Wie Corona das Kaufverhalten verändert

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Ein Schild an einem Geschäft weist darauf hin, dass es auf Anordnung der Landesregierung zur Eindämmung des Coronavirus geschlos
Ein Schild an einem Geschäft weist darauf hin, dass es auf Anordnung der Landesregierung zur Eindämmung des Coronavirus geschlossen ist. Dem Modehandel in den Fußgängerzonen ging es schon vor der Pandemie nicht gut. In der Corona-Krise gehörte er dann zu den großen Verlierern. (Foto: Michael Reichel/dpa)
Deutsche Presse-Agentur
Erich Reimann

Die Corona-Pandemie verändert den deutschen Einzelhandel wie keine andere Krise der vergangenen Jahrzehnte. Der Internethandel boomt, viele Fußgängerzonen und Shoppingcenter sind dagegen deutlich leerer als vor einem Jahr. Während Lebensmittelhandel und Baumärkte Umsatzrekorde verzeichnen, bleiben in Modegeschäften die Kunden aus. Für den Geschäftsführer der Handelsberatung BBE, Joachim Stumpf, steht deshalb fest: „Corona ist ein großer Beschleuniger des Strukturwandels im Einzelhandel.“

Beispiel Textilien: Dem Modehandel in den Fußgängerzonen ging es schon vor der Pandemie nicht gut. In den Corona-Krise gehörte er dann zu den ganz großen Verlierern. Die Branche habe seit dem Shutdown im März „mit den größten wirtschaftlichen Herausforderungen seit Bestehen der Bundesrepublik zu kämpfen“, urteilt das Branchenfachblatt „Textilwirtschaft“. Die Umsätze der stationären Händler lägen auch im September noch um 18 Prozent unter dem Vorjahreswert. „Es wird noch über 2021 hinaus dauern, bis das Vorkrisenniveau wieder erreicht wird“, glaubt Stumpf.

Und mit den Textilhändlern leiden die Innenstädte. Das Verblüffende dabei: Besonders hart trifft es zurzeit die sonst sehr gut frequentierten Toplagen in den Metropolen und die Shoppingcenter. Einkaufsstraßen in kleineren Städten und Fachmarktzentren haben sich dagegen viel besser von der Krise erholt.

„Corona hat in den Innenstädten alles durcheinandergewirbelt“, meint Stumpf. Das Erfolgsrezept der Toplagen, die in normalen Zeiten Kunden von weit her anlocken und einen großen Teil der Umsätze mit Touristen machen, funktioniere aktuell nicht mehr. Dagegen hätten sich vermeintliche Problemstandorte in kleineren Städten, die in den vergangenen Jahren regelmäßig zu den Verlierern gehörten, rasch vom Corona-Schock erholt. Sie profitierten davon, dass die Verbraucher das Getümmel mieden.

Auch viele Shoppingcenter gehören zu den Opfern der Krise, wie Joachim Will, Inhaber des Wiesbadener Beratungsunternehmens Ecostra, betont. „Ihnen macht die Maskenpflicht zu schaffen – und die Tatsache, dass viele Verbraucher deshalb den Aufenthalt in geschlossenen Räume möglichst kurz halten.“ Einige Shoppingcenter werden die Krise nicht überleben, ist Will überzeugt.

Zu den Gewinnern im Corona-Durcheinander gehört dagegen der stationäre Lebensmittelhandel. Edeka, Rewe und Co. profitierten nicht nur davon, dass ihre Geschäfte während des Shutdowns geöffnet blieben, sondern auch davon, dass wegen Homeoffice, Kurzarbeit und Ansteckungsangst auch danach mehr zu Hause gegessen wurde. Insgesamt lagen die Umsätze im Lebensmittelhandel nach Berechnungen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in den ersten acht Monaten um rund zwölf Prozent über dem Vorjahresniveau. Allerdings scheint sich die Situation hier allmählich zu normalisieren. Nach den zweistelligen Wachstumsraten der Vormonate lag das Umsatzplus im August nur noch bei vergleichsweise bescheidenen zwei Prozent. „Das Raumschiff ist gelandet, die Erde hat den Lebensmittelhandel wieder“, beschrieb der GfK-Handelsexperte Robert Kecskes in einer aktuellen Marktstudie den Trend.

