher hergestellten Vorräten noch überbrückt werden, „danach sieht es schlecht aus“, schätzt Georg Müller die Situation ein.

Vorräte reichen nur für vier Wochen

Agathe Heim sagt, dass es bei ihrem Unternehmen nur etwa vier Wochen sind, die überbrückt werden können. Danach wird es eng. Fressnapf-Chef Johannes Steegmann geht im Gespräch mit der Funke-Mediengruppe von „unabsehbaren Folgen für Haustiere und Kunden“ aus.

Auch Fressnapf hättte nur Futterrücklagen für einen Monat. Mehrere Vertreter der Branche haben sich deswegen in einem offenen Brief an die Bundesregierung gewandt, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen.

Denn neben dem möglichen Lieferstopp von Erdgas sind es auch die steigenden Energiepreise, die die Branche belasten: „Die anhaltenden Preissteigerungen im Bereich der Rohstoffe, Verpackungen und Logistik sowie die Beeinträchtigungen der Lieferwege stellen die Heimtierbranche bereits jetzt vor nie dagewesene Herausforderungen. Durch den drohenden Engpass in der Gas-Versorgung sehen wir unseren Auftrag der artgerechten Versorgung der Heimtiere in konkreter Gefahr“, heißt es in dem Brandbrief.

Energiesparen sei leichter gesagt als getan, heißt es von dem nordrhein-westfälischen Tierfutterhersteller Mera gegenüber der Funke-Mediengruppe. „Aufgrund der gesetzlichen Vorgaben muss Heimtiernahrung hoch erhitzt werden“, sagt Chef Martin Spengler.

Die Regierung müsse die Branche vorrangig mit Gas versorgen, sollte eine Rationierung notwendig werden, fordert IVH-Chef Müller. „Die Bundesregierung muss alles tun, dass die Katastrophe nicht eintritt und wir weiter produzieren können.“

Keine Küchenreste an Haustiere verfüttern

Spengler rät jedoch davon ab, als Alternative zum Tierfutter Küchenreste an Haustiere zu verfüttern. „Eine solche Ersatzernährung würde die Tiere dem Risiko aussetzen, nicht gesund und ausgewogen ernährt zu werden – mit der möglichen Folge von nachhaltigen gesundheitlichen Problemen“, sagt er.

Laut einer Erhebung des Marktforschungsinstituts Skopos leben die Deutschen mit 34,7 Millionen Hunden, Katzen, Kleinsäugern und Ziervögeln zusammen. Hinzu kommen zahlreiche Zierfische und Terrarientiere.

69 Prozent aller Familien mit Kindern haben ein Heimtier und in 15 Prozent aller Haushalte wohnen mindestens zwei Heimtierarten. Der Umsatz im gesamten Heimtier-Bedarfsmarkt belief sich im vergangenen Jahr auf rund sechs Milliarden Euro.

Gerade in der Pandemie haben sich viele Menschen aus Langeweile oder Einsamkeit ein Haustier angeschafft. Und all diese tierischen Freunde wollen jetzt natürlich auch versorgt werden.

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