Warum der Pharmakonzern Bayer einem Rentnerpaar Milliarden zahlen muss

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13.05.2019, USA, San Francisco: Alva Pilliod (l-r), Rechtsanwalt Brent Wisner, Alberta Pilliod und Rechtsanwalt Michael Miller a
13.05.2019, USA, San Francisco: Alva Pilliod (l-r), Rechtsanwalt Brent Wisner, Alberta Pilliod und Rechtsanwalt Michael Miller auf einer Pressekonferenz in San Francisco, wenige Stunden nachdem ein Gericht in Oakland das Unternehmen Bayer zu Schadenersatz in Höhe von insgesamt über zwei Milliarden Dollar (1,78 Milliarden Euro) an die beiden Kläger verurteilt hatte. Das Rentnerehepaar Pilliod macht geltend, wegen des von der Bayer-Tochter Monsanto erzeugten, hochumstrittenen Wirkstoffs Glyphosat an Krebs erkrankt zu sein. (Foto: dpa)
Deutsche Presse-Agentur
Erich Reimann und Michael Schilling

Eine US-Jury sprach Alva und Alberta Pilliod Schadenersatz in Höhe von umgerechnet fast 1,8 Milliarden Euro zu. Das Paar ist an Krebs erkrankt und schreibt dies der Verwendung glyphosathaltiger Unkrautvernichter durch die Bayer-Tochter Monsanto zu. Es ist bereits die dritte Niederlage für Bayer und Monsanto in US-Verfahren im Zusammenhang mit dem umstrittenen Präparat. Zwar kündigte Bayer Berufung gegen die Entscheidung an. Doch an der Börse ging die Talfahrt der Bayer-Aktie weiter.

Die Pilliods hatten den Monsanto-Unkrautvernichter Roundup über Jahrzehnte auf ihren Grundstücken verwendet. Bei Alva wurde 2011 ein Non-Hodgkin-Lymphom diagnostiziert, eine bösartige Erkrankung des lymphatischen Systems. Seine Frau bekam dieselbe Diagnose vier Jahre später. Aufgrund der Werbung des Unternehmens hätten sie den Eindruck bekommen, dass das Mittel sicher sei, beklagte sich Alberta Pilliod am Montag auf einer Pressekonferenz. Sie wünschten sich, dass Monsanto über die Gefahren des Mittels aufgeklärt hätte. „Es hat unser Leben für immer verändert. Wir können nicht mehr die Dinge machen, die wir früher konnten und das nehmen wir Monsanto wirklich übel“, erklärte die 74-Jährige.

Bayer hatte vor Gericht vergeblich darauf verwiesen, dass beide Kläger eine lange Historie von Vorerkrankungen hätten, die bekanntermaßen erhebliche Risikofaktoren für eine Erkrankung am Non-Hodgkin-Lymphom seien. Es gebe keine wissenschaftlichen Beweise, dass es ohne den Einsatz von Glyphosat nicht zu der Krebserkrankung gekommen wäre, argumentierte Bayer. Doch die Jury überzeugte das nicht. Sie machte das Monsanto-Präparat für die Krebserkrankung verantwortlich.

Dem Konzern eine Lehre erteilen

Der größte Teil der verhängten Milliardensumme entfiel dabei auf den sogenannten Strafschadenersatz, wofür es im deutschen Recht keine Entsprechung gibt. Ein Juror wurde in US-Medien mit dem Satz zitiert, das Urteil solle dem Konzern eine Lehre erteilen. Es ist bereits die dritte derartige Niederlage für Bayer. Im ersten Prozess hatte eine Jury den Konzern vergangenen August zunächst zu 289 Millionen Dollar an Schmerzensgeld und Entschädigung verdonnert. Die Richterin reduzierte die Summe später allerdings auf rund 78 Millionen Dollar. Im Ende März verlorenen zweiten Prozess steht eine ähnlich hohe Summe im Raum. Insgesamt gibt es mittlerweile schon 13 400 Klagen gegen Monsanto im Zusammenhang mit Glyphosat.

Damals wie heute betonte Bayer, die Urteile stünden in direktem Widerspruch zu vielen Studien zur Sicherheit von Glyphosat. Und in der Tat hatte die US-Umweltbehörde Epa den Unkrautvernichter Glyphosat erst Anfang Mai weiterhin als nicht krebserregend eingestuft. Die Klagewelle in den USA fußt dagegen im Grunde auf einer Einschätzung der Internationalen Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die den Unkrautvernichter 2015 als „wahrscheinlich krebserregend“ für Menschen einstufte.

Die Deutsche Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) sieht Bayer nach der Verhängung der Milliardenstrafe in einer gefährlichen Lage. „Das Schicksal von Bayer liegt jetzt in der Hand des US-Richters, der als nächster die Höhe der Strafe prüft“, sagte DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler. Das sei „erschreckend“.

Tüngler betonte, das Urteil zeige auch, dass Bayer das mit der Monsanto-Übernahme verbundene Reputationsrisiko offenbar unterschätzt habe. Der Leverkusener Konzern sei immer davon ausgegangen, dass es nur in Deutschland ein Problem mit dem Image des in der Gentechnik sehr aktiven US-Konzerns gebe. Doch seitdem Monsanto nicht mehr amerikanisch sei, sei offensichtlich auch die Stimmung in den USA gekippt.

Markus Manns von der Fondsgesellschaft Union Investment betonte, das Urteil verdeutliche die „enormen Risiken des Monsanto-Deals“. Bayer habe die Probleme „offenbar völlig unterschätzt“.

Der Leverkusener Konzern setzt nun auf die nächsten Instanzen und die dort zuständigen Berufsrichter, von denen sich Bayer ein größeres Augenmerk für die immer wieder zitierten Studien zur Sicherheit von Glyphosat und sachlichere Urteile.

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