Keine Ende des Corona-Rückenwindes ist dagegen bislang im Onlinehandel zu bemerken. Er boomt noch mehr als vor der Krise. Im dritten Quartal lagen die E-Commerce-Umsätze in Deutschland mit 19,3 Milliarden Euro um satte 13,3 Prozent über dem Vorjahresniveau. „Obwohl seit Juli alle Läden wieder geöffnet haben, verlassen sich viele Verbraucher weiter auf die belastbaren Lieferstrukturen des Online- und Versandhandels“, sagt der Hauptgeschäftsführer des E-Commerce-Verbandes bevh, Christoph Wenk- Fischer. Wachstumstreiber sind der Onlinehandel mit Lebensmitteln mit einem Plus von gut 50 Prozent und das Geschäft mit Gütern des täglichen Bedarfs mit einem Zuwachs von 34 Prozent. Video- und Musik-Downloads dienten als Ersatz für Kino- und Konzertbesuche und legten um 18,7 Prozent zu. Der Bekleidungshandel via Internet wuchs um 13,9 Prozent.

Bitter für den stationären Handel: Er konnte von dem Onlineboom mit den eigenen Onlineshops nur vergleichsweise wenig profitieren. Onlinemarktplätze wie Amazon, klassische Versandhändler und reine Onlineanbieter wuchsen deutlich stärker.

Für Branchenkenner Stump ist es aber trotz des anhaltenden Erfolgs des Internets zu früh für einen Abgesang auf die Innenstädte. „In den vergangenen Jahren sind die Verbraucher nach Krisen immer wieder zu ihren alten Verhaltensmustern zurückgekehrt“, betont er. Auch nach der Corona-Pandemie werde das nicht anders sein. „Es wird zwar in Zukunft mehr online eingekauft werden als vor der Krise, aber auch die großen Einkaufsstraßen werden wieder ihren Glanz entfalten und die Menschen anlocken.“

Auch Ecostra-Chef Will rechnet mit einem Comeback der Fußgängerzonen. Allerdings nur dort, wo die Innenstädte attraktiv genug sind. Ein gutes Warenangebot allein reiche nicht aus. „Wichtig ist eine gute Aufenthaltsqualität in der Innenstadt: die Gastronomie, die Plätze, der Städtebau. Die Innenstadt muss ein attraktives Ziel sein, wenn die Menschen überlegen: Was mache ich heute?“

Handelsverband warnt vor verödeten Innenstädten

Die wirtschaftlichen Aussichten für viele Einzelhändler in Baden-Württemberg verschärfen sich weiter. Zahlreiche Kommunen wollen oder können in diesem Jahr weder Weihnachtsmärkte noch verkaufsoffene Sonntage veranstalten. Das ergab eine Blitz-Umfrage des Handelsverbands Baden-Württemberg (HBW) unter rund 200 kommunalen Vertretern. Angesichts dieser Entwicklung warnt der HBW vor einer weiteren Verödung der Innenstädte. „Für diese wegfallenden verkaufsoffenen Sonntage und Weihnachtsmärkte benötigt der Einzelhandel in den Gemeinden und Städten dringend Ersatz“, betonte HBW-Hauptgeschäftsführerin Sabine Hagmann. Ansonsten würden nicht nur die Händler, sondern die ganzen Innenstädte unter Druck geraten. „Man muss sich das jetzt klarmachen: Der Einzelhandel in den Innenstädten ist angezählt“, so Hagmann, „wenn wir keine Geisterstädte wollen, müssen wir den Handel jetzt, wo es geht, unterstützen." Daher begrüßt der HBW ausdrücklich den von der baden-württembergischen Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut angeforderten Fördertopf von 40 Millionen Euro für Marketingzuschüsse für Modehändler in den Innenstädten von Baden-Württemberg. Hagmann appellierte auch an die Kunden, angesichts der Corona-Pandemie den lokalen Handel „nicht im Stich zu lassen".

Hoffnung in Sachen Weihnachtsmärkte kommt aktuell von der Landesregierung: Diese will die Entscheidung über Weihnachtsmärkte in Pandemiezeiten den Kommunen überlassen. Solange die allgemeine Corona-Infektionslage das erlaube, sollten die Kommunen entscheiden, ob und wenn ja unter welchen Bedingungen die Märkte stattfinden. (sz)

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