Was Falken und Tauben für Anleger bedeuten

EZB-Präsidentin Christine Lagarde auf der Pressekonferenz am Donnerstag vergangener Woche: Zur Bekämpfung der Rekordinflation ha
EZB-Präsidentin Christine Lagarde auf der Pressekonferenz am Donnerstag vergangener Woche: Zur Bekämpfung der Rekordinflation hatte die Notenbank die größte Zinserhöhung ihrer Geschichte beschlossen. (Foto: Sanziana Perju/dpa)
Korrespondent

Als historischen Schritt in der Eurozone ist die jüngste Leizinserhöhung der Europäischen Zentralbank (EZB) Anfang September zu bewerten. Um 0,75 Prozentpunkte hat die EZB den Satz angehoben, was den größten jemals vollzogenen Zinsschritt in der Eurozone darstellt. Und das ist noch lange nicht das Ende der Fahnenstange. „Anleger sollten sich vor dem Hintergrund weiter steigender Inflationsraten darauf einstellen, dass auf den verbleibenden beiden EZB-Sitzungen in diesem Jahr weitere kräftige Leitzinsanhebungen folgen werden“, sagt Ulrich Stephan, Chefanlagestratege von der Deutschen Bank. Am Beispiel der aktuellen Zinsentscheidungen wird damit deutlich, auf welche Weise sich die Geldpolitik der Notenbank unmittelbar auf Zins- und Dividendentitel wie Anleihen und Aktien auswirken kann.

Wie bei allen geldpolitischen Entscheidungen der Notenbanken werden die Mitglieder des Zentralbankausschusses, der über die Zinspolitik entscheidet, gerne nach ihrem wahrscheinlichen Abstimmungsverhalten in Falken und Tauben eingeteilt. Falken neigen zu einer strengeren Geldpolitik, was mit höheren Zinssätzen einhergeht – mit dem Ziel, die Inflation in Schach zu halten. Gleichzeitig kann dies aber zu Lasten des Wirtschaftswachstums führen, da höhere Zinssätze das Geld teurer machen und Unternehmen von der Kreditaufnahme abschrecken. Für Privatanleger bedeutet dies wiederum, dass Sparen bei steigenden Zinsen wieder lohnenswerter, die Kreditaufnahme aber teurer wird.

Die Tauben unter den Notenbankern bevorzugen dagegen eine lockerere Geldpolitik und halten die Zinssätze niedrig, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Sie sorgen also dafür, dass Zentralbankgeld üppig vorhanden und damit billig zu haben ist. Damit, so das Kalkül der Tauben, sollen sich die Ausgaben zugunsten der Wirtschaft und einer steigenden Beschäftigung erhöhen – was allerdings mit dem Risiko einer steigenden Inflation verbunden sein kann.

Nachdem die EZB ihren ersten rekordhohen Zinsschritt gegangen war, hatte ihre Präsidentin, Christine Lagarde, angesichts einer hohen Inflation weitere, zügige Schritte angekündigt. Entsprechend laut sind auch die Rufe von Falken wie dem baden-württembergischen Sparkassenpräsidenten Peter Schneider, der mindestens zwei weitere, deutliche Zinsschritte anmahnt. Eine solche Stimmungslage, die von weiter steigenden Zinsen ausgeht, ist stets Gift für die Aktienmärkte, weshalb etwa der Deutsche Aktienindex deutlich unter die Marke von 14 000 Punkten abgerutscht ist.

Andererseits bedeutet die Wende zugunsten der Falken, dass Staatsanleihen wieder Rendite abwerfen. So rentieren deutsche Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit inzwischen um die 1,7 Prozent, nachdem diese bis Februar noch Negativrenditen abwarfen. Für italienische Bonds, die in Deutschland allerdings nicht börslich handelbar sind, gibt’s dagegen schon um die vier Prozent.

Die entscheidende Crux an der aktuellen geldpolitischen Situation ist allerdings, dass die EZB ihre Null- und Negativzinspolitik viel zu lange schon betrieben hat – die Tauben innerhalb der Notenbank damit rund zehn Jahre die Oberhand behalten haben. Dies kam zwar den Schuldnerländern unter den Eurostaaten lange Zeit zugute, ebenso den Aktienanlegern. Seit dem ersten Quartal des Jahres aber stehen die Zentralbanker vor dem Dilemma, einerseits die hohe Inflation eindämmen zu müssen, andererseits die ohnehin stotternde Konjunkturentwicklung nicht abzuwürgen. Natürlich sind die Inflationstreiber der hohen Energiepreise nicht der EZB, sondern dem Ukraine-Krieg geschuldet. Aufgrund ihres langen Zögerns aber hinkt die Notenbank hinter der Entwicklung her. Die Frage ist nun, ob es der EZB gelingen wird, sich mit weiteren mutigen Zinsschritten doch noch vor die Welle zu setzen.

Ist Christine Lagarde also angesichts ihrer zinspolitischen Wende von einer Taube zu einem Falke mutiert? Wohl eher nicht. Erachtet die EZB-Präsidentin doch das alte Lagerdenken als „sehr restriktiv“, weshalb sich die Französin nie in die traditionellen Kategorien von Tauben und Falken einordnen wollte. Stattdessen stuft sie sich lieber als Eule ein – und diese Tiere gelten ja bekanntlich als Symbol für Klugheit und Weisheit.

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