Wenn das Tattoo nicht mehr gefällt

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Ein Arzt entfernt mittels eines Lasers ein Tattoo: Die Zahl der mit ihrer Körperbemalung Unzufriedenen geht in die Hunderttausen
Ein Arzt entfernt mittels eines Lasers ein Tattoo: Die Zahl der mit ihrer Körperbemalung Unzufriedenen geht in die Hunderttausende. Angesichts der hohen Preise für das Weglasern ein Milliardenmarkt. (Foto: dpa)

Im Ladengeschäft von Peter Ziguri im Berliner Stadtteil Schöneberg hängen rundum an der Wand phantasievolle Motive. Seit 16 Jahren tätowiert er hier seine Kunden. Passanten dürfen in den Laden schauen. Der Eindruck vom schmuddeligen Tattoo-Studio im dunklen Hinterhof soll erst gar nicht entstehen. „Ein Tattoo sollte eine Entscheidung für das ganze Leben sein“, sagt er, der selbst an Armen und Hals gut sichtbare Zeichnungen trägt. Der Künstler ist sich jedoch nicht sicher, ob das allen neuen Trägern klar ist. Längst sind die farbenfrohen Körperverzierungen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. In diesem Sommer sind so viele Tattoos zu sehen wie noch nie. Diese Massenmode könne auch wieder nachlassen, glaubt er. Doch die Entfernung sei kein Kinderspiel. „Es ist teurer, dauert länger und ist schmerzhafter“, warnt Ziguti.

Davon lebt das Unternehmen Tattoolos. In dessen Studio im benachbarten Stadtteil Kreuzberg sieht es eher nach steriler Arztpraxis denn nach Körperkunst aus. Wer hierher kommt, mag das Bild am eigenen Körper nicht mehr sehen. „Das kostet etwa das Zehnfache vom Stechen des Tattoos“, sagt Gründer Markus Lühr. Vor zehn Jahren war Tattoolos das erste Unternehmen am Ort. Heute werde die Konkurrenz von Tag zu Tag größer, sagt Lühr, der auch in anderen Städten, der Schweiz und demnächst in Barcelona Studios unterhält. An eine Entscheidung für das ganze Leben denken die meisten Kunden beim Tätowieren offenkundig nicht. „Die Leute machen das unüberlegt und wollen es schnell haben“, beobachtet der Unternehmer.

Der Umfang der Branche lässt sich nur schätzen. Exakte Zahlen gibt es nicht, auch weil es an Regulierung mangelt und etliche Körperkünstler ihr Geschäfts nicht registrieren lassen. Lühr schätzt allein in Berlin die Zahl der Tätowierstudios auf 2000. Bundesweit sind es nach Expertenschätzung bis zu 20 000. Beim Stadtspaziergang in diesem Sommer belegt schon der Augenschein, dass sie gut zu tun haben. Immer mehr Menschen zeigen sich mit ihrer Bemalung öffentlich.

Spätestens nachdem Pop- und Sportstars ihre farbenfrohe Hautverzierung buchstäblich zu Markte tragen, ist das Tattoo gesellschaftsfähig geworden. Bei einer Umfrage das Statistikportals Statista aus dem vergangenen Jahr gaben zehn Prozent der über 18-Jährigen an, dass sie mehrere Tattoos haben, weitere 14 Prozent haben eines. Jeder fünfte spielt mit dem Gedanken daran, sich eines stechen zu lassen. Mittlerweile gehen die Expertenschätzung von bis zu zwölf Millionen tätowierten in Deutschland aus.

Vierstellige Preise fürs Entfernen

Viele davon werden wohl bald Kunden von Lühr und anderen Tattoo-Entfernern werden. Bei einer älteren Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) aus dem Jahr 2014 zeigten sich hochgerechnet 700 000 Menschen mit ihrem Hautkunstwerk unzufrieden und wollten es entfernen lassen. Das ist ein Milliardengeschäft. Schon für die Entfernung eines briefmarkengroßen Bildchens mit dem Laser müssen die Kunden bis zu 500 Euro einplanen. Bei großflächigen Bildern werden einige Tausend Euro fällig. Die Prozedur kann bis zu 18 Monate dauern.

Medizinisch birgt dieser Eingriff Risiken. Das wohl größte besteht darin, an einen Laien im Umgang mit dem Laser zu geraten. Denn noch darf jedermann praktisch unreguliert diesen Dienst anbieten. „Wo viele Leute die schnelle Mark wittern, wird es gefährlich“, warnt der Regensburger Dermatologe Philipp Babilas, „die Nutzung falscher Geräte oder die falsche Anwendung kann zu schweren Verbrennungen und Narbenbildung führen.“

Im Onlinehandel sind Laser, die als geeignet für die Entfernung von Tattoos angepriesen werden, schon für ein paar Dutzend Euro zu haben. Babilas hält davon gar nichts. „Das müssen hochwertige Geräte sein“, sagt der Arzt. Diese kosten rund 100 000 Euro. Das größte Risiko sind seiner Einschätzung nach die Farben des Tattoos und das schon bei Stechen. Auch Autolacke und Industriefarben oder Verunreinigungen mit Arsen, Kobald und Nickel befänden sich unter den angebotenen Farbpigmenten, erläuter Babilas. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat festgestellt, dass sich nach einer Laserentfernung kleinste Farbteilchen in den Lymphknoten anreichern.

Dem völlig unkontrollierten Geschäft will die Bundesregierung nun einen Riegel vorschieben. Am 31. Dezember 2018 treten Neuregelungen des Strahlenschutzgesetzes in Kraft. Darin wird der Umgang mit Laserbehandlungen reguliert. „Für die Tattoo-Entfernung ist vorgesehen, dass Laseranwendungen zur Entfernung von Tätowierungen künftig Fachärzten vorbehalten bleiben“, erläutert eine Sprecherin des zuständigen Umweltministeriums. Die bestehende Rechtslücke solle so geschlossen werden. Damit werden jedoch nicht alle Anbieter über Nacht ihr Geschäft einstellen müssen. Das Ministerium rechnet mit einer Übergangsfrist von drei Jahren, bis derartige Eingriffe allein von Fachleuten durchgeführt werden dürfen.

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