Wie Ökonomen Karl Marx beurteilen

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Eine Karl-Marx-Skulptur spiegelt sich im Stadtmuseum Simeonstift in Trier.
Eine Karl-Marx-Skulptur spiegelt sich im Stadtmuseum Simeonstift in Trier. (Foto: dpa)
Deutsche Presse-Agentur
Friederike Marx

Er gilt als einer der einflussreichsten und umstrittensten deutschen Denker: der vor 200 Jahren am 5. Mai 1818 in Trier geborene Karl Marx. Zwar hat sich seine These vom zwangsläufigen Untergang des Kapitalismus mehr als 150 Jahre nach Erscheinen des „Kapitals“ nicht bewahrheitet. Doch ist deshalb alles falsch, was der bärtige Philosoph zu Papier gebracht hat? Wie beurteilen heutige Ökonomen seine Thesen?

1. ENTFREMDUNG: Der Arbeiter produziert einen immer größeren Reichtum, von dem er selbst nichts hat, sondern der das Privateigentum der Kapitalbesitzer mehrt.

„Das Konzept der Entfremdung wurde historisch überholt durch Tarifautonomie und Sozialpartnerschaft, duale Berufsausbildung und Stabilität des Normalarbeitsverhältnisses“, argumentiert der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther. Gustav Horn, Chef des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, gibt dagegen zu bedenken: „Der Kapitalismus neigt dazu, alles zu vermarkten, und dies wiederum ist Ausgangspunkt für tiefgreifende Entfremdungsprozesse. Es erklärt auch die heute weit verbreitete Sehnsucht nach Authentizität.“

Der bekannte französische Ökonom Thomas Piketty kommt in seinem Buch „Kapital im 21. Jahrhundert“ zu dem Ergebnis, Reichtum konzentriere sich an der Spitze der Gesellschaft – also dort, wo er ohnehin schon reichlich vorhanden sei. Mit Einkommen aus Kapitalbesitz lasse sich ein höherer Wohlstand erzielen als mit Einkommen aus Arbeit. Das werfe auch zahlreiche Gerechtigkeitsfragen auf.

2. MASSENVERELENDUNG: Die Löhne können das Existenzminimum nicht dauerhaft überschreiten, weil es durch den Einsatz von Maschinen immer genug Menschen auf Jobsuche gibt. Das Heer der schlecht bezahlten oder arbeitslosen Proletarier wächst daher beständig.

„Der Marktwirtschaft ist es gelungen, in den westlichen Ländern breite Bevölkerungsschichten zu Wohlstand kommen zu lassen“, hält Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer dagegen. Der sich ausbreitende Wohlstand in vielen asiatischen Ländern gehe ebenfalls auf die Marktwirtschaft zurück. Marx' Lehren hätten allerdings das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer sozialen Grundsicherung geschärft: „Marx hat das Elend der Arbeiter im 19. Jahrhundert zu Recht zum Thema gemacht.“

3. UNTERGANG DES KAPITALISMUS: Für Marx ist die am Ende selbstzerstörerische Kraft des Kapitalismus eine zwangsläufige Entwicklung – ein „Naturgesetz“.

Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater verweist auf die Anpassungsfähigkeit des Systems: „Trotz aller Probleme haben Marktwirtschaften zusammen mit dem ökonomischen Wirken der Staaten die Chance und die Fähigkeit, die heutigen Herausforderungen von Ungleichheit und Strukturwandel am Ende zu meistern.“

4. AKTUALITÄT: „Für die Wirtschaftswissenschaft heute sind die Theorien von Karl Marx bedeutungslos“, meint der Wirtschaftsweise Volker Wieland klipp und klar. „Seine Vorhersagen zur wirtschaftlichen Entwicklung wurden von der tatsächlichen Entwicklung widerlegt. Deshalb baut die Wirtschaftswissenschaft auf anderen Erklärungsansätzen auf.“

Andere Experten sehen das anders. Nach Einschätzung von Dekabank-Chefvolkswirt Kater ist Marx in einem Punkt „brandaktuell“: „Er hat in Zeiten gelebt, die unseren sehr ähnlich waren.“ Auch damals sei die Wirtschaft von heftigen Veränderungen erschüttert worden. „So wie heute die Arbeitsplätze in den Industriesektoren durch zunehmende Automatisierung bedroht sind, wurde damals der landwirtschaftliche Sektor abgewickelt.“

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